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Frank Reifenberg: „‚Mädchentitel‘ verkaufen sich besser“

Frank Reifenberg (Foto: Jörg Neumann)
Frank Reifenberg (Foto: Jörg Neumann)

Der Autor Frank Reifenberg engagiert sich vielfältig für die Leseförderung von Jungen. Sein neuer Jugendthriller erscheint am 25. Juni bei Knesebeck. Wir haben ihn gefragt, warum Jungen weiterhin weniger als Mädchen lesen und wie sich das ändern ließe.

BuchMarkt: Seit vielen Jahren wird über eine Leselücke zwischen Jungen und Mädchen diskutiert. Wie stellt sich die Situation heute aus Ihrer Sicht dar? Wird das Problem aus Ihrer Sicht größer oder kleiner?

Frank Reifenberg: Leider verändert sich hier schon seit einiger Zeit wenig. Betrachtet man die Entwicklung der letzten Jahre anhand der renommiertesten Langzeitstudien (PISA, IGLU, JIM-Studie), zeigt sich ein ernüchterndes Bild: Der Vorsprung der Mädchen bleibt bestehen, wobei beide Geschlechter an Kompetenz verlieren.

Warum tun sich viele Jungen mit dem Lesen schwerer als Mädchen?

Drei Faktoren spielen eine wesentliche Rolle. Lesen wird von vielen Jungen oft als „Mädchensache“ oder als passive, rein schulische Aktivität wahrgenommen. Es passt seltener zu traditionellen, eher aktionsorientierten Männlichkeitsbildern im Jugendalter.

Im Alltag, vor allem in der Familie, erleben Jungen seltener lesende Männer. Es fehlen männliche Vorbilder. Väter greifen weniger zu Büchern. Auch im Bildungssystem – von der Kita bis zur Schule – sind überwiegend Frauen für die Lesevermittlung zuständig.

Und schließlich unterstützt den Negativtrend oft das Angebot des falschen Lesematerials. Jungen bevorzugen meist Sachtexte, Comics, Graphic Novels oder actionreiche, spannende Stoffe, oft Genre, die von den Erwachsenen nicht unbedingt goutiert werden. In der Schule und bei klassischen Leseempfehlungen dominieren häufig fiktionale, emotionale Geschichten, die das Leseinteresse von Jungen weniger ansprechen.

Sie beschäftigen sich seit vielen Jahren mit Leseförderung. Welche Fehler werden bei der Leseförderung von Jungen immer wieder gemacht?

Es werden nicht unbedingt Fehler gemacht, sondern es wird schlichtweg zu wenig getan. Es müsste ein viel größeres Bewusstsein dafür geben, dass wir hier einen genderspezifischen Förderungsbedarf haben, ähnlich wie er bei den Mädchen in den MINT-Fächern besteht. Das müsste auch in den Lehrplänen berücksichtigt werden und schon in der Ausbildung von Lehrer:innen Niederschlag finden. Als ich einen entsprechenden Lehrauftrag an der Universität Köln hatte, war das für die Studierenden teilweise komplettes Neuland.

Welche Rolle spielt der Buchhandel?

Der schlägt sich in diesem Feld eigentlich recht gut. Viele Mitarbeitende haben das Problem erkannt. Allerdings ist auch klar, dass sich mit weiblicher Leser:innenschaft das weitaus bessere Geschäft machen lässt. In dieser Hinsicht sind Buchhandlungen natürlich Unternehmen, die funktionieren und ihren Umsatz machen müssen.

Mit „Kicken & Lesen KölnBonn“ haben Sie eines der bekanntesten Leseförderungsprojekte für Jungen mitentwickelt. Was macht das Projekt der SK Stiftung Jugend und Medien in Kooperation mit dem 1. FC Köln erfolgreich?

Wir geben ein sehr klar durchdachtes Durchführungskonzept vor, das seit über zehn Jahren immer weiterentwickelt und den neuesten Erkenntnissen angepasst wird. Im Mittelpunkt steht die Lesemotivation, einfach Bock aufs Buch zu machen, es als ein Medium zu positionieren, das auch Jungs Spaß machen kann. Gleichzeitig trainieren wir aber auch mit Methoden wie dem Tandem-Lesen die Leseflüssigkeit, eine Schlüsselkompetenz. Wer nicht flüssig lesen kann, findet kein Vergnügen am Lesen. Dabei einen Partner wie den 1. FC Köln zu haben, trägt natürlich viel zur Motivation bei. Ein wichtiger Teil ist übrigens die Bücherkiste mit über 80 Titeln, die wir jeder Gruppe zur Verfügung stellen. Die werden fast alle von Verlagen gesponsert.

Inwiefern kann vielleicht auch die gerade stattfindende WM ein Ansatzpunkt sein?

Ganz ehrlich: Gerade diese WM macht es schwer positive Aspekte herauszuarbeiten. Viel wichtiger wäre es, dass sich mehr Spieler als Role models fürs Lesen anbieten. Das müssen gar nicht nur die Stars sein.

Warum haben Sie die Plattform „boys & books“ gegründet? Nach welchen Kriterien wählen Sie Bücher für Jungen aus?

Die Plattform ist eine Initiative, die an der Uni Köln von Frau Professor Christine Garbe und ihrem Team am Lehrstuhl und mir an den Start gebracht wurde. Mittlerweile hat sich das Projekt etabliert, wird eigenständig an verschiedenen Standorten weiterentwickelt. Im Mittelpunkt stand und steht, Bücher aus der Flut der Verlagsprogramme zu filtern, die (nicht nur) Jungs besonders begeistern können. Auch hier steht der Spaß, die Lust aufs Lesen im Fokus. Es wird nicht nach den üblichen literaturkritischen Merkmalen ausgewählt. Die Jurymitglieder identifizieren spannende, animierende Titel. Ich würde es als intelligente Unterhaltung bezeichnen. Die nach Altersstufen unterteilten Empfehlungslisten sind eine wichtige Hilfestellung für alle, die nicht in jedes Verlagsprogramm „einsteigen“ können. Sie geben zweimal im Jahr Übersicht und Orientierung zu diesem speziellen Thema.

Inwiefern haben Sie ggf. auch Ihr eigenes Buch (bewusst) danach ausgerichtet?

Ich richte meine Bücher nicht wirklich nach diesen Kriterien aus. Ich schreibe, was mir gerade Spaß macht, wozu ich mehr wissen will. Vielleicht schreibe ich oft das, was ich als Junge selbst gerne gelesen hätte oder habe. Ein wichtiger Faktor ist in meinen Geschichten oft, dass zwar ein spannender und actionreicher Plot (vordergründig) im Mittelpunkt steht, man aber „ganz nebenbei“ auch etwas lernen kann. In diesem Fall über die nordische Götterwelt. Wichtig ist mir jedoch, dass ich den Leser:innen den Einstieg in die Story leicht mache, es muss also immer schnell und spannend losgehen. Das ist für alle Kinder und Jugendlichen, die sich ein bisschen schwer mit Lesen tun, wichtig. Bei Gods & Heroes ist allerdings noch ein anderer Aspekt sehr bedeutend: der sehr coole und moderne Style von Lion Fleischmann mit seinen grandiosen Illustrationen. Natürlich machen wir der Zielgruppe da ein besonderes visuelles Angebot, indem die Sequenzen, in denen das Computerspiel EDDA eine Rolle spielt, als Graphic Novel in den Erzählungstext eingebaut wurden. Das ist ziemlich aufwändig und kostet, aber wir konnten den Verlag davon überzeugen. Naja, es waren schon eher offene Türen. Knesebeck ist schließlich ein Haus mit einem großen Interesse und Angebot im künstlerischen und graphischen Bereich.

Letztens fand ich übrigens auf dem Dachboden meiner Eltern ein Buch aus meiner Kindheit (s. Foto). Das zerfledderte Ding sagt wohl alles. Da war ein Leser mit großer Lust am Werke.

Werden Jungen als Zielgruppe von Verlagen ausreichend berücksichtigt? Welche Titel oder Themen fehlen derzeit im Markt?

In den Verlagen ist gibt es das Bewusstsein für die Problematik und es gibt auch ein recht ordentliches Angebot für die Zielgruppe. Allerdings erleben wir oft, dass die Jungs ein wenig hintanstehen. Wenn ein Verlag von einem „Mädchentitel“ mehr als die zehnfache Menge absetzen kann, ist das die wirtschaftliche Realität und die will beachtet werden. Als Autor tut es einem sicher gelegentlich weh, wenn das richtig fette Marketingbudget in Young Adult-Lizenzen und Romantasy-Schmöker gesetzt wird. Von daher war ich über den promintenten Auftritt von Gods & Heroes sehr glücklich. Dass ein solcher Titel sogar die Programmvorschau auf dem Titel schmückt, kommt nicht so häufig vor.

Die Fragen stellte Hanna Schönberg

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