
Zugegeben, das ist keine Agentenstory. Aber es passt so schön. Oder vielmehr: so unschön. Denn zu den ganz großen Geheimnissen der Agenten zählt ja bekanntlich das Thema Geld, also Honorare. Und darüber ist in jüngster Zeit eine ziemliche Diskussion entbrannt. Denn die Honorare sind für die meisten individuell nicht gerecht, weil sie zu niedrig sind. Schon gar nicht sind sie gerecht, wenn sie aber bei anderen viel höher sind!
Wenn über Honorare diskutiert wird, geht es dabei eigentlich meist gar nicht um die Honorare, sondern um die Vorschüsse auf dieselben, die Verlage bei Abschluss eines Verlagsvertrags (meist) leisten. Die können in der Tat sehr unterschiedlich ausfallen. Da gibt es die Fälle, in denen sich Autoren mit einem kümmerlichen Tausender zufriedengeben sollen, aber auch die Fälle, in denen sechs-, ja sogar siebenstellige Summen gezahlt werden. Die Dichterin in ihrem überteuerten großstädtischen Einzimmerapartment fragt sich: Wie kann das sein? Mein Manuskript ist tausendmal besser als der Megaschund des Kollegen XYZ, aber er bekommt das Hundertfache an Vorschuss? Geht’s noch?
Und dann noch die KI! Hier ein Original-Dialog aus den jüngsten Tagen:
Autor: Ich habe natürlich auch mal Chat GPT gefragt, was wir denn für dieses Buch so an Vorschuss verlangen können.
Agent (seufzt innerlich): Und? Was sagt die KI?
Autor (enthusiastisch): Also Chat GPT sagt, dass wir dafür jedenfalls sechsstellig bekommen. Unter hundertfünfzigtausend brauchen wir nicht nach Hause gehen.
Agent (lächelt müde): Sie wissen auch, warum Chat GPT das vorschlägt?
Autor (voll Überzeugung): Weil es stimmt?
Agent (oberschlau): Die KI weiß alles. Aber eben nur alles, was veröffentlicht wurde. Und das rechnet sie dann hoch. Jetzt überlegen Sie mal, wie oft in der Presse berichtet wird, dass Autorin Hilde Huber für ihren neuen Liebesroman dreitausend Euro Vorschuss bekommen hat. (Gewichtige Pause.) Natürlich nie. Das interessiert ja auch niemanden. In den Medien wird berichtet, wenn es um Hunderttausende, besser noch um Millionen geht! Die KI, die nie was anderes liest, hält das für den Normalfall und erklärt es dann auch dazu. Nur dass es das halt nicht ist.
Autor (etwas kleinlaut): Aber wie sollen wir denn dann wissen, was wir verlangen können?
Agent: Wir müssen verhandeln. Am besten nicht nur mit einem einzigen Verlag. So finden wir den Marktwert heraus.
Ist das unbefriedigend? Nein, kein bisschen. Im Gegenteil. Es ist die Realität. Es bedeutet, dass es bei den Honoraren nicht auf irgendeine Berichterstattung ankommt und damit letztlich auf Willkür, sondern dass es andere Parameter geben muss, an denen sich das Honorar bemisst.
Das Wichtigste ist?
Nein, nicht die Qualität. Leider. Qualität sollte uns allen wichtig sein, bei jedem einzelnen Buch. Je besser es wird, umso besser für die ganze Welt – auch für die Autorin/den Autor. Das Wichtigste bei der Ermittlung des „Marktwertes“ eines Manuskripts ist die Verkaufserwartung. Denn bei der Berechnung von Honoraren geht es – obwohl das Wort ja übersetzt eigentlich „Ehrengabe“ bedeutet – nicht um die Anerkennung der inhaltlichen Leistung, sondern um die Frage, wie viel man von dem Werk letztlich verkaufen zu können glaubt. Rechne ich mit voraussichtlichen Verkäufen von 3.000 Exemplaren, lässt sich ein Vorschuss von 10.000 Euro nicht kalkulieren, der Verlag wüsste von vornherein, dass er Verluste schreiben wird, also lässt er die Finger von einer Veröffentlichung. Rechnet man mit einer verkauften Auflage von 100.000 Exemplaren, muss sich niemand mit einem Vorschuss von 20.000 Euro zufriedengeben.
Die Verkaufserwartung
Was logisch und akzeptabel klingt, birgt aber dennoch Sprengkraft. Denn es schließt sich ja die Frage an: Und woher weiß ich, wie viele Bücher zu verkaufen ich erwarten darf?
Die Verkaufserwartung hat ihrerseits mit den unterschiedlichsten Parametern zu tun. Da ist zunächst die Frage nach der Größe der Zielgruppe und der Popularität des Genres. Ein Erstleserkinderbuch hat seiner Natur nach weniger Leser/innen als ein Thriller für Erwachsene, ein philologisches Fachbuch weniger als ein Motivationsratgeber. Soweit so gut.
An der Stelle wird es aber leider perfide: Innerhalb eines Genres hängt die Verkaufserwartung insbesondere davon ab, wie ein Werk im Verlagsprogramm platziert ist und ob es Vorläuferbücher derselben Autorin gab. Ist ein Werk als Spitzentitel angekündigt und bekommt ordentlich Marketing, wird es sich mutmaßlich besser verkaufen, als wenn es nur ein Midlisttitel ohne besondere werbliche Unterstützung ist. Hat der Autor zuletzt einen Bestseller gelandet, bestellt der Buchhandel (und präsentiert in der Folge) das Werk sehr viel enthusiastischer – mit entsprechenden Auswirkungen auf die Verkäufe. War aber das Vorläuferbuch ein Flop, wird oft kaum oder gar nicht mehr bestellt und die Verkaufserwartungen sind entsprechend unterirdisch.
Das alles fließt in die Kalkulation ein und führt dazu, dass Sie das beste Werk aller Zeiten geschrieben haben können, aber dennoch mit mickrigen Verkaufserwartungen konfrontiert sind und mit entsprechend mickrigen Vorschüssen abgespeist werden. Qualität? Ist kein Argument.
Ist das Mist?
Und wie!
Wir können es aber nicht ändern. Im Gegenteil. Das Problem verschärft sich, seit der Großteil der Buchhandelsbestellungen von warenwirtschaftlichen Programmen getätigt wird. Sprich: Da entscheidet nicht mehr ein Mensch, ob ein Werk ans Lager genommen wird, sondern ein Algorithmus. Und dem sind zusätzliche Argumente, die echte Buchhändler/innen noch zum Bestellen bewegen können, vollkommen egal. Für den Algorithmus gilt: Ein gutes Buch ist ein gut verkauftes Buch. Mit entsprechenden Auswirkungen aufs Bestellverhalten. Mit entsprechenden Auswirkungen auf die Kalkulation. Mit entsprechenden Auswirkungen auf die Vorschüsse.
Für die erfolgreichen (und reichen) Autor/innen führt das dazu, dass sie immer noch erfolgreicher (und reicher) werden. Für die anderen gilt das Gegenteil.
Das führt dazu, dass immer mehr Autor/innen ein Pseudonym verwenden, um den Algorithmus auszutricksen: Die Maschine ist blöd. Sie weiß nicht, dass ich einen Flop hatte, wenn ich mich einfach anders nenne. Funktioniert manchmal, aber leider nicht immer. Kann aber in Verlagsgesprächen hilfreich sein, weil das Lektorat nicht dem teuflischen Reflex folgt und vor weiteren Gesprächen erst einmal checkt, ob es schon Vorgängerwerke gab und wie die sich ggf. verkauft haben (also: wenn die Verkäufe mäßig waren).
Aber wie oft kann man das machen? Ja, es gibt Autor/innen, die schon drei, vier, fünf verschiedene Pseudonyme benutzen. Glücklich sind sie damit in der Regel nicht. Denn ein hübscher Vorschuss tröstet nicht unbedingt über den Mangel an Anerkennung hinweg, den man erleidet, wenn man die eigene Urheberschaft verschweigen muss.
Eine Geschlechterfrage?
Was definitiv keine Rolle bei der Bemessung von Honoraren spielt, ist das Geschlecht. Autorinnen werden nicht schlechter bezahlt als Autoren. Wenn sie es werden, dann läge das an niedrigeren Verkaufserwartungen. Aber dem widersprechen die Zahlen der Bestsellerlisten dramatisch. Da sind die bestverkauften Titel überwiegend von Frauen geschrieben – was entsprechende Auswirkungen auf die Vertragsverhandlungen hat. Aber selbst wenn es nicht so wäre: Agenturen verhandeln heute mindestens sieben von zehn Verträgen mit Frauen, weil die verantwortlichen Positionen der Verlage längst weit überwiegend weiblich besetzt sind.
Bleibt noch die Erwähnung des „politischen Honorars“. So nenne ich die Fälle, in denen ein Verlag sich aus Gründen, die außerhalb von Werk oder Autor liegen, ein Honorar leistet, das eigentlich nicht kalkulierbar ist. Das gibt es. Es kommt zum Beispiel vor, wenn ein Verlag ein neues Programmsegment etablieren und dafür starke Autor/innen-Marken akquirieren möchte. Gelegentlich geht es auch darum, der Konkurrenz die Sahneschnittchen vor der Nase wegzuschnappen oder die Butter vom Brot zu stehlen. Dann spielt die direkte Verkaufserwartung eines einzelnen Werkes nicht mehr die entscheidende Rolle, dann geht es vielmehr um Prestige, um ein Statement, um Strategie oder zumindest ein übergeordnetes Motiv. Wer in eine solche Situation kommt, kann sich als Autor:in glücklich schätzen. Denn dann wird aus einem vielleicht nur gut zu kalkulierenden Werk ein hoch ambitioniertes Projekt – und aus dem hoffnungsvollen Autor ein Million-Dollar-Baby!
Thomas Montasser







