
30,6 Prozent weniger Buchkäufer:innen zwischen 10 und 15 Jahren und das in einem einzigen Jahr. Diese Zahl hat der Börsenverein in seinem Jahresbericht im Juli 2026 veröffentlicht. Der Verband spricht inzwischen von einer Lesekrise. Der BrainBook Verlag macht nach eigenen Angaben Bücher für genau diese Altersgruppe. Die Erfahrung des Verlags: Kinder sind erreichbar, wenn man Bücher für ihre Lebensrealität schafft – aber nicht mit den Büchern, die wir selbst als Kinder gelesen (oder nicht gelesen) haben. Geschäftsführer Tobias Ebner erläutert das in einem Gastbeitrag bei BuchMarkt.
Das Interesse an Geschichten ist da
Nicht alle Sparten haben dermaßen hohe Verluste zu beklagen. Im Young- und New-Adult-Segment ist die Käuferzahl seit 2021 um 47,5 Prozent gestiegen. Bücher an sich haben also kein grundsätzliches Imageproblem, der Bruch sitzt in einer bestimmten Altersspanne. Und wer sich mit der Lebensrealität unserer Zielgruppe auseinandersetzt, merkt schnell, dass ihnen Geschichten nicht egal sind.
Laut KIM-Studie sind 54 Prozent der 6- bis 13-Jährigen täglich oder fast täglich im Internet, 35 Prozent der Kinder mindestens einmal die Woche, um Let’s-Play-Videos zu schauen, bei denen man Gamer:innen beim Online-Spielen zuschaut. Bei Let’s Plays sehen Kinder oft nicht nur ein einzelnes Video. Sie verfolgen über Wochen dieselben Figuren, dieselbe Welt und dieselben Konflikte. Sie wissen, welche:r Creator:in gerade an welchem Punkt seiner bzw. ihrer Geschichte steht, diskutieren darüber und warten auf die nächste Folge. Geschichten interessieren sie also durchaus. Nur der Zugang dazu ist ein anderer.
Beim Lesen ist die Geschichte nicht so leicht zugänglich wie in Audio- oder Videoformaten. Lesen ist Arbeit – gerade, wenn man es erst lernt oder es selten tut. Beim Lesen sehen die Zahlen derselben Studie entsprechend aus. Nur 10 Prozent der 6- bis 13-Jährigen lesen täglich in einem Buch. Bei den Jungen sind es sogar nur 7 Prozent, während 22 Prozent der Jungen nie lesen. Der Börsenverein benennt die Ursache deutlich: Die nachrückende Generation greife nicht mehr zu Büchern, weil Lesekompetenz und Konzentration fehlen. Die IGLU-Studie zeigt, wie lange diese Entwicklung schon andauert. 2001 lasen 47 Prozent der Viertklässler:innen gut bis sehr gut, 2021 waren es 39 Prozent. Am unteren Ende ging es in dieselbe Richtung: Der Anteil derer, die nicht einmal die mittlere Kompetenzstufe erreichen, stieg von 17 auf 25 Prozent.
Ein großer Teil dieser Diagnose gehört in die Bildungspolitik. Der Rest ist unsere Arbeit: Bücher zu machen, die Kinder haben wollen und auch zu Ende lesen.
Bücher für Kinder, die nicht gern lesen
Unsere Leser:innen haben überwiegend wenig Leseübung und einen Nachmittag voller Alternativen. Wir entwickeln unsere Titel gemeinsam mit Creator:innen von YouTube und TikTok und konkurrieren dabei weniger mit anderen Verlagen als mit dem Spiel Fortnite. Vier Dinge haben sich bei uns durchgesetzt.
Erstens: Eine niedrige Einstiegshürde war unsere wichtigste Produktentscheidung. Kurze Kapitel, verständliche Sätze, hoher Bildanteil und dazu Elemente der Leichten Sprache, zum Beispiel bewusste Worttrennungen bei langen Komposita – Für geübte Leser:innen mag das nach einem Rechtschreibfehler aussehen und wir haben dafür schon die ein oder andere kritische Rezension kassiert. Für ein Kind, das sich durch einen langen Satz regelrecht kämpfen muss, ist genau diese Trennung jedoch der Grund, warum es weiterliest. Ein Comic-Roman-Format senkt außerdem die Textmenge pro Seite. Wenig Text pro Seite heißt auch, dass die Seiten schneller umgeblättert werden. Wer ein Erfolgsgefühl hat, bleibt dran.
Zweitens: Das Bilddesign muss aus der Welt der Kinder kommen. Ich finde die Klötzchenoptik von Minecraft tatsächlich cool. Aber selbst wenn sie mir nicht gefiele, würden unsere Bücher genauso aussehen. Bei einem zielgruppenorientierten Ansatz zählt nicht der Geschmack im Verlag, sondern das, was die Kinder täglich sehen. Unsere Illustrationen orientieren sich deshalb daran, wie Figuren in Videos und Spielen inszeniert werden. Die Kinder erkennen den Stil sofort und wissen, dass es um eine Welt geht, die sie interessiert.
Drittens: Die Community schreibt mit. Viele Projekte entstehen im Austausch mit den Fans der Creator:innen, z.B. über Umfragen zu Figuren, Abstimmungen zum Cover und Feedback zu Leseproben. Wichtiger als die reine Reichweite ist dabei, ob Buch und Community zusammenpassen. Ein Kind, das über das Cover mit abgestimmt hat, wartet auf das Buch.
Viertens: Marketing findet im digitalen Medium statt. Als SYou (1,2 Mio. Abonnent:innen auf YouTube) sein Buch „Die YouTuber-Insel“ veröffentlicht hat, haben wir den Titel als Item direkt in Minecraft umgesetzt, wir haben ihn also als Gegenstand in das für Programmierungen offene Spiel eingefügt. Der Creator konnte sein Buch im Spiel zeigen, genau dort, wo seine Community jeden Nachmittag verbringt. Näher kommt man an die Zielgruppe kaum heran.
Der Vorwurf, den wir dabei regelmäßig hören, lautet: „Das ist Merchandise!“ Zum Teil stimmt das. Ein Buch, das von einem großen Kanal mitgetragen wird, wird auch gekauft, weil der Kanal draufsteht. Nur trägt Reichweite nicht so weit, wie man denken könnte. Wir haben Titel mit kleinen Kanälen gemacht, die besser liefen als Titel mit größeren, einfach weil das Thema mehr zur Community passte.
Der Weg führt am Ende in den Buchladen
Dieses Modell, das nach Digitalisierung klingt, bringt tatsächlich neue Kundschaft in die Buchhandlungen, deren Umsätze im letzten Jahr um 3,7 Prozent zurückgingen. Unser stärkster Vertriebskanal ist inzwischen der stationäre Buchhandel. Die Community entsteht zwar online, gekauft wird aber überwiegend im Laden, meistens gemeinsam mit den Eltern und oft als Geschenk. Dass „Achtung, Schrumpfgefahr“ Platz 1 der SPIEGEL-Bestsellerliste Kinderbücher erreicht hat, verdanken wir zu einem großen Teil diesem Weg.
Wollen wir ehrlich sein: Verkaufszahlen allein zeigen noch nicht, ob ein Buch auch gelesen wird. Was wir haben, sind Zuschriften von Eltern, die sich melden, weil ihr Kind sich zum ersten Mal ein Buch zu Weihnachten gewünscht oder zum ersten Mal ein Buch beendet hat. Solche Mails schreibt natürlich nur, wer zufrieden ist. Ein belastbarer Erfolgsbeleg unseres Ansatzes ist das natürlich nicht, aber trotzdem freue ich mich jedes Mal.
Was auch ohne YouTube funktioniert
Nicht jeder Verlag kann oder will Bücher mit YouTuber:innen machen. Das ist aber auch gar nicht notwendig.
Was bei uns unabhängig von den Creator:innen funktioniert hat, ist die Planung vom Leser bzw. von der Leserin gedacht her. Kapitellänge, Satzbau und Bildanteil stehen bei uns im Briefing, bevor die erste Zeile geschrieben ist. Das klingt nach dem Traum eines jeden Bürokraten, entscheidet aber darüber, ob ein Kind auf Seite 30 noch dabei ist. Wer langsam liest, schafft fünf Seiten am Stück, vielleicht acht, wenn die Schrift sehr groß ist. Bei zwölf Seiten legt er bzw. sie das Buch irgendwo in der Mitte weg und findet vielleicht nicht zurück. Wir planen deshalb rückwärts: Zuerst steht die Kapitellänge, dann die Handlung, die dort Platz findet.
Und wie findet man heraus, ob etwas bei Kindern ankommt? Indem man sie fragt. Nicht nur die Creator:innen, auch wir holen uns regelmäßig Feedback ein. Zehnjährige sagen ziemlich direkt, was ihnen zu kindisch vorkommt, und sie sind selten diplomatisch. Dabei liegt die Grenze übrigens fast immer weiter oben, als wir vermutet hätten. Zusätzlich führt der direkte Einbezug fast immer zu einem enormen Bindungsgewinn.
Selbiges gilt für Aktionen und Orientierungsangebote vor Ort. Das sehen wir durch unsere Signierstunden. Kinder, die wenig lesen, stehen nicht am Regal und ziehen ein Buch nach dem anderen heraus, um Klappentexte zu vergleichen. Thementische z.B. machen es ihnen leichter, überhaupt etwas zu finden. Für ein Kind, das eine Buchhandlung bis dahin für verschenkten Platz gehalten oder bis dato nicht einmal bewusst wahrgenommen hat, ist das ein Grund, wiederzukommen.
Was daraus folgt
Die minus 30,6 Prozent beschreiben ein Angebot, das an diesen Kindern vorbeigeht. Wenn ein Buch die Sprache seiner Leser:innen trifft und ihre tatsächliche (nicht die wünschenswerte) Lesekompetenz ernst nimmt, wird es auch gelesen. Der Börsenverein nennt Lesefähigkeit eine Voraussetzung demokratischer Mitgestaltung. Ein Minecraft-Buch ist vielleicht ein unerwarteter Weg dahin, aber es ist einer.

Tobias Ebner ist Geschäftsführer des BrainBook Verlags (Brain Media GmbH). Quellen: „Buch und Buchhandel in Zahlen 2026“ (Börsenverein); KIM-Studie 2024 (mpfs); IGLU-Studie (IFS).







