
Am 6. Oktober 2026 erscheint passend zum Start der Frankfurter Buchmesse und den kürzlich veröffentlichten Pisa-Ergebnissen das 256 Seiten umfassende Buch „Das Ende des Lesens“ von James Marriott in der Übersetzung von Michael Bischoff bei DuMont. Wir haben einen Blick hineingeworfen.
Was passiert mit einer Gesellschaft, wenn ihre Menschen immer weniger lesen? Diese Frage stellt James Marriott in seinem neuen Buch „Das Ende des Lesens“ – und seine Antwort fällt denkbar düster aus. Der britische Times-Kolumnist beschreibt den Rückgang des Lesens nicht als harmlose Veränderung des Medienkonsums, sondern als tiefgreifenden kulturellen Umbruch: Die jahrhundertelang gewachsene Verbindung zwischen Lesen, Wissen, rationalem Denken und demokratischer Öffentlichkeit drohe zu reißen. DuMont fasst Marriotts These entsprechend zugespitzt zusammen: Mit dem Niedergang der Lesekultur gehe eine Erosion politischer Mündigkeit einher.
Ausgangspunkt seiner Argumentation ist die sogenannte „Reading Revolution“ des 18. Jahrhunderts. Lesen, so Marriott, habe den Menschen nicht einfach Zugang zu mehr Informationen verschafft. Es habe auch die Art verändert, wie sie Informationen verarbeiten. Das geschriebene Wort ordnet, erklärt und kontextualisiert. Bücher ermöglichen es, Argumente über viele Seiten hinweg zu entwickeln, zurückzugehen, Passagen erneut zu lesen und Zusammenhänge herzustellen. Lesen ist für Marriott deshalb keine passive Tätigkeit, sondern eine anspruchsvolle geistige Leistung.
Marriott greift unter anderem die Kognitionswissenschaftlerin Maryanne Wolf auf, die „tiefes Lesen“ als komplexen Vorgang beschreibt: Leserinnen und Leser verbinden neue Informationen mit ihrem Vorwissen, ziehen Schlussfolgerungen, überprüfen Aussagen und versuchen, sich in andere Perspektiven hineinzuversetzen. Lesen bedeutet demnach nicht lediglich, Wörter zu entziffern – es trainiert Aufmerksamkeit und analytisches Denken.
Dem stellt Marriott die digitale Gegenwart gegenüber. Smartphones und soziale Medien fördern nach seiner Darstellung einen fragmentierten Umgang mit Texten: Hier ein Absatz, dort ein Post, dazwischen ein Video. Aufmerksamkeit wird geteilt, Inhalte werden konsumiert und weitergewischt. Das textbasierte Internet, so seine zugespitzte Diagnose, sei bereits wieder auf dem Rückzug, während Video zum dominierenden Medium werde.
Besonders eindrücklich ist Marriott dort, wo er die Folgen dieser veränderten Aufmerksamkeit für die Kultur beschreibt. Wenn Zuschauerinnen und Zuschauer beim Film gleichzeitig auf dem Smartphone scrollen, müssen Geschichten einfacher werden; Nuancen und komplexe Handlungsstränge drohen verloren zu gehen. Marriott spricht von einer „Großen Simplifizierung“. Auch populäre Bücher würden sprachlich einfacher: Eine vom „Economist“ ausgewertete Analyse von New-York-Times-Bestsellern habe ergeben, dass die Sätze populärer Bücher seit den 1930er Jahren deutlich kürzer geworden seien.
Marriott erinnert daran, welche politische Bedeutung gedruckte Texte hatten: Bücher, Zeitungen und Flugschriften ermöglichten es, Informationen und Ideen über größere Bevölkerungsgruppen zu verbreiten. Die Ausbreitung von Literalität und die Entstehung moderner demokratischer Gesellschaften fielen zeitlich zusammen. Druckerzeugnisse halfen unter anderem Arbeiterbewegungen dabei, sich zu organisieren und politische Forderungen zu artikulieren. Auch die Fähigkeit von Literatur, Menschen Zugang zu den inneren Gedanken und Gefühlen anderer zu geben, verbindet Marriott mit der Entwicklung von Empathie.
Daraus leitet er seine große Frage ab: Kann Demokratie den Niedergang der Lesekultur überstehen?
Dass auch digitale Medien komplexe Informationen vermitteln können und dass Menschen durchaus zwischen unterschiedlichen Rezeptionsformen wechseln, kommt in dieser Argumentation weniger zum Zug.
Aber: Lesen zwingt uns, länger bei einer Sache zu bleiben, Unverständnis auszuhalten und Gedanken Schritt für Schritt nachzuvollziehen, so Marriott. Ob man Marriotts düstere kulturpessimistische Prognose teilt, muss letztlich selbstverständlich jede:r selbst entscheiden.







