
ENTSCHULDIGUNG
Man sagt nicht mehr „Tschechei“, ausgenommen Nazis und Heinis.
Ich hoffe, Ihnen ist klar, zu welcher Fraktion ich gehöre; und ich möchte mich bitte beim Gastland Tschechien und allen Leserinnen und Lesern entschuldigen. Ich bin sehr gut in Sprache, aber sehr anscheinend schlecht in Geographie und Geschichte, und so kann ich als Lehrfall dienen dafür, dass Sprache ohne Wissen wenig nützt.
Der Lapsus wurde inzwischen korrigiert, und ich danke Leser Karl-Heinz Reimann für den freundlichen Hinweis.
JETZT ABER
Willkommen zum Eröffnungsmittwoch der Frankfurter Buchmesse 2026. Das Wetter ist blendend, Kaiserwetter, Postkartenwetter! Meine Augenperipheriemuskulatur weiß gar nicht, wo ich das ganze Sonnenlicht alles hinblinzeln soll.

Wir haben ein Doppelinterview, viele Schnappschüsse, die ersten Promis, alte Freunde, neue Gimmicks und die Auflösung einer uralten Frage auf dem Plan! Aber zuerst brauche ich einen Kaffee, der mich in den Tag bringt.

THALIA-PARTNER-MODELL
Ich besuche eine Diskussion auf der Thalia-Bühne, wo es um das Thalia-Partnerschaftsmodell geht. Das funktioniert so: Die Thalia-Kette stellt Dir ihre kompletten Handelswege zur Verfügung. Du bleibst Chef, und Dein Laden bleibt Dein Laden, aber Buchhaltung, Infrastruktur und Software kommen komplett von Thalia. Kurz gesagt: Konditionen wie ein Big Player.
Befürworter dieses Programms sagen: Das hat meine Probleme gelöst, mein Umsatz steigt, ich kann mich besser auf die Kernaufgaben konzentrieren.
Gegner dieser Idee sagen: Eine Geldspritze löst keine strukturellen Probleme, und auch wenn meine Fassade bleibt, so bin ich doch nun einem Konzern Rechenschaft schuldig, von dem ich strategisch hochgradig abhängig werde.


Ich selbst will auf keinem Fall einem Konzern Rechenschaft schulden. Aber allein um die Buchhaltung loszuwerden, würde ich sogar meine arme, alte, kranke Mutter verkaufen. Nicht, dass sie in ihrem Zustand viel einbrächte.
(Disclaimer: Mutti liest mit und liebt es, wenn ich sie roaste. Und es geht ihr prächtig. Das Awarenessteam kann fortbleiben, bis ich das nächste Mal Vokabeln aus dem dritten Reich einstreue.)
Mein Fazit jedenfalls: Schleichende Monopolisierung ist etwas anderes als langfristige Leseförderung; aber vielleicht geht ja beides gleichzeitig. Wenn mein Laden eh unterginge, würde ich sicherlich jede allerletzte Reißleine ziehen, und Thalia ist nicht die übelste mit ihren ganzen Grinchs und Snoopys.
Aber eine Reißleine bleibt eine Reißleine.
HALLEN UND MENSCHEN
Von vornherein eine schwierige Mischung, Hallen und Menschen. Die neuesten Beschwerden über das neue Hallenkonzept lauten
„Hier steht jetzt eine Säule mitten im Stand“
und
„Früher hatten wir eine Säule, wo man so schön Regale dran bauen konnte.“
Einer, der gar keinen Stand hat und auch nicht braucht, ist Jan Hartmann, ein leidenschaftsloser Vollkapitalist ohne Herz und Seele. So würde ich ihn jedenfalls beschreiben, wenn heute Gegenteiltag wäre, denn Jan Hartmann ist ein fröhlicher Gesell und Gimmickerfinder um des Selbstzwecks willen. Selbstzweck ist überhaupt Jan Hartmanns allerbester Zweck, denn wenn eine Sache einfach nur um ihrer selbst willen entzückt, dann kommt sie womöglich von Jan Hartmann.
Sie erinnern sich vielleicht an das kleine Pflanzenstengelblatt zum Klammern, das vor zwei Jahren plötzlich alle im Haar hatten. Und wenn man dann durch die Hallen zurückverfolgte, wo die Dinger herkamen, weil man auch eines wollte, dann landete man irgendwann bei einem Jeansjackenbuttonhippie, der sie einfach verteilte.

Diesmal stellt er mir seine zwei neuesten Ideen vor: Buchproduktion und Zeitreise.
Für die Buchproduktion klemmt er ein modernes Tablet in eine hochmoderne Steampunktastatur, die aus dem Tablett eine verdammte Schreibmaschine macht. Das gefällt mir bereits. Dabei geht es noch weiter: Auf einer oll anmutenden papierseinsollenden Bildschirmseite kann man dann zu vielt ein „Buch“ schreiben, das danach, ausgedruckt und zusammengeheftet, sogar physisch vorliegt.

Für Zeitreisende stellt Jan Hartmann extra ein Notfallset zusammen als kleines Zeitreiseset in der dekorativen Vintage-Blechbüchs: Die Amtsausrüstung.

Nähzeug und Heftpflaster sind drin, aber vor allem Zeitreisedokumente und der offzielle Zeitreisestempel. Wenn man nun andere Zeitreisende trifft, zum Beispiel auf einer Buchmesse oder vorwiegend in Jan Hartmanns Gewächshaus, dann kann man sich gegenseitig Belobigungen oder Verwarnungen ausstellen und abstempeln lassen.
Ich weiß, was Sie jetzt denken:

Selten habe ich etwas so Sinnloses gesehen, das ich so sehr haben möchte.
Und hinterher fragte meine Begleitung mich: „Und was macht dieser Jan Hartmann jetzt genau?“
Und ich sagte: „Das weiß ich nicht.“
Aber genau solche Menschen braucht diese Messe.
Und ich brauche jetzt was zu essen:
Den alljährlichen Fotoslot mit Pia Werner von Prestel von Penguin von Random von House tausche ich rasch gegen ein kleines Canapégedeck und einen Orangensaft ein.


Bei Droemer Knaur werden ahnungslose Messegäste in einen Windkanal gesperrt und mit Abfall bombardiert. Nein, das muss ich nochmal überarbeiten. Bei Droemer Knaur dürfen treue Fitzek-Fans an einem fröhlichen Gewinnspiel teilnehmen.

Ob das noch seriös ist, frage ich Ursula Poznanski, die versucht, sich in ihrem Handy zu verstecken, damit ich sie für beschäftigt halte.

Aber eigentlich bin ich ja wegen Steffen Haselbach hier, der als langjähriger Messemayerleser Lust auf einen Kaffee mit mir hatte. Ich habe dann zwar Medium Sprudel genommen, aber man sagt ja nicht: Wir treffen uns mal auf eine Hirschquelle. Andererseits kommt Haselbach aus der Abteilung Development – vielleicht sollte ich vorsichtshalber mal Titelschutz anmelden für Wir treffen uns mal auf eine Hirschquelle.

Hier begegne ich zufällig der kompletten Belegschaft der Stadtbücherei Erlensee. Peinlich, peinlich. Also für mich. Im Buchladen hängt ein Zettel an der Tür, dass geschlossen sei wegen wichtiger Termine auf der Buchmesse, und dann erwischen die mich hier, wie ich Öhrchen trage und den Zampano mache.

Apropos Ewald Arenz:

Da sitzt er auch selber.
Mein Hobby: Veranstaltungen unterbrechen, indem ich einfach mit meinen Öhrchen am Rand stehe und die Talkenden aus dem Konzept grinse.
Zwei Schäfer kann ich präsentieren:


Ich habe noch kein Zitroneneis bei Dorling Kindersley bekommen, aber ich konnte es zumindest fotografieren:

ERSTES INTERVIEW DIESER MESSE:
JOËLLE TOURLONIAS UND ROBERT SCHEFFNER
Weil Illustratoren immer in Herden unterwegs sind, habe ich das Glück, gleich zwei im Freien anzutreffen und auf ihrer Koppel einzufangen: Joëlle Tourlonias und Robert Scheffner. Scheffner kommt aus der Trickfilmproduktion und ist heute erfolgreicher Kinderbuchautor. Er hat bei Ueberreuter die drolligen Figuren Einhorn Hornbert, Kürbis Rufus, Zahnfee Mimi und Hexe Griselda erschaffen, und Joëlle Tourlonias hat bei allen denkbaren Verlagen einen ganzen Kosmos aus niedlichen, heilen, lieben Figuren von hoher Wiedererkennbarkeit angehäuft, die sich auch problemlos bei Coppenrath als Plüsch verkaufen.
BuchMarkt sprach mit den beiden am Wasserkanal auf der Agora.


BuchMarkt: Gab es in eurer Kindheit einen Punkt, an dem Ihr gewusst habt, ich werde Zeichner?
Joëlle: Ich wollte immer Künstler sein.
Robert:: Ich wollte immer Tickfilme machen.
Joëlle: Siehst du!
Robert: Tatsächlich.
Joëlle: Also ich wusste nicht, dass das Kinderbücher werden, aber Malen musste es schon sein.
Robert: Ja, Malen war auf jeden Fall Priorität.
Habt ihr wie angeblich jeder, der zeichnet, angefangen mit Abmalen?
Joëlle: Ja.
Robert: Ja. Ich glaube, ich habe Animes gemalt und Mangas und so. Diddl.
Joëlle: Nein!
Und der hat jetzt ein Comeback!
Robert: Ja, voll.
Joëlle: meine Eltern haben immer behauptet, ich hätte sehr viel gemalt, und da haben sie mich in einen Kindermalkurs gesteckt. Und das war halt so ein Aquarell-Malkus, wo wir in erster Linie Aquarelle abgemalt haben zum Lernen.
Kriegt ihr Merchandise-Angebote, die ihr dann ausschlagt? Spielzeug, Figuren, Aufkleber?
Robert: Das ist voll cool. Wer schlägt sowas aus?
Bill Watersson, der Zeichner von Calvin und Hobbs. Der hat gesagt, ich will nicht der nächste Garfield werden.
Robert: Also das hier habe ich selber gemacht: Pins von Rufus, weil ich das supercool finde.
Joëlle: Wir finden das so cool, dass wir den Merch einfach selber machen.
Der Rufus guckt ja so ein bisschen böse, aber das ist was, was ich bei Joëlles Figuren gar nicht finde. Hast du auch schon mal was Böses, Hässliches gemalt?
Joëlle: Ich versuch’s ab und zu mal, aber…
Klingt nicht erfolgreich?
Joëlle: Nee, nicht so richtig. Ich bleib irgendwie trotzdem süß.
Robert: Ja, und du zeichnest gerne eine heile Welt.
Joëlle: Ja.
Robert: Und bei mir muss Spannung sein.
Joëlle: Du magst skurrile Sachen gern.
Auf welchem Material malt ihr am liebsten?
Joëlle: Papier.
Robert: Papier. Klar, Bleistift und Papier.
Joëlle: Bleistift und Papier.
Welche Stärke muss der Bleistift haben?
Beide gleichzeitig: HB (müssen lachen.)
Warum? Ich hätte jetzt weicher erwartet.
Robert: Nee, du kannst alles mit HB machen. Das kann stumpf sein, dann kannst du richtig dick drauf malen. Du kannst ganz zart malen, wenn er gespitzt ist.
Joëlle: Also dadurch, dass wir beide ja auch Outlines mögen, ist HB ich einfach gut. Wenn ich jetzt Portrait machen würde, wo es mehr um Schattierungen geht, dann ist weicher natürlich gut. Aber für eine Outline ist HB super. je malerischer, desto weicher.
Robert: HB verschmiert auch am wenigsten.
Apropos Outline-Schule: Eure Lieblings-Comicfigur oder Zeichentrickfigur eurer Kindheit?
Joëlle: Ich mochte die Schlümpfe.
Robert: Darkwing Duck.
Joëlle: (lacht)
Ja, wer nicht?
Robert: Und Biene Maja.
Joëlle: Wirklich?
Robert: Ich fand den Willi schon immer cool. Deswegen spreche ich auch bei Lesungen meine Figuren oft wie Willi.
Wenn man Joëlle Tourlonias heißt, braucht man ja keinen Künstlernamen?
Joëlle: Stimmt. Wobei, Tourlonias kann sich ja kein Menschen merken, geschweige aussprechen. deswegen unterschreibe ich immer mit Mademoiselle Joëlle. Ich denke, das kann man sich vielleicht besser merken, aber es hat sich nicht wirklich durchgesetzt.
Wie begegnet man dem Trema auf dem E als Kind, und andere Kinder haben das nicht im Namen?
Joëlle: Oh, ich hab’s geliebt. Ein ganz besonderer Buchstabe, denn nur ich habe. Der ist fantastisch.
Aus eigener leidvoller Erfahrung als Buchhändler frage ich dich, lieber Robert: wie oft wirst du Scheffler genannt?
Robert: Sehr oft, sehr oft. Vor allem bei Buchhändlern kommt sehr oft, tatsächlich. Aber manchmal sag ich auch schon: wie Scheffler, nur das E wird ein N. Vielleicht sollte ich mir eine Geschichte ausdenken, dass ich Axel Schefflers Neffe bin und lass es einfach dabei. Vielleicht treffen wir ihn ja heute Abend, dann kann ich ja mal drauf ansprechen.
Joëlle: Scheffler und Scheffner.
Sie heißt ja nun Joëlle Tourlonias und hat ein Trema, und du heißt nur Robert Scheffner.
Robert: Ich habe aber wenigstens eine Geschichte zu erzählen, dass ich nicht Scheffler heiße. Zumindest entschuldigen sich Leute dann direkt immer bei mir. Das doch auch ganz schön.
Danke sehr für dieses schöne Gespräch.
Robert: Sehr, sehr gerne
Joëlle: schöne Frage. Danke.

COPPENRATH
Der Coppenrath-Verlag hat wie kein anderer die Brücke zwischen Buch und Spielzeug in aller Synergie überquert, die man mit Piratensäbeln aus Schaugummi und Stofftieren mit Tourlonias-Augen hinbekommt. Sein Käptn ist Dr. Lambert Scheer, der sich eine beispiellose Erfreubarkeit bewahrt hat, die man eigentlich in der Kita an der Garderobe abgibt, bevor man von der Seeigel- in die Seepferdgruppe wechselt.
Dr. Lambert Scheer zu besuchen, ist wie nach der Schule mit zu einem Freund nach Hause zu gehen: Da werden dann erst mal alle Spielsachen vorgezeigt, dann gibt es irgendwann Süßigkeiten, und dann sind alle aufgedreht und machen Quatsch.
Zuerst aber angeben mit den neuesten Projekten:



Und wenn Sie jetzt denken, das sieht ja alles ziemlich qualitativ und interessant aus, dann kann ich Sie beruhigen:

Als die sinnlosen Tiere auf den Tisch kamen, brach der angekündigte Spieltrieb durch.

Nach dem Kaspern kommt das Piesacken:

Und dann kommen Fangen, Verstecken und Topfschlagen. Ich soll einzig an der Stimme erraten, dass hinter mir Barbara Wüst vom Lübbe-Verlag steht.

Frau Wüst und ich stehen übrigens auf sehr atmosphärischer Auslegware: Der ganze Stand ist mit schäbigen, aber echten Orientteppichen ausgelegt. Und ich meine das nicht despektierlich: Die meisten haben eine geringe Knotendichte und sind alt, aber dennoch ist es handgeknüpfte Traditionsarbeit, die trotz ihrer Zertretenheit noch immer leuchtet, wenn man von der richtigen Seite in den Flor hineinschaut.

Äh, wo waren wir stehen geblieben? Ach ja, Piraten.
Mein Sohn Lou Cedric Mayer, inzwischen erwachsen und berufstätig, war als Kind ein großer Fan von Coppenraths Käpt’n Sharky. Aber er hatte sich immer über die vielen Unausgesprochenheiten echauffiert, in deren Grauzone Sharky einzig funktioniert: Papa, ist das jetzt ein Kind – oder ein Pirat?
Wenn Sharky ein Kind ist (denn er trinkt Saft und spielt und ist höchstens sieben), wo sind dann seine Eltern, und warum um Gottes Willen darf er ein Schiff befehligen? Wieso schreitet da niemand ein?
Und wenn Sharky ein Pirat ist (denn er hat ein riesiges Schiff und gröhlt Lieder), wo bleibt dann die Marine, die ihn aus seinem Versteck in Somalia holt und endlich hinrichtet?
Was fünfjährige Kinder halt so für Fragen stellen.
Und da zaubert Dr. Lamber Scheer den Schöpfer des infatilen Maritimdeliktanten aus dem Piratenhut, Silvio Neuendorf! Und den fragen wir nun, ob Käpt’n Sharky ein Kind oder ein Pirat ist.


Hier die feierliche Übergabe des Kunstwerks:


Das wird ihn dermaßen aufregen.
So, und jetzt holt mich die Mama ab, weil Abend ist.
ZUM GELEIT
Ich habe die sinnloseste Lampe der Messe gefunden!
- Warum ist an?
- Warum ist die da, wo sie ist?

Cat Content: Nicht nur hindert mich Prinz Fasusu, genannt Fussel, systematisch an der Arbeit zuhause, sondern er sabotiert sie auch:

Zum Glück bin ich heute – und nur heute – in der Lage, diese Wirklichkeit professionell filtern zu lassen:

Apropos niedliche Probleme:
Wie bekommt man eine Flasche japanischen Whisky auf mein geheimes Whiskytreffen am Freitag um 17.00 Uhr, wenn man gar keine eigene Eintrittskarte hat?

Und das war mein Eröffnungsmittwoch. Heute lasse ich sausen die Standparty bei Kiepenheuer & Witsch und die Standparty bei den Themenwelten Reise, obwohl ich damit Mirjam Mustonen gewiss traurig mache. Na, wenn ich mich da mal nicht überschätze. Aber vielleicht freut es sie, dass ich darüber nachdenke.

Ich wünsche Ihnen einen fleißigen Donnerstag, an dem wir nochmal alle unter uns sind und in Ruhe unseren Aufgaben nachkommen können, bevor am Freitag die Walker, Streuner und Beißer kommen. Ach nein, halt, das war ja The Walking Dead. Ich meine natürlich nur die Walker und Streuner.
Ihr und Euer
Matthias Mayer
herrmayer@hotmail.com
Warum Karel Čapek recht hatte, Teil 1 von 6








