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Mehr Neugier als Ablehnung: Patrick Meier hat sich auf der Frankfurter Buchmesse in Sachen KI umgesehen

Frankfurter Buchmesse 2026 (Foto: Patrick Meier)

Auf der Frankfurter Buchmesse sitze ich vor der Discovery Stage und höre einer Gesprächsrunde zu, die BoD unter dem Titel «KI, Genres und Formate: Trends in der Buchveröffentlichung» angesetzt hat. Die Reihen sind gut gefüllt. Dann wird eine Umfrage vorgestellt, und die Autorin und Lektorin Lilly C. Ispas sagt, sie finde das Ergebnis ziemlich überraschend. Mir geht es genauso.

BoD hat die Zahlen am 30. September veröffentlicht, erhoben hat sie nach Angaben des Unternehmens das Marktforschungsinstitut Appinio, vom 4. bis 7. September unter tausend Personen zwischen 16 und 69 Jahren. Auf die Frage «Würden Sie ein Buch kaufen und lesen, das mit Unterstützung von KI-Tools erstellt worden ist?» antworteten 49,5 Prozent mit «Ja, wenn KI-Tools nur unterstützend (z. B. Covererstellung, Textkorrektur) eingesetzt wurden». Weitere 30,0 Prozent wählten «Ja, auch wenn ein Buch vollständig mit KI-Tools erstellt wurde». Nur 20,5 Prozent sagten: «Nein, ich kaufe und lese nur Bücher, die ohne KI erstellt wurden.» Die zweite Frage lautete: «Befürworten Sie ein Label auf Büchern, das transparent einen KI-Einsatz bei der Bucherstellung kennzeichnet?» Hier stimmten 83,1 Prozent mit «Ja, finde ich in Hinblick auf Transparenz sinnvoll» zu, 16,9 Prozent antworteten: «Nein, ein solches Label benötige ich nicht.»

Man muss diese Zahlen mit Vorsicht genießen, und der Wortlaut zeigt, warum. Eine Befragung misst Absichten, keine Käufe. Die erste Antwortvorgabe stellt Covererstellung und Textkorrektur nebeneinander, als wären sie dasselbe. Die Korrektur ist Handwerk im Hintergrund. Das Cover ist das sichtbarste Stück eines Buches und genau das Feld, in dem Illustratorinnen und Illustratoren Aufträge verlieren und Verlage für generierte Bilder immer wieder öffentlich Ärger bekommen. Wer hier «Ja» ankreuzt, sagt nicht, zu welchem der beiden. Und «Befürworten» und «sinnvoll» sind weiche Wörter, bei denen kaum jemand «Nein» sagt, ohne sich rechtfertigen zu müssen. BoD bietet allen Marktteilnehmenden ein kostenloses KI-Siegel an. Aber selbst mit allen Abstrichen bleibt ein Befund, der nicht zum Lagerfeuer der Branche passt: Wunsch nach Kennzeichnung und Ablehnung von KI sind zwei verschiedene Dinge. Die Leser:innen wollen offenbar nicht weniger KI, sondern mehr Auskunft.

Ein Mismatch, den man auch im Gespräch spürt

Stephan Noller, Gründer von hermes3000.ai, beschreibt es nach der Messe so: «Also, ich fand es spannend, hatte den Eindruck, dass es einen Mismatch gibt zwischen der wahrgenommenen/vermuteten Ablehnung von KI in der Branche und der tatsächlichen, denn da scheint mir viel mehr Offenheit und Ausprobier-Kultur zu herrschen. Vor allem natürlich, wenn es um ‹supportive KI› geht beim Schreiben.»

Das deckt sich mit dem, was der Börsenverein auf Anfrage formuliert. Pressesprecher Thomas Koch schreibt: «Die Positionierung zum Umgang mit KI ist eine unternehmerische Entscheidung, die individuell je nach Verlagsprofil zu treffen ist. Der Börsenverein unterstützt seine Mitglieder bei der praktischen Orientierung, vermittelt Kompetenzen für einen verantwortungsvollen Umgang mit KI und ihren Risiken und setzt sich zugleich für klare Regeln gegen Missbrauch, Intransparenz und Rechtsverletzungen durch KI ein.»

Das liest sich wie eine Betriebsanleitung. Der Verband überlässt die Entscheidung den Häusern und kümmert sich um Orientierung und Regeln. Wer daraus eine geschlossene Front gegen die Technik liest, sollte dies nochmal überdenken.

Aus der Anbieterecke klingt es erwartungsgemäß nach Rückenwind. Stephan Millitz von Scribigo sagt: «Für kleine und mittlere Verlage sind KI-Assistenten ein wertvolles Werkzeug, um Abläufe zu beschleunigen und Bücher schneller auf den Markt zu bringen. Sie nehmen Teams vor allem ermüdende Routinearbeit ab – etwa bei der Korrektur – und schaffen mehr Raum für das, was ein Buch besonders macht: die Entwicklung der Geschichte und die sorgfältige verlegerische Arbeit. Zugleich lässt sich KI entlang der gesamten Wertschöpfung einsetzen, von der Veröffentlichung bis zur Vermarktung und Kommunikation. Inzwischen gibt es dafür sehr leistungsfähige Werkzeuge, die wir auch bei Scribigo entwickeln und mit denen sich Verlage und Autorinnen und Autoren umfassend entlasten lassen.»

Man darf dabei nicht überhören, dass hier jemand spricht, der die Werkzeuge selbst mit entwickelt und anbietet. Auffällig ist trotzdem, was er als Kern benennt: Korrektur als Routine, die Geschichte und die verlegerische Arbeit als das, was bleiben soll.

Detlef Wiese von CaptionCast Media stand mit seiner KI-Audio-Produktionsplattform für Hörbücher zum ersten Mal in Frankfurt, in Halle 4.1. Sein Eindruck deckt sich mit dem von Noller: «KI hat aus meiner Sicht, zumindest bei unserem Stand, weniger polarisiert, als ich dachte.» Die Einschränkung liefert er gleich mit: «Das liegt aber vielleicht auch daran, dass zu uns natürlich die Leute kommen, die auch gerne darüber etwas erfahren möchten und die offen sind und vielleicht auch technik- oder KI-affin sind.» Im weiteren Umfeld, sagt er, sei mehr polarisiert worden: «Braucht man das, muss das sein, ist es überhaupt gut genug?»

Kritische Fragen habe es auch an seinem Stand gegeben, zu rein synthetischen Stimmen und zum Hybridansatz. CaptionCast arbeitet nach seinen Worten auch mit Sprechern: «Wir haben ja auch Sprecher, deren Stimmen wir lizenzieren und dann weiterverwenden.» Welches Label ein solches Hörbuch tragen müsste, wird damit nicht einfacher, aber die Frage steht im Raum, und sie ist komplexer als die Alternative «mit KI» oder «ohne KI».

Offen ausprobiert oder leise benutzt

Dass Offenheit nicht automatisch Offenlegung heißt, zeigt ein Blick über den Atlantik. Das Magazin Wired berichtet am 9. Oktober unter der Überschrift «Book Publishers Are Quietly Using More AI. Staff Are Revolting» über amerikanische Großverlage. Laut anonymen Aussagen von mehr als zwei Dutzend Mitarbeitenden setzen mindestens HarperCollins, Simon & Schuster und Hachette intern Werkzeuge wie Claude, ChatGPT und Jasper ein, etwa für E-Mails an Literaturagent:innen, Klappentexte und Marketingmaterial. Autorinnen und Autoren erfahren davon demnach oft nichts. Öffentlich gehen Verlage der Big Five gleichzeitig gegen generative KI vor, unter anderem mit Klagen.

Hinter der leisen Nutzung stehen laut Bericht Personalabbau, Rumpf-Teams und Druck aus den Führungsetagen. Bei Simon & Schuster protestierten Mitarbeitende in einem offenen Brief gegen die Erprobung von Überwachungs- und Automatisierungstools. Beobachter:innen fordern klare Richtlinien und die Offenlegung des KI-Einsatzes. Man muss das als Bericht lesen, der sich auf anonyme Quellen stützt, und die Verlage betonen in ihren Statements die operative Nutzung und lehnen kreative Anwendungen ab. Aber die Ausprobier-Kultur, von der Noller spricht, gibt es offenkundig auch dort. Sie findet nur nicht auf der Bühne statt.

Drei Gespräche unter einem Etikett

Wie kommt es dann zu dem Eindruck, die Branche lehne KI ab? Ein Gang durch die Hallen hilft. Am zweiten Messetag sitze ich in einem Panel über RAG-Lösungen als Game Changer. Verlagsinhalte, abgeschottet in geschlossenen Systemen, damit sie sich besser vermarkten lassen. Es geht um Erlösmodelle und Zugriffskontrolle, und niemand im Raum hat damit ein Problem. Eine Halle weiter unten ist das Auditorium größer und voller, dort hören die Leute Nachhaltigkeitsexperten zu. KI ist auch dort Thema, aber als Gegenargument: Energiehunger, Ressourcenverbrauch, die Frage, wer am Ende dafür die Rechnung präsentiert bekommt.

Zwei Hallen, ein Thema, und unter dem einen Wort «KI» laufen mindestens drei Gespräche. Das erste ist Technikskepsis, und sie ist oft berechtigt, denn Halluzinationen, ungeklärte Urheberrechtsfragen und der Energieverbrauch sind keine Befindlichkeiten. Das zweite ist Kapitalismuskritik: Wem gehören die Modelle, und wer verdient an ihnen? Das dritte ist Existenzangst, über die selten offen gesprochen wird. Wer in der Branche von «Qualität» und «Seele» redet, meint oft Einkommen und Relevanz.

Meine Antwort darauf ist einfach: Würde die Kritik verschwinden, wenn die KI perfekt funktionierte? Wenn ja, war es Technikkritik. Wenn nein, ging es um Macht, Geld und Zukunft.

Wiese zieht die Trennlinie an derselben Stelle. Bei der Qualität, glaubt er, lassen sich Leute überzeugen, ein gutes Hörbuch mit mehreren Stimmen und Sounddesign überzeugt am Stand. Bei Ethik, Moral und der Frage, wie sich Gesellschaft und Arbeitsplätze verändern, sieht es anders aus: «Da gehen die Meinungen sicherlich durchaus auseinander.» Das heißt im Umkehrschluss, dass kein noch so gutes Beispiel am Stand die dritte Debatte erledigt.

Die Linie, die längst überschritten ist

An den Fachbesucher:innentagen ist die Buchmesse im Kern eine Lizenzmesse. Man handelt die Ideen der Autor:innen, und für manche Verlage hängt inzwischen das Überleben nicht mehr nur von guten Manuskripten und einem erfolgreichen Verhandlungsgeschick ab, sondern auch davon, wie sie mit der KI umgehen. Der Satz «Diese Linie überschreiten wir nicht» klingt mutig. Er kommt nur ein bisschen spät, denn in der Grauzone wächst bereits vieles fröhlich vor sich hin, und niemand gießt es offiziell.

Marion Voigt vom Verband der Freien Lektorinnen und Lektoren (VFLL) beschreibt dieselbe Lage aus ihrer Sicht so: «Nach meinem Eindruck saß KI überall auf dieser Buchmesse mit am Tisch, ob offen oder verdeckt. Beim Panel des VFLL ‹Texte besser machen› haben wir auf den Mehraufwand beim Lektorat von mit KI erstellten Texten hingewiesen. Und darauf, dass unbedingt frühzeitig zu klären ist, ob und an welcher Stelle generative KI eingesetzt wurde. Wir wollen einfach weiterhin gute Bücher machen. Denn es sind Menschen, die ihre Geschichten erzählen, und Menschen, die sie lesen wollen.»

In diesem Zusammenhang sieht sie auch den Flashmob am Messefreitag mitten auf der Agora, bei dem eine Kette von Literaturübersetzenden «unübersehbar und unüberhörbar auf ihre prekäre Situation aufmerksam gemacht hat». Für Voigt eine wichtige Aktion «angesichts von scheinbar günstigen Übersetzungstools». Die Existenzangst, über die in den Konferenzräumen so selten offen gesprochen wird, war auf der Agora ausnahmsweise laut.

Ob im Lektorat oder in der Übersetzung: Wer mit einem Text arbeitet, muss wissen, ob und wo eine Maschine beteiligt war.

Genau deshalb wird die Kennzeichnung zum eigentlichen großen Graben der Diskussion werden (Asterix Band 25), denn eine hundertprozentige Sicherheit wird es nicht geben. Auf der einen Seite bleibt nur das Vertrauen in die Autor:innen, die angeben, ohne KI gearbeitet zu haben. Auf der anderen Seite steht das Misstrauen gegenüber denen, die zugeben, KI für bestimmte Prozesse genutzt zu haben. Wer KI zugibt, dem wird man unterstellen, gleich alles mit KI erledigt zu haben. Und wer sie bestreitet, kommt auch nicht ohne Kritik davon.

Wer die Werkzeuge baut

Hier werden in der Zukunft die Anbieter stärker ins Spiel kommen, die ich auf den Panels als unterrepräsentiert empfunden habe, obwohl sie die Werkzeuge liefern, um die es geht: Software, mit der Bücher entstehen und Hörbücher gesprochen werden. hermes3000.ai, Scribigo, CaptionCast Media und ElevenLabs sind vier dieser Namen. Drei von ihnen haben hier schon Auskunft gegeben, aber es wird noch mehr Stimmen brauchen, um klare Linien zu erkennen. Positiv ist, dass diejenigen, die sich für die Entwicklung von KI-Tools entschieden haben und mit denen ich gesprochen habe, alle der Meinung sind, dass man die Entwicklung hinterfragen soll, ohne die Technik diskussionslos zu verteufeln.

ElevenLabs, der bekannteste Name unter den vieren, war für ein Statement nicht erreichbar. Der schöne Stand stand meistens leer. Ganz nach dem Vertriebsmotto «Don’t call us, we call you» war das Standpersonal mit Terminen abseits der eigenen Messeheimat beschäftigt. Man kann das als Selbstbewusstsein lesen. Wer die Stimmen liefert, über die alle reden, muss offenbar nicht mehr selbst reden. Für eine Branche, die sich gerade Transparenz wünscht, ist das allerdings eine eigenwillige Botschaft.

Künftig werde ich noch ausführlicher mit den Anbietern sprechen, mit Branchenvertreter:innen und Unternehmern, die diese Werkzeuge einsetzen oder bewusst nicht einsetzen. Mich interessiert, was die Anbieter ihren Kunden versprechen, was sie offenlegen und wo sie selbst die Grenze ziehen würden.

Noller nennt bei der Gelegenheit noch etwas, das mir nicht aus dem Kopf geht. Enttäuscht hätten ihn die Ideen zur Zukunft des Buches und des Lesens, er hätte sich mehr abseitige und kreative Impulse gewünscht. Ob er sie übersehen hat, lässt er offen. Ich habe sie auch nicht gefunden.

Die längste Schlange, in der ich auf dieser Messe stand, führte übrigens nicht in ein Panel. Sie führte zu einem Buch mit bunt eingefärbten Seitenkanten.

An diesem Artikel haben mein eigener Geist, Claude und Wispr Flow mitgearbeitet.

QUELLEN UND GESPRÄCHE

BoD (30.09.2026): Umfrage zur KI-Kennzeichnung von Büchern. Befragung durch Appinio, 4. bis 7. September 2026, 1.000 Teilnehmende zwischen 16 und 69 Jahren.
Wired (09.10.2026): «Book Publishers Are Quietly Using More AI. Staff Are Revolting». wired.com
Statements: Thomas Koch (Börsenverein des Deutschen Buchhandels), Stephan Noller (hermes3000.ai), Stephan Millitz (Scribigo), Detlef Wiese (CaptionCast Media). ElevenLabs war für ein Statement nicht erreichbar.
Vertiefend auf meiersworld.de: «Über 80 Prozent wollen ein KI-Label, aber nur 21 Prozent wollen keine KI im Buch» (08.10.2026), «Technikskepsis, Kapitalismuskritik, Existenzangst» (09.10.2026), «Was wired über die Nutzung von KI in Verlagen berichtet» (11.10.2026), «Zwei Messen in einer Halle» (13.10.2026).

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