Home > Das Sonntagsgespräch > Annika Reich: Begegnung mit Flüchtlingen in Buchhandlungen: Da kann nichts schiefgehen

Annika Reich: Begegnung mit Flüchtlingen in Buchhandlungen: Da kann nichts schiefgehen

Hunderttausende Flüchtlinge sind zu uns gekommen – aber was können wir tun, um mit ihnen ins Gespräch zu kommen? Die Autorin Annika Reich hat diese Frage für sich beantwortet: Sie hat ihren neuen Roman auf Eis gelegt und mit der Initiative „Wir machen das“ eine Möglichkeit gefunden, den Buchhandel aktiv mit einzubeziehen.

In Berlin hat eine erste Veranstaltungen stattgefunden: mit über 100 Teilnehmern mehr als erfolgreich. Und zufriedenstellend für alle Beteiligten. Jetzt kommt es darauf an, diese Initiative bundesweit voranzutreiben.

BuchMarkt: Sie haben die Arbeit an Ihrem neuen Roman auf Eis gelegt, um sich mit Ihrer Initiative „Wir machen das“ http://wirmachendas.jetzt/ für Flüchtlinge zu engagieren. Warum?

Annika Reich

Annika Reich: Zuerst aus Selbstschutz: Ich wohne zehn Minuten vom Berliner LaGeSo entfernt und habe dort Dinge erlebt, die ich irgendwann nicht mehr verkraften konnte. Eine Mutter sprach mich beispielsweise an, dass sie seit drei Tagen kein Geld mehr für Essen für ihre vier Kinder habe. Dabei hielt sie mir Dokumente unter die Nase, damit ich ihr Glauben schenkte. Wenn ich vom LaGeSo dann nach Hause kam, hatte ich teilweise das Gefühl, den Krieg gesehen zu haben. Ich saß manchmal noch eine halbe Stunde im Auto, weil ich diese und meine Welt nicht zusammenbringen konnte. Irgendwann wollte ich diese Zweiteilung nicht mehr und habe beschlossen, mich eine Zeit lang ganz dem Thema zu widmen. Seither kann ich mit all diesen Erfahrungen ein bisschen besser umgehen, weil ich mich nicht mehr so ohnmächtig fühle, sondern ganz im Gegenteil merke, wie viel jeder Einzelne von uns bewirken kann. Mit jeder Kleinigkeit. Es ist kein Fass ohne Boden, der Einzelfall zählt.

Ich engagiere mich aber auch, weil ich das Gefühl habe, dass wir uns momentan in einer historischen Situation befinden. Dass die Kräfte, die zusammen mit den Newcomern eine neue Gesellschaft gestalten wollen, sich bündeln müssen, um mehr Einfluss auf die Politik zu haben und auf die Gesellschaft zurückzuwirken. Dass wir gemeinsam zeigen müssen, dass man diese Situation nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung erfahren kann. Dass ein Miteinander nötig ist, und dass es möglich ist, mit den Newcomern zusammenzuleben und ihnen nicht nur zu helfen. Deswegen habe ich zusammen mit 100 Frauen aus der Kultur, Wissenschaft und dem öffentlichen Leben das Aktionsbündnis „Wir machen das“ gegründet, um dieses Miteinander zu stärken und in den Fokus zu rücken. Ich tue dies nun erst einmal in dem Feld, in dem ich mich auskenne: der Welt der Literatur.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, gerade den Buchhandel als Begegnungsort auszusuchen?

Annika Reich: Buchhandlungen sind prädestiniert dafür, ihre Räume für die Geschichten von Menschen zu öffnen. Buchhändler sind meist weltoffene Menschen. Es geht ja um Storytelling, darum, dass Menschen, die sich fremd sind, sich gegenseitig ihre eigenen Geschichten erzählen, um zu merken, dass sie sich gar nicht so fremd sind oder sich noch viel fremder sind als erwartet, aber auch das eine Bereicherung sein kann. Es geht darum, miteinander und nicht übereinander zu reden.

Und was ist mit Sprachbarrieren? Ich stelle mir das nicht so einfach vor…

Annika Reich: Man braucht für den Abend eine/n ÜbersetzerIn. Es wird immer Menschen im Publikum geben, die kein Deutsch oder Englisch sprechen, aber in den Flüchtlingsheimen oder an den Sprachschulen findet man Menschen, die ins Arabische oder in eine andere Sprache übersetzen können. In welcher Sprache die Veranstaltung stattfindet, hängt davon ab, wer erzählt. Ich denke, die meisten Veranstaltungen werden in Englisch oder Deutsch und Arabisch oder Farsi stattfinden, denn das sind die Sprachen, die die meisten Menschen, die jetzt hierher kommen, sprechen.

Die Auftaktveranstaltung fand bei Jörg Braunsdorf in der Berliner Tucholsky-Buchhandlung statt. Was ist da passiert?

Annika Reich: Ein Pakistani hatte uns im Vorfeld erzählt, dass er ein Buch über sein erstes Jahr in Berlin schreibe, und dass er davon auf Englisch erzählen wolle. Wir luden zu dem Abend auf Englisch und Arabisch ein. Wir fanden einen jungen Syrer, der das alles wunderbar übersetzte. Menschen aus Pakistan, Syrien, Irak, Palästina diskutierten mit. Der Pakistani erzählte dann aber kaum etwas von seiner Ankunft in Berlin, sondern fast nur über die traumatisierenden Gründe seiner Flucht aus Pakistan und wie schwer es sei, hier einen Job zu finden. Das war anders als erwartet, aber er hat jetzt erste Jobangebote, hat viele Kontakte knüpfen können und wir alle wissen jetzt mehr über die Situation in Pakistan.

War es schwer, jemanden zu finden, der bereit war, vor Publikum aufzutreten?

Annika Reich: Nein, überhaupt nicht. Frank Alva Buecheler ist Kunde der Tucholsky-Buchhandlung und kannte den Pakistani und den Übersetzer aus einem Flüchtlingsheim in der Nachbarschaft. Beide haben sofort zugesagt.

Wie groß war das Interesse des Publikums? Kamen viele Gäste?

Annika Reich: Die Tucholsky-Buchhandlung platzte aus allen Nähten. Es gab nicht genug Stühle für die knapp 100 Menschen.

Wie viele Geflüchtete waren darunter? Und haben sich Ihre Hoffnungen erfüllt, dass man miteinander ins Gespräch kam?

Annika Reich: Ich würde schätzen, dass ein Drittel des Publikums Menschen aus den Heimen der Nachbarschaft waren. Danach standen wir lange zusammen, überall wurden Adressen ausgetauscht und ständig rief jemand quer durch den Raum nach dem Übersetzer. Ja, die Hoffnung miteinander ins Gespräch zu kommen, hat sich erfüllt.

Was können Buchhändler bundesweit tun, um bei dieser Initiative mitzumachen?

Annika Reich: Buchhändler, die bei „Begegnungsort Buchhandlung“ mitmachen möchten, kontaktieren uns am besten per Email: Lesungen@wirmachendas.jetzt.
Wir stehen für alle Fragen rund um die Aktion zur Verfügung und unterstützen so die Buchhändler bei der Organisation. Beispielsweise gewinnen wir gerade bundesweit AutorInnen, die bereit sind, Moderationen zu übernehmen bzw. auch als Ansprechpartner und Mitorganisatoren vor Ort zur Verfügung stehen. Auf unserer Website unter www.wirmachendas.jetzt gibt es weitere Infos und man kann sich Plakatvordrucke und Handzettel downloaden.

Ihr Verlag Hanser unterstützt Sie bei der gesamten Aktion. Aber eine solche Veranstaltung mit Flüchtlingen ist sicher nicht einfach über den Verlag „buchbar“, da muss man sich selbst vor Ort umtun?

Annika Reich: Von meinen Lesereisen weiß ich, dass es in Deutschland viele sehr engagierte und politisch wache Buchhändler gibt, wovon viele mit Sicherheit ohnehin schon in der Flüchtlingshilfe aktiv sind. Wenn eine Buchhandlung noch nicht aktiv ist, aber aktiv werden möchte, fängt sie am besten mit einen Aushang an, auf dem sie nach KundInnen fragen, die sich in der Nachbarschaft engagieren und beim Kontakt in die Flüchtlingsheime helfen. Da findet sich bestimmt sofort jemand, der mit Newcomern zu tun hat und in den Heimen nach Geschichten-ErzählerInnen und ÜbersetzerInnen fragen kann.

Das Schöne ist: An einem solchen Abend kann nichts schief gehen. Ob die Übersetzung perfekt ist oder nicht, ob der Erzähler oder die Vorleserin das gut oder nicht so gut machen, ob 20 oder 100 Menschen kommen, ist egal. Der Bedarf nach Begegnungen ist riesen groß – von beiden Seiten. Und wenn eine Begegnung stattfindet, die weder die Newcomer auf ihre Rolle als Flüchtling reduziert noch die Einheimischen auf ihre Rolle als Helfende, wenn also Begegnungen auf Augenhöhe in den Buchhandlung stattfinden können, dann ist es schon gelungen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert