Am 3. Februar wird Dr. Hans-Jochen Vogel seinen 90. Geburtstag feiern. Der Herder Verlag nahm das zum Anlass, eine Auswahl seiner Bundestagsreden, Aufsätze und politischen Würdigungen herauszugeben. Zum Geburtstag gratulieren durfte man dem SPD-Politiker am Mittwochabend noch nicht, wohl aber sich bedanken für seine Lebensleistung.

Statt des durch Krankheit verhinderten Kurt Beck sprach der Geschäftsführende Vorstand der Friedrich-Ebert-Stiftung, Roland Schmidt. Er erinnerte daran, dass der Titel des Buches Es gilt das gesprochene Wort: Reden, Grundwerte, Würdigungen aus der angelsächsischen Gerichtspraxis stammt, und hob das rednerische Talent des Bald-Jubilars hervor: rhetorisch geschliffen, sachverständig, mit klarem Standpunkt und mit unverkennbarer Intonation.

Die Friedrich-Ebert-Stiftung hat den Vogel´schen Vorlass archiviert und komplett im Internet zugänglich gemacht. Hans-Jochen Vogel, seit 1955 in politischen Ämtern, hat 6.000 Reden geschrieben, das macht bei 60 aktiven Jahren durchschnittlich 100 Reden pro Jahr – eine unglaubliche Leistung. Auf ihnen liegt kein Staub, das zeigen auch die ca. 300 Aufrufe pro Monat auf der Website.
Bundestagspräsident a.D. Dr. Wolfgang Thierse (der entgegen der landläufigen Annahme kein evangelischer Pfarrer, sondern katholischer Kulturwissenschaftler ist) hielt eine humor- und gehaltvolle Laudatio. Die Niederlage der SPD mit Vogel als Kanzlerkandidat im Bundestagswahlkampf 1983 mit 38,2% kommentierte er so: „Heute sehnt man sich fast nach solchen Niederlagen“.
In der von Dr. Franziska Augstein moderierten Gesprächsrunde gelang es, den großen Bogen von der Gründung der Bundesrepublik auf den physischen und moralischen Trümmern des Landes über die Wiedervereinigung bis zu den heutigen Herausforderungen durch die Uneinigkeit Europas angesichts der Flüchtlingsströme zu schlagen. Stichelnd gefragt, ob man angesichts der wahrscheinlichen Etablierung der AfD nicht doch ein rot-rot-grünes Bündnis erwägen sollte, antwortete Vogel der SZ-Redakteurin listig, mit einem Ramelow sei das ja vorstellbar, zu einer Wagenknecht gebe es jedoch unüberbrückbare Grundsatz-Differenzen. Vogel, der immer wieder an verantwortlicher Stelle eingesprungen ist, wenn es haarig wurde, hat bei seiner Arbeit als Fraktionsvorsitzender nach dem Motto gehandelt: Opposition statt Obstruktion.
Claudia Tausend, SPD-Bundestagsabgeordnete aus München, fand keine Erklärung, warum die SPD nach 10 Jahren erfolgreicher Mitregierung unter Angela Merkel so wenig für sich punkten kann. Der erfahrene Politiker Thierse erklärte das anhand der jüngsten Parteitage: In der CDU sind ganz viele gegen Merkels Politik, aber alle wählen sie. In der SPD gibt es hier und da Kritik an Gabriel, und sie strafen ihn bei der Wahl ab. Ein hellwacher, gut informierter und meinungsstarker Hans-Jochen Vogel betonte – wie in seiner in dem Buch abgedruckten Abschiedsrede aus dem Bundestag – den Grundkonsens der Demokraten.
Das Vorwort zu diesem Buch stammt von Helmut Schmidt; es ist der letzte Text, den der große SPD-Politiker zur Veröffentlichung geschrieben hat, ein Freundesdienst. Die beiden fanden zusammen, als die Bundesregierung bei der Geiselnahme von Hanns Martin Schleyer und der Entführung des Lufthansa-Jets „Landshut“ trotz der Todesgefahr für die Geiseln die Forderungen der RAF auf Freilassung ihrer Gesinnungsgenossen nicht erfüllte.
Das Publikum, darunter Dr. Heribert Prantl von der Chefredaktion der Süddeutschen Zeitung, Sigmund Gottlieb (Chefredakteur des Bayerischen Fernsehens) und Johano Strasser (Mitglied der Grundwertekommission der SPD), fand beim anschließenden Empfang bei Wein und Brezel noch reichlich Gelegenheit zur Diskussion.
Ulrich Störiko-Blume