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Max Kruse

Max Kruse

Der Autor Max Kruse ist am vergangenen Freitag im Alter von 93 Jahren gestorben. Die Beerdigung des großen Autors wird im engsten Familienkreis stattfinden. Ein Nachruf von Daniela Thiele:

Als ich sechs Jahre alt war, bekam ich ein Buch geschenkt. Es hieß „Gut gebrüllt, Löwe“ und war von einem Mann namens Max Kruse. Ich habe mich gleich in das Buch verliebt: Löwe, Kim und Pips, die Blechbüchsenarmee, eine Riesenschildkröte, die vom Fliegen träumt, ein integranter Bösewicht und der traurige Prinz Panja – sie wuchsen mir ans Herz, und ich wünschte mir alle „Löwe“-Bücher. Den Verlagsnamen „Hoch, Hoch, Hoch“, der vorne auf den Büchern von Max Kruse stand, habe ich damals als solchen nicht erkannt – ich hielt ihn für den größtmöglichen Ausdruck der Wertschätzung, die man einem Autor entgegenbringen konnte, in dem Sinne von: Max Kruse, er lebe hoch, hoch, hoch!
Viele Jahre später – mein Mann und ich hatten inzwischen einen eigenen Verlag, kreuzte der Held meiner Kindertage unerwarteterweise wieder meinen Weg – diesmal nicht einem „Löwe“- oder „Urmel“-Abenteuer. Nein, es war „Jantien“ eine zarte Liebesgeschichte, eine Stück Erinnerung, das in das Verlagsmailpostfach flatterte mit der Frage, ob unser kleiner Verlag, den der Autor von einer Buchhändlerin empfohlen bekommen hatte, interessiert wäre, es zu verlegen. „Es ist von Max Kruse“, sagte mein Mann. „Wie? DER Max Kruse?“, fragte ich in ungläubigem Staunen.
Seit jener Zeit verbindet uns etwas, das über ein Jahrzehnt zu einer wunderbaren Freundschaft geworden ist. Ich lernte den Autor Max Kruse kennen, der im Thiele Verlag nicht nur „Jantien“, sondern auch „Das silberne Einhorn“ verlegte, „Das Alphabet der kleinen Freuden“ und den Gedichtband „Mein Herz beginnt zu schweben“. Und ich lernte den Menschen Max Kruse kennen, der Briefe und Mails stets mit einem herrlich altmodischen „Liebe Frau Daniela“ begann, was mich jedes Mal zutiefst rührte.
Altmodisch war Max Kruse jedoch keineswegs: selten bin ich einem so aufgeschlossenen, der heutigen Welt so zugewandten älteren Menschen begegnet. Unseren kleinen Briefwechsel (per Mail!) empfand ich als große Bereicherung. Den Austausch von Gedanken und Erinnerungen mit einem Mann, der so viel erlebt hatte – Schönes und Schlimmes –, der so vieles geschrieben hatte – bei weitem nicht nur Kinderbücher, auch wenn er mit dem „Urmel aus dem Eis“ sicherlich eine der originellsten Figuren deutscher Kinderbuchpoesie geschaffen hat – die ganze Weisheit eines langen Lebens, die Güte und Klarheit seines scharfen Verstandes, das Interesse und die Anteilnahme am Glück und an den kleinen und großen Katastrophen unseres Alltags – das war ein unerwartetes und großes Geschenk für mich, und auch, wie er mir in fast jedem Brief schrieb, für ihn.
Er freute sich, an dem, was ich ihm zu berichten hatte. Er verband es mit eigenen Erinnerungen und blickte gern zurück. Als mein Mann sechzig wurde, erklärte Kruse mit einem amüsierten Lacher: Noch so jung! Wenn er bedenke, was er in diesem Alter noch alles an wunderbaren Dingen erlebt habe …
Er sah dem Ende ohne Angst entgegen. Dass alles weniger würde stellte er fest, jedoch ohne Bitterkeit. Dass das Schreiben und Lesen ihn am Leben halte. Dass die Kräfte schwänden und die Freunde stürben und dass man damit umgehen müsse. Seine große Sorge galt seiner Frau, mit der er in zweiter Ehe seit 50 Jahren ein glückliches und harmonisches Leben führte, sie sollte auch nach seinem Tod in seinem Haus in Penzberg, das im Blauen Land liegt (es heißt wirklich so) gut betreut sei. Dafür hat er sehr umsichtig gesorgt.
Vor den Sommerferien rief er mich noch einmal an – das Schreiben am Computer war mittlerweile zu mühsam geworden. Ich habe noch den Klang seiner dreiundneunzigjährigen, brüchigen Stimme im Ohr, die noch die alte Kraft verriet. „Hier Max Kruse, wie geht es Ihnen?“ In diesem letzten Telefonat sagte er mir, er habe ein schönes Leben gehabt. Nun ist er nicht mehr – Max Kruse, neben Michael Ende und Ottfried Preußler einer der letzten großen Kinderbuchautoren der Nachkriegszeit, beendet eine Ära, die die schönsten Kinderbuchklassiker hervorgebracht hat.
Als seine Tochter mich Anfang September anrief, um mir mitzuteilen, dass ihr Vater zu Hause friedlich eingeschlafen sei, hat mich das sehr traurig gemacht. Doch als sie sagte, ihr Vater habe gesagt, ich sei eine gute Freundin von ihm, hat mich das sehr froh gemacht. Auch ein bisschen stolz. Lieber Max Kruse, der so viele Kinderherzen glücklich gemacht hat und sicher auch so manches Erwachsenherz, ich bin sehr gerne ihre gute Freundin gewesen. Und wo immer Sie jetzt sind, wo immer Ihr Herz jetzt schwebt, rufe ich Ihnen zu: „Max Kruse – Hoch! Hoch! Hoch!“
(Daniela Thiele)

Max Kruse wurde 1921 in Bad Kösen an der Saale als jüngster Sohn des Bildhauers Max Kruse und der berühmten Puppenschöpferin Käthe Kruse geboren. Als eher kränkliches Kind konnte er nur selten die Schule besuchen, wurde aber sehr vom künstlerischen Familienumfeld und der liebevollen und sehr entschiedenen Mutter geprägt. Nach dem Abitur in Weimar studierte er in Jena bis zur Schließung der Universitäten im Jahr 1943 Philosophie und Betriebswirtschaft. Kurz nach Kriegsende heiratete er und baute die Puppenfabrik seiner Mutter wieder neu auf, nachdem der alte Betrieb in Bad Kösen enteignet worden war.
Da Max Kruse schon immer Schriftsteller werden wollte, übergab er 1958 die Firma an seine Schwester und zog nach München, wo er als Werbetexter arbeitete und seine ersten Kinderbücher verfasste. Seinen Durchbruch als Schriftsteller erzielte Max Kruse 1965, als der Hessische Rundfunk sein erstes Kinderbuch „Der Löwe ist los“ mit der Augsburger Puppenkiste verfilmte. Max Kruse schrieb über 50 Kinder- und Jugendbücher. Am bekanntesten und beliebtesten wurden seine Kinderbücher um „das Urmel“.
Mit Max Kruse verliert die deutsche Kinderliteratur einen Autor, der eine ganze Generation von Lesern geprägt hat. Über seine phantasievollen Figuren – vom „Lölölölöwen“, über Don Blech und Lord Schmetterhemd bis zum Urmel und seinen Mitschülern in der Sprachschule von Professor Habakuk Tibatong auf der kleinen Südseeinsel Titiwu – hat er viele unterhaltsame und zugleich weise und hintergründige Geschichten erzählt.
Max Kruse wurde mit zahlreichen Auszeichnungen geehrt. Unter anderem ist er Mitglied des P.E.N und Träger des Bundesverdienstkreuzes. Die Gesamtauflage seiner Bücher liegt bei über drei Millionen Exemplaren; sie wurden unter anderem ins Chinesische, Dänische, Englische, Estnische, Finnische, Französische, Niederländische, Italienische, Japanische, Katalanische, Koreanische, Russische und Schwedische übersetzt. Im Jahr 2000 wurde er für sein Gesamtwerk mit dem großen Preis der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur ausgezeichnet.

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