Gerade ist im Thiele Verlag der Titel Buchmarkt in 60 Minuten von Jürgen Christen erschienen. Obgleich der Titel an unser Magazin BuchMarkt erinnert, handelt es sich um eine Kurzbetrachtung über die Funktionsweise der Buchbranche im Allgemeinen.
Wir haben Jürgen Christen, unseren langjährigen Mitarbeiter und Autor, gefragt, wie der Titel entstanden ist, und ob man die quirlige und komplexe Buchbranche überhaupt kompakt in einem nur 108 Seiten langen Büchlein erfassen kann.

BuchMarkt: Die Reihe des Thiele-Verlags, in der Ihr Buch erscheint, läuft unter dem Claim „Staunen im Stundentakt. Die Welt in 60 Minuten“ Das klingt nach Schnelldurchgang und How to do. „Weinkenner in 60 Minuten“ oder „Harry Potter in 60 Minuten“ – das mag ja noch angehen. Aber wie kann eine so hochkomplexe und zugleich ausdifferenzierte Branche wie das Verlagswesen in knapp einer Lektüre-Stunden adäquat beschrieben und am Ende (richtig) verstanden werden. Mußten Sie da nicht extrem vereinfachen und pauschalisieren?
Jürgen Christen: Es mag Sie in der Tat verwundern, wie es möglich sein soll, auf vergleichsweise wenigen Seiten so hochkomplexe Strukturen wie die der Verlags- und Medienbranche derart zu veranschaulichen, dass die Darstellung dem kritischen Blick von Insidern standhält und gleichzeitig auch beim beruflich nicht unmittelbar betroffenen Laien Neugierde weckt. Das kann nur gelingen, indem man die Strukturen und Parameter der Branche gleichsam in Szene setzt und die Akteure in ihrer Interaktion vorführt – also mit einem souveränen Blick von oben auf einen quirlig-kreativen Ameisenhaufen.
Die Buchbranche als Ameisenhaufen?
Als ich in Frankfurt mit meinem Verleger am Messestand zusammen saß und wir eigentlich über ein ganz anderes Buch-Projekt sprechen wollten, fragte mich Johannes Thiele plötzlich mit Blick auf das quirlige Treiben in der Messehalle, ob ich nicht Lust hätte zu einem Bändchen über „Die Buchmesse in 60 Minuten“. Das könnte doch für Insider wie Laien eine höchst amüsante Sache sein. Da ich seit 1976 auf den Buchmessen in Frankfurt und später auch in Leipzig beruflich unterwegs bin und da auch so einiges erlebt habe, war ich natürlich von der Idee sofort begeistert.
Eine Betrachtung der Buchmesse(n) ist es jetzt aber nicht geworden…
Als ich mich dann zu Hause allerdings ans Schreiben machte, wurde mir schnell klar, dass man diesen ganzen Messetrubel und das Tun und Treiben seiner Akteure insbesondere Außenstehenden im Grunde nur erklären kann, wenn man ihnen deutlich macht, wie Büchermenschen und Literaturbetrieb im Branchenalltag ticken. Also wer da was macht und wie das alles miteinander zusammenhängt. Davon ist ja in der Messe-Berichterstattung des Feuilletons und im Fernsehen fast nie die Rede. Da geht es überwiegend um spektakuläre Neuerscheinungen der Hoch- und Unterhaltungsliteratur bzw. die Promi- und Glitzerfassade in den Hallen der Publikumsverlage. Von den Fach- und Wissenschaftsverlagen – den insgesamt gewichtigsten Playern der Branche – erfahren wir beispielsweise selten etwas. Und dass da auch Buchhändler unterwegs sind, für die ja die Buchmesse ganz eigentlich erfunden wurde, fällt völlig unter den Tisch.
Ihr Buch will also zurechtrücken, was in der allgemeinen Berichterstattung gemeinhin zu kurz kommt?
So würde ich es nicht formulieren. Schauen Sie: Wie man mit der Produktion und dem Vertrieb von Autos oder Flachbildschirmen Geld verdienen und Arbeitsplätze schaffen kann, ist jedem halbwegs unterrichtetem Menschen plausibel; darüber wird ja auch in den Medien hinreichend berichtet. Bücher sind aber im Unterschied zu Autos und Flachbildschirmen Produkte des Überbaus; sie sind ein Synonym für geistige Inhalte – ganz gleich, ob Krimi oder Fachbuch. Sie entspringen der Phantasie, der Kreativität, der Inspiration. Daher wohl auch die häufige Verklärung und geradezu metaphysische Überhöhung, die allen, die mit Büchern wie auch immer ihr Geld verdienen, seitens der Branchenfremden entgegen schlägt. Da ist dann im Gespräch sofort von Inhalten die Rede, nicht aber von Marktanteilen, von guter Literatur, nicht aber von Gewinnspannen.
Neulich erzählte mir ein Buchhändler in diesem Zusammenhang von einem durchaus bildungsnahen Kunden, der auf die Frage, warum er denn seine Bücher bei Amazon und nicht in seinem Laden oder auf seiner Website bestelle, allen Ernstes zur Antwort gab: „Sie beraten mich ja immer so schön, da wollte ich Ihnen nicht noch zusätzlich Arbeit machen.“
Und wenn der Kunde Ihr Buch gelesen hat, würde er eine solche Frage nicht mehr stellen?
Ich hoffe, nicht. Und deshalb ist es auch nicht als womöglich langweilende Einführung in eine altehrwürdigen Wirtschaftszweig geschrieben, sondern vielmehr als launig-informativer Streifzug durch die Welt der Büchermacher und –händler, der Messen, Branchencoacher und Literaturvermittler. Besonders am Herzen lag es mir aber auch, unterhaltsam und überschaubar Einblicke in die vielfältigen Mechanismen des herstellenden und vor allem vertreibenden Buchhandels zu geben.
Wieso?
Autoren, Verlage und Buchhandlungen sind in der öffentlichen Wahrnehmung verständlicherweise präsenter als z. B. der Zwischenbuchhandel. Dessen ungeachtet ist der hohe Standard der Vertriebswege für das Funktionieren des Literaturbetriebs megawichtig. Und da muss ich in Gesprächen immer wieder feststellen, dass nicht wenige junge Lektoren und vermeintliche Marketing-Profis verblüffend ungenaue Kenntnisse über den Zwischenbuchhandel erkennen lassen und nicht einmal erklären können, wie ein Hochregallager funktioniert und wozu es eigentlich genau da ist. Andererseits fehlt es auch Buchhändlern bisweilen am Verständnis für die Parameter der Verlagsarbeit.
Also doch ein Lehrbuch für (angehende) Insider?
Natürlich irgendwo auch, aber vor allem die zukunftsoffene Momentaufnahme einer Branche, die wie kaum ein anderer Industrie- und Wirtschaftszweig kundenorientiert organisiert und ausgerichtet ist und auf die Verleger und Buchhändler anderer Länder im Grunde nur neidisch blicken können. Vor allem aber auch eine Branche, die nichts von ihrer Vitalität verloren hat und in großen Teilen gerade dabei, sich mit Blick auf E-Book und Digitalisierung erfolgreich neu zu erfinden und aufzustellen.
Das Buch ist deshalb irgendwie und ganz bewusst auch eine Liebeserklärung an eine Branche, deren Insights, Contents und Geschäftsmodelle die betriebswirtschaftliche Realität nicht unbedingt ausblenden, aber eben nicht zum Maß aller Dinge und guten Bücher machen. Denn der Literaturbetrieb ist im Kern eine unkommerzielle Angelegenheit, wo es einem nicht peinlich sein muss, wenn man damit auch mal kein oder kaum Geld verdient.