Die Stimmung ist gewittrig, die Autos hupen sich bei jeder Kleinigkeit an, die Kampfradler giften gegen die Trödler, viele sind um 17 Uhr zu Fuß auf dem Heimweg – ´s ist Feierabend auf der Leopoldstraße. Und aus der Buchhandlung Lehmkuhl ertönt die lautsprecherverstärkte Stimme von Hanser-Verleger Jo Lendle, der eine drei Wochen dauernde Aktion „Zwischenmiete – Hanser zieht ins Schaufenster“ am Donnerstag eröffnet hat.

Natürlich rechnet kein Mensch zu dieser Stunde und an diesem Ort mit einem Vorleseerlebnis – schon gar nicht mit literarischen Leckerbissen. Aber es funktioniert, denn viele bleiben stehen und manche hören sich tatsächlich mehrere Geschichten an.
bild(n,37798)
Der Verleger hat ein Hanser-Buch ausgewählt, das für ihn als junger Mann eine Entdeckung war: Elias Canetti Der Ohrenzeuge. Zustande gekommen ist diese originellste Schaufensteraktion der Saison dadurch, dass Jo Lendle eine Aussage von Lehmkuhl-GF Michael Lemling wörtlich genommen hat: Statt der notorischen Flasche Wein als Dankeschön für einen Auftritt sollte Hanser ein Schaufenster für drei Wochen „bespielen“ dürfen. „Machen wir“, hat Jo Lendle gesagt, und dann haben sich 30 Verlagsmitarbeiter bereiterklärt, jeweils um 17 Uhr eine halbe Stunde lang im Schaufenster zu lesen.

Die Aktion endet am 18. Juli, dem „Tag der Münchner Buchhandlungen“. Eine in dieser Form erstmalige Idee – aber auch eine gute Anregung für eigene Varianten. Die lokale Presse war zum Auftakt vertreten, und man kann die Aktion über die Hanser-Homepage verfolgen.
Ulrich Störiko-Blume