Mehr als 60 Kinderbuchautoren haben einen offenen Brief unterzeichnet, der am Dienstag Abend bei der Verlagsgruppe Beltz eintraf. Sie äußern Kritik an einer Aktion, bei der in Zusammenarbeit mit der Stiftung Lesen 50.000 Exemplare des ersten Bandes der Warrior Cats verschenkt wurden.
Der Brief der Autoren im Wortlaut:
„Sehr geehrte Damen und Herren,
mit Befremden haben wir – die unterzeichnenden Kinder- und Jugendbuchautorin-nen und -autoren – die Nachricht gelesen, dass die Verlagsgruppe Beltz dem Lehrerclub der Stiftung Lesen 50.000 Exemplare von Band 1 der Warrior Cats-Reihe schenkt.
Wir begrüßen die Idee, in Einzelfällen Klassensätze zu verschenken, damit auch die Schüler zum Lesen angeregt werden, die in ihrem Elternhaus nicht mit Büchern versorgt werden können, oder um beispielhaft die Anschaffung von Klassensätzen moderner Kinderliteratur anzuregen.
Wir freuen uns über jedes Kind, das über Leseförderung in Schulen dazu animiert wird, ein Buch in die Hand zu nehmen.
Doch in einem solchen Ausmaß 50.000 Bücher eines internationalen Bestsellers zum Anfüttern zu verschenken, um dann anschließend mit der gesamten Reihe die Schule endgültig als Absatzgebiet für sich zu erobern (siehe Ihre Interviews), betrachten wir nicht als Maßnahme der Leseförderung für sozial Schwache, sondern als aggressive Marketingmaßnahme, um andere Verlage und Autoren aus der Schullektüre zu verdrängen.
Jeder Verlag hat natürlich das Recht, nach innovativen Marketingideen zu suchen und diese auch umzusetzen. Aber sie sollten die Verhältnismäßigkeit nicht sprengen und vor allem nicht als ,Leseförderung‘ getarnt werden.
Echte Leseförderungs-Aktionen sollten ja prinzipiell Schule machen, als Beispiele dienen, Nachahmer finden im Sinne der weiteren Verbreitung der Leseförderung.
Wie dürfen wir uns dieses Beispiel in Ihrem Fall vorstellen?
Als Hochrüstungswettbewerb der Verlage in Verschenkaktionen? Morgen 70.000 Harry Potter von Carlsen, übermorgen 100.000 Gregs Tagebücher von Lübbe? Alles zu Lasten und auf Kosten des stationären Buchhandels und der Autoren?
Wofür soll Ihre ,Leseförderungs-Aktion‘ als Beispiel dienen?
Oder wie mag es um den deutschen Buchhandel bestellt sein, wenn beispielsweise Amazon Ihre ,Leseförderungsaktion‘ so großartig findet, dass im nächsten Jahr eine halbe Million Amazon- Buchgutscheine an die Schulen verschenkt werden? Alles im Namen der ,Leseförderung‘, die Ihrem Beispiel folgt?
Wir fragen uns, ob Sie sich bei der Entwicklung Ihrer Aktion Gedanken über die mögliche Tragweite gemacht haben?
Ein weiterer Aspekt:
An allen Ecken argumentieren wir Autoren gegen die Piraten-Mentalität, dass Bücher (zunächst nur digital) gratis sein sollten. Zudem haben wir seit langem mit massiven Angriffen auf das Urheberrecht zu kämpfen. Auch für die Buchpreisbindung setzen wir uns ein. Denn nur der VERKAUF von Büchern ist die Lebensgrundlage von uns Autoren (und vom stationären Buchhändler). Sie befördern mit Ihrer groß angelegten Marketingmaßnahme aber leider genau diesen Irrglauben, dass Literatur nichts kosten müsse, Verlage ohnehin die Millionen übrig und Autoren Tantiemen nicht nötig hätten und locker Bücher massenweise verschenken könnten.
Wir Kinderbuchautoren reisen zusammengenommen jährlich tausendfach in die hintersten Winkel unseres Landes, um im echten Sinne der Leseförderung Schülern nicht nur vorzulesen, sondern ihnen in Gesprächen zu erläutern, wie Bücher entstehen, welche Arbeit es bedeutet, wovon Verlage, Buchhändler und Autoren leben, und wie wichtig es deshalb ist, Bücher zu kaufen, selbst wenn es technisch die Möglichkeit gibt, sie (illegal) gratis herunterzuladen.
Mit Ihrer Aktion arbeiten Sie unseren tausendfachen Bemühungen und Gesprächen entgegen. Sie schaden den örtlichen Bibliotheken, dem stationären Buchhandel und uns, Ihren Autoren.
Wirkliche Leseförderung hat immer auch mit literarischer Vielfalt, Auswahl, Kennen-lernen von Neuem und Vergleichen zu tun. Für eine solche Leseförderung gibt es eine hervorragende Grundlage: eine hohe Anzahl sehr guter Kinderbuchautoren und eine Vielzahl von hervorragend für den Schulunterricht geeigneter Literatur.
Sie aber nutzen diese Möglichkeiten nicht, sondern schaden ihnen, indem Sie die vorhandene Vielfalt durch das massenhafte Verschenken einer Bestseller-Serie aus den Schulen verdrängen und somit den Gang zum Buchhändler oder in die Bibliothek vor Ort überflüssig machen, weil die Bücher ja gratis in die Schule geliefert werden.
Das Prinzip des Lottogewinns als Leseförderung?
Es hätte viele Möglichkeiten zur echten Leseförderung gegeben. Sie hätten den Wert der 50.000 Bücher – rund eine halbe Million Euro – spenden können für den Auf- und Ausbau von Schulbibliotheken. Sie hätten sogar verlagseigene Buchgutscheine für Schulbibliotheken verschenken können. Immerhin wäre dann noch die Vielfalt Ihres eigenen Verlagsprogramms und Ihrer Autoren gewahrt geblieben und Sie hätten den Besuch der Schüler in die Bibliotheken befördert.
Sie hätten auch gemeinsam mit anderen AVJ-Verlagen eine große Aktion der Leseförderung initiieren können.
Kurzfristig mag Ihre Art der ,Leseförderung‘ in Ihrer Marketingabteilung als Erfolg verbucht werden. Langfristig aber könnte sie der gesamten Buchbranche großen Schaden zufügen.
Herzlichst
• Milena Baisch
• Jan Birck
• Brigitte Blobel
• Kirsten Boie
• Julia Breitenöder
• Beate Dölling
• Lisa-Marie Dickreiter
• Martin Ebbertz
• Alice Gabathuler
• Mario Giordano
• Bettina Göschl
• Christine Fehér
• Stephanie Fey
• Werner Färber
• Cornelia Franz
• Susanne Fülscher
• Andreas Hartmann
• Wolfram Hänel
• Sylvia Heinlein
• Dagmar Hoßfeld
• Luise Holthausen
• Saskia Hula
• Nikola Huppertz
• Mathias Jeschke
• Martin Klein
• Daniela Kulot
• Jaromir Konecny
• Sabine Lipan
• Sabine Ludwig
• Judith Le Huray
• Kai Lüftner
• Irene Margil
• Christian Matzerath
• Gina Mayer
• Dagmar H. Mueller
• Karin Müller
• Maja Nielsen
• Bettina Obrecht
• Winfried Oelsner
• Alice Pantermüller
• Nina Petrick
• Barbara Peters
• Boris Pfeiffer
• Holly-Jane Rahlens
• Barbara Rose
• Katharina Reschke
• Anna Ruhe
• Andreas Schlüter
• Marie-Thérèse Schins
• Patricia Schröder
• Rainer M. Schröder
• Ulli Schubert
• Gerswid Schöndorf
• Deniz Selek
• Antje Szillat
• Peter Schwindt
• Thilo
• Joëlle Tourlonias
• Barbara van den Speulhof
• Regula Venske
• Dirk Walbrecker
• Jutta Wilke
• Klaus-Peter Wolf
• Sigrid Zeevaert“
Den Brief hatte Andreas Schlüter im Namen der Unterzeichnenden nach Weinheim geschickt. Beltz hat nun geantwortet. Der Brief des Verlagshauses im Wortlaut:
„Sehr geehrter Herr Schlüter,
sehr geehrte Damen und Herren,
vielen Dank für Ihren offenen Brief! Vielleicht gelingt es so, mehr Aufmerksamkeit für die vielfältigen Möglichkeiten der Leseförderung zu bekommen.
Die in Ihrem Schreiben geäußerten Bedenken zur Lehrerclub-Aktion der Stiftung Lesen und der Verlagsgruppe Beltz können wir jedoch nicht teilen. Ganz gleich, mit wem wir im Vorfeld darüber gesprochen haben, den Autorinnen der Warrior Cats, dem Lizenzpartner, unseren Buchhandelsvertretern oder unseren Kunden im Handel: Alle waren von der Aktion überzeugt. Eine Aktion in dieser Größenordnung hätten wir ohne die Zustimmung der Autorinnen sowieso nicht durchgeführt. Ebenso sind die angesprochenen Händler der Meinung, dass dadurch Anreize geschaffen werden, weitere Bücher zu kaufen und das Lesen zu entdecken.
Ein Verlag lebt vom Verkaufen, und mit ihm die Autorinnen und Autoren, Illustratorinnen und Illustratoren sowie die Buchhandlungen. Wir leben vom Aufbau starker Autoren, Reihen und Verlagsmarken. Der Erfolg des Einen kommt vor allem neuen, unbekannten Autorinnen und Autoren zu Gute, die am Anfang ihres Schaffens stehen oder deren Bücher sich nicht in Massen verkaufen. Verkaufsförderung ist somit auch immer eine Form der Leseförderung.
Insofern fängt bei Beltz die Leseförderung bereits mit der Programmzusammenstellung von Beltz & Gelberg und Gulliver an. Wir machen Bücher, die gern gelesen werden, die bezahlbar sind und für alle Kinder erreichbar; in welcher Form auch immer. Unsere breite Palette an Kinder- und Jugendliteratur durchzusetzen, dafür engagieren wir uns gemeinsam mit unseren Autoren und Illustratoren. Es ist eine langfristige Arbeit, die Engagement, Zeit und Geld kostet. Sie alle kennen das in der einen oder anderen Weise.
Ein wichtiger Teil dieser Grundlagenarbeit nimmt der Aufbau von Schullektüren und die Begleitung von Lehrern bei ihrer Arbeit ein:
• So geben wir unter anderem jährlich ein umfangreiches Verzeichnis mit Büchern für die Schule heraus, in dem wir den Lehrenden Lektüreempfehlungen abseits der herkömmlichen Pfade machen.
• Wir übernehmen das Honorar von Autoren, um Lesereisen in Schulen zu finanzieren.
• Wir verteilen neue Bücher an Lehrer und Lehrerinnen unseres Premium-Clubs, mit der Bitte um ihre Rückmeldung und Einschätzung.
• Wir stellen den Lehrern explizit erarbeitetes Unterrichtsmaterial zu den Büchern kostenfrei zur Verfügung.
• Zusätzlich haben wir auf unserer Website einen Lektürefinder, der den Lehrenden bei der Suche nach neuer Literatur für Kinder- und Jugendliche für den Unterricht unterstützt.
All das machen wir für viele Bücher unseres Programms, die unserer Meinung nach das Potential zur Schullektüre haben, aber bei den Schulen noch nicht bekannt sind.
Die Idee, den ersten Band der Warrior Cats-Reihe als Schullektüre anzubieten, war unter anderem das Ergebnis einer Befragung von Lehrerinnen und Lehrern. Sie haben sich dazu Unterrichtsmaterial gewünscht, weil die Schülerinnen und Schüler die Bücher lesen und im Unterricht durchnehmen möchten.
Die erarbeiteten Materialien für Fantasy-Literatur im Unterricht bleiben auch nach der Aktion für Lehrer als Inspiration zugänglich. So öffnen wir neue Türen für andere Bücher dieses Genres. Übrigens, die Kosten der Aktion liegen im Rahmen des für die Reihe festgelegten Budgets.
Große Buch-Erfolge werden nicht ausschließlich mit Geld gemacht. Gerade die Warrior Cats zeigen, dass Erfolge am Ende des Tages immer von den Lesern abhängen. Auf diesem Wege gelang es auch dem Buch Löcher von Louis Sacher zur Schullektüre zu werden: Durch den Lesen-Wollen-Druck der Kinder wurde dieses Lieblingsbuch in den Kanon aufgenommen.
Sie schreiben, dass »wirkliche Leseförderung (…) immer auch mit literarischer Vielfalt, Auswahl, Kennenlernen von Neuem und Vergleichen zu tun (hat). Für eine solche Leseförderung gibt es eine hervorragende Grundlage: eine hohe Anzahl sehr guter Kinderbuchautoren und eine Vielzahl von hervorragend für den Schulunterricht geeigneter Literatur.«
Da haben Sie völlig Recht; diese »hervorragende Grundlage« treibt uns täglich neu an. Die Programme Beltz & Gelberg und Gulliver stehen für einen sorgfältigen Umgang mit ihren Autorinnen und Autoren, mit denen wir gemeinsam die Aufbauarbeit für eine nachhaltige Leseförderung leisten. Dafür stehen nicht nur unsere langjährigen Autoren, die von Kindern und Lehrenden gleichermaßen geliebt werden, sondern viele neue, junge Stimmen, mitreißende Debüts und spannende Fantasy-Abenteuer, wie der erste Band der Warrior Cats, der nun verschenkt wurde. Wenn Lektüre den Spaß am Lesen weckt, ist das aus unserer Sicht eine gute Leseförderung.
Mit freundlichen Grüßen
Andreas Horn, Marketing- und Vertriebsleiter
Petra Albers, Verlagsleiterin
Marianne Rübelmann, Geschäftsführerin“
Auch die Stiftung Lesen reagiert. Auch dieser Brief im Wortlaut:
„Sehr geehrter Herr Schlüter, sehr geehrte Damen und Herren,
vielen Dank, dass Sie uns Ihren offenen Brief an die Verlagsgruppe Beltz zur Kenntnis zugesendet haben. Auch wir als Stiftung Lesen als beteiligter Projektpartner möchten kurz darauf reagieren.
Anfang Mai haben die Stiftung Lesen und die Verlagsgruppe Beltz im Rahmen ihrer bestehenden Partnerschaft eine gemeinsame Leseförder-Aktion für die Mitglieder im Lehrerclub der Stiftung Lesen ins Leben gerufen. Ziel war es, Schülerinnen und Schülern mit Lektüre, die ihre Interessen und Vorlieben widerspiegeln, Lesefreude zu vermitteln und zum Lesen zu motivieren. Gerade Fantasy-Geschichten eröffnen auch lesefernen Schülerinnen und Schülern besondere Zugänge zur Literatur. Daher haben wir uns sehr gefreut, dass die Verlagsgruppe Beltz die kostenfreie Bestellmöglichkeit von Klassensätzen von In die Wildnis, des ersten Bandes der Beltz & Gelberg-Buchreihe Warrior Cats, für den Einsatz im Schulunterricht exklusiv für Mitglieder des Lehrerclubs ermöglicht hat. Bei diesem Angebot handelte es sich nicht um eine reine Buchschenk-Aktion: Zusätzlich stellte die Stiftung Lesen eigens entwickeltes kostenloses Impulsmaterial für die Lesemotivation mit Fantasy-Literatur im Unterricht zur Verfügung.
Dass die Bestellmöglichkeit innerhalb nur weniger Tage von rund 1.600 Lehrkräften genutzt wurde, zeigt uns vor allem eins: Es besteht ein hoher Bedarf an zeitgemäßer Lektüre für den Schulunterricht. Die Realität sieht jedoch so aus, dass die Anschaffung von aktuellen Titeln in Klassensatzstärke ein Problem für viele Schulen darstellt: Ohne Angebote wie das aktuelle ist oftmals keine zeitgemäße Leseförderung mit beliebten Titeln im Schulunterricht möglich. Auch weitere Leseförder-Initiativen, die die Stiftung Lesen mit unterschiedlichen Partnern umsetzt, basieren auf dieser Realität und beinhalten die Bereitstellung kostenloser Schullektüre. Ziel solcher Initiativen ist es, Interesse an Büchern zu wecken und Lust auf ,mehr‘ zu machen – und somit auch zum Gang in die Buchhandlung oder Bibliothek zu ermutigen.
Am Ende verfolgen wir – Verlage, Autoren, Buchhandel, Bibliotheken und Stiftung Lesen – das gleiche Ziel: Wir wollen jungen Menschen Freude am Lesen und an Büchern sowie den Wert von guten Geschichten vermitteln und sie nachhaltig als Leser gewinnen. Gerne vertiefen wir den Austausch mit Ihnen und allen deutschen Kinderbuchautoren, um dieses Ziel gemeinsam zu erreichen.
Mit den besten Grüßen,
Dr. Jörg F. Maas
Hauptgeschäftsführer Stiftung Lesen“







