Der britische Wirtschaftshistoriker Adam Tooze, Professor für moderne deutsche Geschichte an der Universität Yale, stellte sein soeben bei Siedler erschienenes Buch im Münchner Literaturhaus vor. Johan Schloemann (Süddeutsche Zeitung) moderierte das Gespräch mit Martin H. Geyer, Professor am Historischen Seminar der Universität München.
Programmleiter Jens Dehning begrüßte seinen Autor, der nach Die Ökonomie der Zerstörung (2008) sein zweites Buch bei Siedler herausbringt.
Tooze ist ein kenntnisreicher und glänzender Erklärer, er spricht ein präzises und blitzschnelles Deutsch. Formulierungen wie das »fürchterliche Krachen im Getriebe der Geschichte« sind ein erkenntnisfördernder Genuss, im Analysieren von Formeln wie »Frieden ohne Sieger« (Woodrow Wilson) oder »Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen« (Ernst Bloch) ist er brillant.
Es ist mehr als ein taktisch gut geplanter Erscheinungstermin, dass dieses Buch gerade jetzt, gewissermaßen zwischen den Jahrestagen zum Ausbruch des 1. Weltkriegs 1914 und zum Ende des 2. Weltkriegs 1945 erschienen ist. Adam Tooze führt uns in seinem spannend geschriebenen Buch hinter die geschlossenen Türen der Politikmacher, und er stellt klar, dass die oft als neues Spezifikum unserer Zeit angesehene Globalisierung schon am Anfang des letzten Jahrhundert die Ebene war, auf der die große Politik ablief. Er setzt die Weltsichten so unterschiedlicher Akteure wie Churchill, Hitler und Trotzki nebeneinander. Er schildert das Dilemma der neuen Weltmacht USA, die dann doch keine Verantwortung für die von ihr geschaffene Friedensordnung übernehmen wollte. Er beschreibt die Neuordnung der gesamten osteuropäischen Staatenwelt zwischen Deutschland und der blutjungen Sowjetunion – die heutige Ukraine-Krise ist nur eine der Spätfolgen davon. Das scheinbar unspektakuläre Jahr 1931 ist ein Schicksalsjahr: Japan beginnt seinen Aggressionskrieg gegen China, in dessen Folge bis 1949 noch mehr Menschen umkommen als in Europa. England löst seine Währung vom Goldstandard – da die Staatsschulden als Folge der Finanzierung der Kriege nicht zurückgezahlt werden können, auch nicht durch Reparationen der Verlierer wie Deutschland. Man kann nicht einfach „aus der Geschichte lernen“ – aber auch in unserer Gegenwart steht der gefährliche Cocktail aus internationaler Schuldenverflechtung, Spiel mit Deflation und Inflation sowie dem Ringen um die Wahrung des Friedens vor uns. Der Autor, das Thema, das Buch ist so brillant, dass die 700 Seiten keine Hürde darstellen.
Ulrich Störiko-Blume