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Petra Hermanns über Selfpublishing und seine Auswirkungen auf Autoren und Verlage

Als Literaturagentin beschäftigt Petra Hermanns, Geschäftsführerin der Literatur- und Filmagentur „scriptsforsalehttp://www.scriptsforsale.de/Die-Agentur.6.0.html, das Phänomen Selfpublishing bereits seit Jahren.

BuchMarkt sprach mit ihr und stellte die Frage: Warum besteht zwischen Verlagen und Autoren oftmals eine schwierige Beziehung? Und was tragen Selfpublisher zu diesem Konflikt bei?

Petra Hermanns

Frau Hermanns, warum ist die Beziehung zwischen Verlagen und Autoren eine oftmals schwierige Beziehung, und das seit Jahren?

Die Kommunikation zwischen beiden Parteien erlebe ich seit einigen Jahren häufig als mangelhaft. Obwohl beide Parteien das gleiche Ziel haben, dem Buch so viel Erfolg wie möglich zu bereiten, beobachtet man zunehmend gravierende Konflikte zwischen Autoren und Verlagen. Die Konflikte beginnen dabei in unterschiedlichsten Prozessen des Buches. Manchmal gibt es während des Lektorats unterschiedliche Auffassungen zu einzelnen Textpassagen, manchmal kommt der erste Konflikt, wenn es um das Cover und den Titel geht.

Woran liegt das im Konkreten?

Autoren fehlt es oft an Verständnis, dass Verlage mehr als nur ihr eigenes Buch herausgeben und dass nicht jedes Buch für einen Spitzentitel geeignet ist. Verlage hingegen vergessen in der Regel, dass sie mit ihren Autoren verstärkt über ihre eigenen Leistungen und vor allem Grenzen sprechen müssen. Hierfür fehlt es den Verlagen an Zeit und den Autoren an Wissen. Dieses Leck an Kommunikation bleibt vermehrt den Literaturagenturen überlassen oder in der Luft hängen, was alles andere als ideal ist. Grundsätzlich gilt: Je enger die Beziehung zwischen allen Beteiligten, desto besser die Kommunikation.

Was hat das Phänomen „Selfpublishing“ zu diesem Konflikt beigetragen?

Selfpublishing ist ein wachsender Trend und hat das Verhältnis eindeutig verschärft. Die Autoren haben durch Selfpublishing einen enormen Schub an Selbstbewusstsein erhalten und treten deutlich autonomer auf. Die Verlage sind in dieser Situation nie zuvor gewesen und müssen erkennen: Ohne den Inhalt der Autoren haben die Verlage nichts, womit sie arbeiten können.

Was hat diese Entwicklung zur Folge?

Die positive Folge dessen ist, dass Verlage in vielen Bereichen serviceorientierter und schneller kommunizieren müssen als zuvor. Ich habe es noch vor zwei Jahren oft erlebt, dass Autoren auf die Frage „Wie oft wurde mein Buch vorbestellt?“ „Wie hoch ist die erste Auflage?“ kaum oder nur sehr vage Auskünfte ihrer Lektoren bekommen haben bzw. die Einschätzung darüber kaum mit den Autoren besprochen wurde. Hier haben die Selfpublisher etwas Wichtiges ins Rollen gebracht und Veränderungen bewirkt. Verlagsgruppen wie Random House oder Bonnier Deutschland haben beispielsweise mit großem Aufwand „Autorenportale“ programmiert, so dass jeder Autor sich über seine Verkäufe, ausgelieferte Stückzahlen, Lizenzabschlüsse etc. transparent und jederzeit informieren kann.

Warum träumen dennoch viele Selfpublisher von der Entdeckung beim großen Verlag?

Verlage sind Träger kultureller Vielfalt und alle Titel tragen zur Identität eines Verlags bei – kleine und große Erfolge. Daher bin ich auch eine Verfechterin der Preisbindung. Bei der Veröffentlichung im großen Verlag geht es Autoren stark um Prestige und Ansehen, was der Selfpublisher und allgemein die Gesellschaft mit den klassischen Verlagen verbindet. Diesen Status haben die Verlage trotz des Selfpublishing und ihrer Krise nicht verloren. Aber der Stuhl ist wackeliger geworden, da es nicht mehr für jeden Autor der gewünschte Weg ist. Dennoch denken viele Autoren weiterhin, dass klassische Verlage mit ihren Werkzeugen, Budgets und Möglichkeiten ihr Buch groß rausbringen können.

Ist das denn der Fall?

Das dies oftmals nicht der Fall und die Enttäuschung der Autoren dann erheblich ist, ist zunehmend die Regel. Verlage können aufgrund der vielen Titel in ihren Programmen nicht immer individuelle Strategien und Tools für das einzelne Buch anwenden. Daher bekommen meist nur wenige ausgewählte Titel den Großteil des Marketingbudgets zugesprochen. Demzufolge bleibt die Öffentlichkeitsarbeit für das Buch auch bei großen Verlagen mehr und mehr in der Verantwortung des Autors. Verlage erwarten heute ganz explizit, dass die Autoren selbst die Werbetrommel für ihr Buch rühren, insbesondere im Social-Media-Bereich. Dieses Wissen herrscht vor allem in den Selfpublisher-Kreisen noch nicht ausreichend, somit wird die Erwartungshaltung an Verlage weiterhin gefüttert.

Was können Sie als Literaturagentin tun, um die Lage zu bessern?

Literaturagenturen sind auch hier klassische Vermittler. Wir sprechen mit den Autoren darüber, was Verlage können und was sie nicht können, welche Erwartungen berechtigt sind und welche nicht und klemmen uns natürlich auch hier dahinter. Als Agentur können wir auch offener mit Autoren sprechen als es sich die Verlage manchmal wagen. Hier erlebe ich die Verlage auch zuweilen als konfliktscheu. Da wünsche ich mir für die Zukunft ein offeneres Wort an die Autoren, dann sind die Erwartungen an die Verlage auch realistisch.

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