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Peter Hinke: Keine Datensuche auf buchhandel.de, sondern ein einziger Schildbürgerstreich

Wer auf der Beta-Version der Plattform www.buchhandel.de einen Titel recherchieren will, weiß nicht, ob er sich die Haare raufen soll vor lauter Verzweiflung oder sich besser gleich totlachen. Absurde Trefferquoten – BuchMarkt hat spaßeshalber den Namen „Christian von Zittwitz“ eingegeben und war sehr überrascht von über 100.000 Einträgen. (Und seine Artikel sind da nicht einmal mitgezählt…) – sind die Regel.

Aber ernsthaft. Zum Lachen ist das nämlich alles leider nicht. Verlage zahlen für das VLB, das die Daten für buchhandel.de liefert. Seit vielen Wochen scheinen aber die VLB-Daten nicht mehr unter buchhandel.de zu finden zu sein. Mit Abschaffung der Profisuche durch die neue Beta-Version vor der Frankfurter Buchmesse lassen sich weder Autoren noch Verlage richtig ermitteln. Bislang waren Versuche, z.B. die des Verlegers Christoph Links, beim Börsenverein Veränderungen bei buchhandel.de herbeizuführen, erfolglos. – Wir haben Peter Hinke, Connewitzer Verlagsbuchhandlung in Leipzig, dazu befragt: Er kennt diese Misere aus der Sicht als Verleger und Buchhändler.

BuchMarkt: Ist mit dem Schildbürgerstreich von buchhandel.de nun auch das VLB obsolet geworden?

Peter Hinke

Peter Hinke: Das natürlich nicht. Aber wahr ist eben auch, daß das alte VLB in Form von buchhandel.de in den letzten Jahren zunehmend kritisiert wurde. Man muß sich zunächst vor Augen führen, daß dieses Verzeichnis lieferbarer Bücher ja auch unser zentrales Fenster zur Welt ist oder sein soll, wenn ich jetzt einmal davon ausgehe, daß wir uns als Verlage und Buchhandlungen als Gemeinschaft unter dem Dach des Börsenvereins begreifen wollen.

BuchMarkt: Was stört Sie jetzt am meisten?

Peter Hinke: Wir als Verlage füttern das VLB mit unseren Daten und bezahlen an die Börsenvereinstochter MVB für die Dienstleistung, daß unsere Titel ordentlich verzeichnet werden. Es geht darum, daß hier ein einzigartiges Abbild unserer vielfältigen Verlagslandschaft gezeigt werden sollte, unabhängig von allen andere Plattformen. Im Idealfall wäre buchhandel.de – eben weil es auf den direkten Daten der Verlage beruht – gar eine Alternative zu Amazon, auch wenn dessen technischer und logistischer Vorsprung kaum einholbar ist.

In jedem Fall wurden hier schon seit langer Zeit sehenden Auges Chancen vergeben, die die Branche in ihrem Bemühen nach Unabhängigkeit zurückgeworfen hat. Als Mitglied des Börsenvereins verstehe ich auch nicht, warum dieser mit seinem Apparat – wohlwissend um diese Probleme – diese Mängel solange unbeachtet läßt.

BuchMarkt: Was war denn der „Fehler“ am alten VLB, und welche Hoffnungen hatten Sie mit buchhandel.de?

Peter Hinke: Das alte VLB krankte an verschiedenen Dingen. Ich nenne jetzt einmal spontan die umständliche Handhabung, die Problematik, daß angezeigte Bücher nicht mehr oder noch nicht lieferbar waren, da die Verlage sie nicht löschten und Kunden dann ihren Ärger darüber bei den Partnerbuchhandlungen abließen, die natürlich nur bestellen können, was es gibt. Unsere Buchhandlung war über viele Jahre Partner des buchhandel.de, aber die genannten Probleme führten oft zu viel Frust, enttäuschten Kunden und wenigen tatsächlichen Verkäufen.

Nun war die Hoffnung groß, daß das neue buchhandel.de funktionieren würde und das neue Shopsystem den immer strenger werdenden Ansprüchen von Kunden und Gesetzgeber gerecht wird. Für solch ein gutes System würden wir auch gern Geld ausgeben, denn es würde seine Kosten rechtfertigen.

BuchMarkt: Aber dann kam alles ganz anders, weil nur die „Bezahlversion“ von buchhandel.de funktioniert?

Peter Hinke: Als wir dann bemerkten, daß bei den Recherchen fast nichts ordentlich geht, die bunte Seite ein einziges großes Chaos ist und wir auf Anfrage bei der MVB die Mitteilung bekamen, daß wir und unsere Kunden eine Kaufversion installieren sollten, meinte ich, mich an die Schildbürger erinnern zu müssen.

Denn selbst wenn der Buchhändler die schickste Kaufversion de luxe installiert hat, nützt es ihm nichts, wenn Otto Normalverbraucher zu Hause am Rechner sich gleichzeitig durch das Netz klickt und buchhandel.de fluchtartig gen Amazon verläßt, weil Buchhandel.de einfach nicht funktioniert.

Es geht also nicht nur um uns und unseren eigenen Abläufe, sondern um die Tatsache, daß wir (wenn ich mal als Börsenvereinsmitglied und auch Zuarbeiter von buchhandel.de ein „wir“ verwenden darf) uns somit selbst aus dem Internet entfernen. Und die interessierten Leser/Nutzer müssen momentan alle zu Amazon wechseln, um nach unseren Büchern zielgenau suchen zu können.

BuchMarkt: Was wir den Kunden ja grad abgewöhnen wollten, aber nun treiben wir sie dem Konkurrenten in vollem Bewußtsein in die Arme, und das kurz vor dem Weihnachtsgeschäft…

Peter Hinke: So ist es. Mit jedem Tag mehr gewöhnen sich die Nutzer an diesen Anbieter an Seattle. Dabei, ich wiederhole mich, bezahlen wir teuer unsere Daten an die MVB, die diese dann fürs Publikum bis zur Unbrauchbarkeit abspeckt und offenbar nur den VLB-Abonnenten richtigen Zugang gewährt. Damit verlieren wir aber das Publikum, unsere Leser.

BuchMarkt: Soll nicht nächste Woche alles besser werden?

Peter Hinke: Es wurde uns immer wieder Besserung zugesagt hat, doch bisher lassen die Ergebnisse auf sich warten. Nächste Woche soll es jetzt eine neue Version geben, aber ob diese die bisher üblichen Suchfunktionen enthält, ist ungewiss.

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