Rund 60 Teilnehmer und Referenten trafen sich an diesem Wochenende in Fulda zum 25. Praxisseminar der Arbeitsgemeinschaft von Jugendbuchverlagen (avj). Neben Vorträgen und Arbeitsgruppen rund um das Thema „Was du schwarz auf weiß besitzt – Mit Kinderbüchern zum Genussleser werden“ stand vor allem der Erfahrungsaustausch unter Kolleginnen in Buchhandel und Verlagen im Mittelpunkt (s. a. unsere Bildergalerie weiter unten).

Unter der Leitung der avj-Vorsitzenden Renate Reichstein und avj-Geschäftsführerin Margit Müller wurde diskutiert und genetzwerkt. Im Eröffnungsreferat am Freitag Nachmittag gab Margit Müller einen komprimierten Überblick über die Ergebnisse der „Kinder- und Jugendbuchstudie 2013“ der avj und des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels (für Mitglieder des Börsenvereins kostenlos downloadbar unter www.boersenverein.de/de/portal/index.html mit Anmeldung unter „mein Börsenverein“).
Stefan Salamonsberger www.abenteuerbuch.de widmete sich dem Thema „Lesesozialisation oder Wie entsteht der Lustleser?“ und stellte u.a. Projekte wie „Wir spielen Verlag“ oder das „Abenteuer Buch-Jahr“ mit zwölf Praxisbausteinen vor sowie „Book meets Media“ – unter diesem Arbeitstitel sind mit einer 8. Klasse vier Trailer zu Büchern entstanden, die sich die Jugendlichen selbst ausgesucht hatten. Interessant auch ein Hinweis auf das European Literacy Network (ELiNet) www.eli-net.eu, in dem sich 26 Staaten über best practice-Modelle in der Leseförderung austauschen.
Im Plenum stellten sich die Teilnehmer anschließend ihre Lieblings-Kinderbücher vor – teils aus ihrer eigenen Kindheit, teils Titel neueren Datums. Astrid Lindgren war hier der Name, der am häufigsten genannt wurde. Alle Tipps können Sie in unserer Bildergalerie nachlesen.

Eine Überraschung hatte sich eine Gruppe von langjährigen Teilnehmerinnen des avj-Praxisseminars für den ersten Abend ausgedacht: Ein Ständchen in drei Liedern aus Anlass des 25. Jubiläums des Seminars sowie zu Ehren von Renate Reichstein, die es zum zehnten Mal leitete und unlängst ihren 60. Geburtstag feierte [mehr…]. Als Präsent übergaben ihr die Buchhändlerinnen „einen echten Reichstein“ im Logo des avj-Apfelbäumchens.
Am Samstag eröffnete Stefanie Denecke das Seminarprogramm, indem sie das Projekt „Antolin als Motivationshilfe“ vorstellte. Dabei wurden einige Fragen diskutiert, z.B., ob man vergriffene Titel nicht aus der Datenbank nehmen oder kennzeichnen sollte. Grundsätzliche Info bzw. Erinnerung für alle Buchhändlerinnen, die mit der Kundenfrage konfrontiert sind, ob ein bestimmtes Kinderbuch bei Antolin gelistet sei: „Sie brauchen keine Lizenz, um zu erfahren, ob es bei Antolin ein Quiz zu einem bestimmten Buch gibt – einfach den Titel auf www.antolin.de in der Suchfunktion oder erweiterten Suchfunktion eingeben.“
Prof. Dr. Gudrun Schulz von der Universität Vechta sprach zum Thema „Mit Geschichten zum Leser werden“, ging dabei auf unterschiedliche Erzählperspektiven ein und erinnerte daran, dass Geschichten die Urformen der Kommunikation sind. Außerdem verwies sie auf das Lesefestival in Vechta, das mit Studenten vorbereitet wird, ebenso wie das Projekt „Lesebazillus“, das man aus der Schweiz übernommen hat: Kinder werden werden während des Unterrichts von Leseförderern überrascht, die einen Bücherrucksack tragen. Dazu ein Hinweis auf die monatliche Empfehlungsliste der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur, www.akademie-kjl.de.
Martina Kuscheck, Agentur Rumler, präsentierte Informationen rund um das Thema Leseclubs. Einige Teilnehmerinnen haben bereits welche gegründet, viele andere spielen mit dem Gedanken. Martina Kuscheck stellte das Thema aus unterschiedlichen Perspektiven dar – Leseclubs eines Verlags, einer mittelständischen Buchhandlung und einer Stadtbibliothek. Ausgehend von ihren eigenen Erfahrungen – sie war mit 13 Jahren Mitglied des Leseclubs der Internationalen Jugendbibliothek in München geworden, und die Runde trifft sich bis heute zum Austausch von Leseerfahrungen.
Grundsätzliche Empfehlungen von Martina Kuscheck für die Arbeit mit Leseclubs: Basis ist ein geeigneter Raum, in dem eine ungestörte Diskussion stattfinden kann, dann gilt es über Flyer und sonstige Werbung, leseinteressierte Kinder und Jugendliche zu finden. Eine gute Altersgruppe dafür sind Zehn- bis Zwölfjährige. Ein regelmäßiger Rhythmus für Treffen, beispielsweise ein 14-tägiger, ist ebenso wichtig wie feste Zeiten für die Treffen sowie ein Moderator, der nur eingreift, wenn es wirklich erforderlich ist.
Tipp für alle, die noch überlegen: Die Stiftung Lesen www.stiftunglesen.de richtet im Rahmen des Förderprogramms „Kultur macht stark“ derzeit etwa 200 neue Leseclubs für Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren ein, Bewerbungen sind noch möglich bis zum 30. Juni www.leseclubs.de. Wer bereits einen Leseclub hat, für den könnte Einstieg beim Projekt „Literanauten“ www.literanauten.org des Arbeitskreises für Jugendliteratur www.jugendliteratur.org interessant sein: Lesebegeisterte Jugendliche, die in einer Literaturgruppe oder einem Leseclub aktiv sind, entwickeln als „Literanauten“ eigene Buchprojekte und Literaturevents „für bildungsbenachteiligte Jugendliche in ihrer Region“. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung unterstützt dies mit Geldern für Künstlerhonorare, Material etc.
Weitere Tipps wurden anschließend im Plenum ausgetauscht, weiter ins Detail gingen am Samstag Nachmittag drei Arbeitsgruppen zu unterschiedlichen Fragestellungen (eine davon: Wie stelle ich mein Sortiment und meine Ladengestaltung für jugendliche Selbstkäufer auf?).

Zum Jubiläumsprogramm am Abend war Joachim Hecker, Wissenschaftler, Journalist und Buchautor, angereist www.joachim-hecker.de. Mit Experimenten aus „Heckers Hexenküche“ fügte er dem Praxisseminar eine weitere Facette hinzu, denn einige davon lassen sich ohne großen Aufwand und mit geringen Kosten auch in der Buchhandlung umsetzen, z.B. der kleine Motor aus Batterie, Schraube, Magnet und Silberpapier. Eine schöne Art, um auf Sachbücher aufmerksam zu machen.
Viele der Teilnehmerinnen setzten ihre Gespräche im Anschluss noch in der Bar fort, beim Fachsimpeln über den ESC, beim Tischtennisspiel oder einfach so bei einem guten Getränk.
Dass am Sonntag Morgen alle pünktlich um 9 Uhr wieder im Seminarraum saßen, um die Ergebnisse der Arbeitsgruppen miteinander auszutauschen, zeugt von Motivation, Disziplin und vor allem von der guten Stimmung, die über den drei Tagen in Fulda lag. Krönender und belohnender Abschluss war ein Referat von Maren Bonacker von der Phantastischen Bibliothek phantastik.eu in Wetzlar über „Gute Bücher, lustige Bücher, Leselustbücher“. Das sind zuweilen auch unterschätzte Bücher, denn: „Nichts fördert das Lesen so gut wie ein lachender Leser – Lachen ist ansteckend und macht neugierig“, so Maren Bonacker, die auch einen Blick auf die Auswahl des Leipziger Lesekompass empfahl www.leipziger-lesekompass.de.
Und so fuhr man müde, aber gut gelaunt mit jeder Menge Tipps wieder nach Hause. Im Gepäck auch die Erinnerung von Renate Reichstein: „Bitte dokumentieren Sie alle Ihre Projekte, die nun entstehen werden, und reichen Sie sie zum avj-Kinderbuchhandlungspreis ein.“ Das nächste avj-Praxisseminar findet vom 8. bis zum 10. Mai 2015 wieder in Fulda statt www.avj-online.de.
Susanna Wengeler







