Im Verlag Karl Stutz ist ein ungewöhnlicher Titel zur Geschichte der Buchbranche erschienen: Gleiwitz 1941 – Passau 1980. Die Buchhandlung Neuefeind. Verfasst hat es
Dr. Maria Halbritter, die bis zu ihrer Pensionierung 2009 das Edith-Stein-Gymnasium in Bretten (Baden/Würrtemberg) leitete. Sie ist eine Tochter des Buchhändlers Josef Neuefeind. Über dieses Buch spricht Sie mit uns im Sonntagsgespräch.
BUCHMARKT. Sie hätten Ihrem Vater Josef Neuefeind ja auch mit einem persönlichen Memoir ein Denkmal setzen können, liebe Frau Halbritter. Allein das wäre schon sehr interessant gewesen; denn Josef Neuefeind (1907- 2003) war ein „Herr der Bücher“, wie man
ihn in Passau respektvoll nannte – ein Buchhändler, der das geistige Leben dieser Stadt in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts maßgeblich mitgestaltet hat. Stattdessen haben Sie jahrelang intensiv geforscht und ein Buch geschrieben, das es meines Wissens so bislang noch nicht gegeben hat – ein gründliches, umfangreiches Sachbuch über den Werdegang und das Wirken eines deutschen Buchhändlers. Warum haben Sie solch große Mühen auf sich genommen?

MARIA HALBRITTER: Es gab drei Motive, dieses Buch zu schreiben: Zum einen das persönliche Motiv, die Lebensleistung meiner Eltern und die Persönlichkeit meines Vaters zu würdigen. Als Historikerin erschien es mir aber notwendig, den Lebenslauf eines politisch bewussten Menschen, wie mein Vater es war, in einen Zusammenhang mit der politischen Zeitgeschichte zu stellen. So verknüpft sich das erste mit dem zweiten Motiv, eine Biographie zu schreiben, in der anschaulich wird, wie die dazugehörige Zeit- und Regionalgeschichte die einzelnen Lebensabschnitte entscheidend geprägt hat. Schließlich – und das war mein drittes Motiv – wollte ich am Beispiel der Geschichte einer inhabergeführten Buchhandlung zeigen, welch wichtige Rolle ihr einerseits im kulturellen Leben einer Stadt zukommt und welche allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklungen andererseits diese Form des Einzelhandels seit ca. drei Jahrzehnten in seiner Existenz bedrängen.
Damit haben Sie haben einen besonderen politischen und persönlichen Aspekt der Geschichte Ihres Vaters hervorgehoben. Was aber ist an ihm so typisch, so repräsentativ, dass Sie ihn dann sozusagen als Mittelpunkt der Geschichte des deutschen Buchhandels nach 1945 dargestellt haben?
Die Erfahrung meines Vaters, aufgrund offen, d.h. im Rahmen seiner buchhändlerischen Tätigkeit, geäußerter Kritik am nationalsozialistischen System wegen „Wehrkraftzersetzung“ angeklagt und verurteilt zu werden und ein Jahr in Haft zu verbringen, war sicher so einschneidend, dass sie sein weiteres Leben und seine Arbeit als Buchhändler bewusst und unbewusst beeinflusst hat. Es gab zwar – wie ich bei meinen Recherchen festgestellt habe – einige Buchhändler, die in der Zeit des Nationalsozialismus ein offenes Wort gewagt haben, typisch für das Verhalten der Mehrheit der Bevölkerung war dies jedoch nicht, gleichwohl ist es umso wichtiger an Einzelfälle eines Widerstandes, auch wenn sie im Vergleich zu den bekannten Fällen als weniger bedeutsam erscheinen mögen, zu erinnern.
Repräsentativ für die Generation meiner Eltern ist allerdings die Erfahrung von Flucht und Verlust der beruflichen Existenz, wie sie in der Regel für alle Flüchtlinge und Vertriebenen zutraf. Die Flüchtlingsthematik wird deshalb gerade auch im regionalgeschichtlichen Zusammenhang genauer behandelt, um zu zeigen, vor welche Schwierigkeiten der berufliche Neuanfang je nach Alter des Betroffenen und je nach spezifischen Umständen des eigenen Berufszweiges gestellt war. Unter diesem Aspekt erscheint mir der Aufbau einer neuen Existenz als Buchhändler in einer wirtschaftlich schwierigen Grenzregion und mental fremden Umgebung als typisch für die Lebenssituation vieler Flüchtlinge nach 1945.
Josef Neuefeind hat als Flüchtling im (klitze)kleinen niederbayerischen Bad Höhenstadt mit einer Versandbuchhandlung angefangen, die in der Inventur vom Januar 1947 bloß 422 Titel führte. Als er nach 32 Jahren der Selbständigkeit 1981 aufhörte, hatte seine Buchhandlung einen jährlichen Umsatz von gut 900.000 DM mit einem regulären Gewinn von fast vier Prozent. Eine beachtliche Leistung in einer Stadt mit etwa 50.000 Einwohnern und zeitweise fünf anderen Vollbuchhandlungen plus fünf Buchverkaufsstellen. Er hätte sein Geschäft aber doch wohl gern noch größer aufgebaut. Was hat ihn darin eigentlich vor allem behindert?
Dafür gibt es mehrere Gründe. Zum einen waren die wirtschaftlichen Voraussetzungen für eine expandierende Entwicklung einer Buchhandlung in der Grenzregion des Passauer Landes bis Anfang der 70er Jahre nicht besonders günstig. Die abnehmende Einwohnerzahl der Stadt Passau bis 1970 spiegelt ihre wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Erst als 1972 sicher war, dass Passau eine Universität bekommen wird,womit ein lang gehegter Wunsch meines Vaters in Erfüllung ging, gab es eine berechtigte Aussicht auf eine prosperierende Entwicklung. Als die Universität 1979 ihren Betrieb schließlich aufnahm, war mein Vater aber bereits 72 Jahre alt und aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr in der Lage, weitere Jahre in einem Geschäftsalltag sich zu behaupten, der spätestens seit Mitte der 70er Jahre durch einen verschärften Wettbewerb zwischen Filialisten und inhabergeführten Einzelhändlern immer härter geworden war.
Josef Neuefeind hat sich als katholischen Buchhändler verstanden und
unter den Schwierigkeiten des modernen konfessionellen Buchhandels gelitten. Wo lagen
die Probleme – eine Frage, die sich gerade angesichts der insolventen Verlagsgruppe Weltbild wieder stellt. Trägt die katholische Kirche mit daran Schuld?
Ja, das theologische Sortiment seiner Buchhandlung war so etwas wie ein Herzensanliegen für ihn. Seine persönliche Auseinandersetzung mit den Themen der Theologie und der Entwicklung der beiden christlichen Kirchen und seine darauf beruhende Belesenheit waren sicher für einen Teil der Kunden faszinierend und führten ja auch zu zahlreichen lebhaften Gesprächen mit ihnen, gerade in der Zeit des Zweiten Vatikanischen Konzils. Der christliche Buchhandel war aber in der Folgezeit mit der zunehmenden Säkularisierung der bundesrepublikanischen Gesellschaft konfrontiert und einer damit einhergehenden Distanzierung von christlichen Themen und der Institution Kirche. Durch einen Stillstand in den Reformansätzen hat die katholische Kirche deutlich zu dieser Entwicklung mit beigetragen. Dazu kommt ein altes Streitthema zwischen dem christlich orientierten Buchhandel und der Institution Kirche als Unternehmer von zahlreichen Verkaufsstellen, ein Wettbewerb, bei dem der inhabergeführte Buchhandel durch die in kirchlichen Einrichtungen häufig praktizierte Umgehung der Preisbindung den Kürzeren zieht. Meines Erachtens muss sich die katholische Kirche schon die Frage stellen, ob es zu ihrem eigentlichen Auftrag passt, als kaufmännische Konkurrenz aufzutreten und sich in ihrem Geschäftsgebaren an die Wachstumsideologie neoliberaler Wirtschaftsstrukturen anzulehnen.
War es zu Lebzeiten Ihres Vaters leichter als heute, eine Buchhandlung zu führen?
Da ich ja nicht aus eigener Erfahrung sondern nur aus Beobachtung und Beschäftigung mit der Entwicklung des Buchhandels sprechen kann, möchte ich diese Frage nur unter Vorbehalt beantworten. Ich denke, einerseits war es in den Jahren 1950 bis 1980 für eine Buchhandlung mittlerer Größe in einer Kleinstadt möglich, sich bei einem einigermaßen guten Geschäftsstandort durch qualifizierte Beratung und verlässlichen Service einen festen Kundenstamm aufzubauen. Das Buch war in seiner Stellung als Bildungs- und Informationsmedium noch weitgehend ohne Konkurrenz, der Prozess der Filialisierung mit dem in seiner Folge entstandenen Renditedruck beim Umsatz pro Quadratmeter und pro Person befand sich erst in den Anfängen. Die nach 1980 einsetzenden technischen Entwicklungen in der Kommunikationstechnik haben wiederum Organisations- und Verwaltungsabläufe enorm erleichtert und damit einen Vorteil gegenüber früher geschaffen, andererseits sind dadurch aber auch neue Konkurrenten in Vertrieb und Handel entstanden. Eine inhabergeführte Buchhandlung muss deshalb heute unter anderen Rahmenbedingungen arbeiten, der Service ist leichter zu organisieren, ein auf das jeweilige Kundenspektrum zugeschnittenes Sortiment und eine qualifizierte Beratung bleiben aber das A und O, um Kunden zu halten und neue zu gewinnen.
Wäre eine Buchhandlung von der Art Ihres Vaters nach Ihrer Meinung heute überlebensfähig?
Geht man von dem vorher Gesagten aus, so denke ich, es müsste noch ein weiterer Aspekt für die Überlebensfähigkeit hinzukommen: mehr Öffnung für das kulturelle Leben einer Stadt durch kontinuierliche Kooperation mit anderen Trägern der Kulturszene. Ich habe es in meinem Buch ein „Netzwerk“ genannt, das sich sowohl aus öffentlichen Einrichtungen wie Schulen, Bibliotheken, Museen, Theater als auch Vereinen und privaten Initiativen zusammensetzen könnte und sich die gemeinsame Förderung der Lesekultur in verschiedensten Formen und für alle Altersgruppen zur Aufgabe machen sollte. In der aktiven Mitwirkung in einem solchen Netzwerk sehe ich eine besondere Aufgabe und auch Chance einer inhabergeführten Buchhandlung, weil sie der Geschichte und Kultur einer Stadt in ganz anderer Weise nahe steht und verpflichtet ist (sein sollte) als die Filiale einer globalen Handelskette es sein kann. So könnte die mittelständische Buchhandlung auch durch ihr Sortiment, ihr Personal und ihr Programm zu einem sozialen Treffpunkt werden, zu einem Ort zum Schmökern und/ oder zum Gespräch.
Lässt sich aus der Geschichte der Passauer Buchhandlung Neuefeind für unsere Zeit etwas Wichtiges lernen?
Vielleicht dieses, dass der Kunde in „seiner Buchhandlung“ neben den Titeln der Bestsellerlisten, d.h. in ebenfalls hervorgehobener Präsentation auch Bücher finden soll, die ihn nachdenklich und nicht passiv machen, die seinen kritischen Geist fördern, ihn wach machen für die Themen seiner Zeit und ihn unterstützen in dem Wunsch, sich seine geistige Unabhängigkeit zu bewahren. Dieses Motto, nach dem der Buchhändler Neuefeind seine Buchhandlung geführt hat, hat meines Erachtens seine Gültigkeit auch heute nicht verloren.
Das Gespräch führte Gerhard Beckmann