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„Frankfurt liest ‚Die Vollidioten’“ hat begonnen

Eckhard Henscheid am Bücherschrank

Der diesjährige Lesemarathon [mehr…] begann gestern Vormittag mit einem Spaziergang zu den Handlungsschauplätzen des Romans, angeführt vom Autor Eckhard Henscheid. Das Areal im Frankfurter Nordend war ohne Mühe zu Fuß zu erkunden.

Als Handout verteilte Lesefest-Organisator Lothar Ruske einen Plan, den F. K. Waechter damals für das Buch gezeichnet hatte, er befindet sich in der diesjährigen Ausgabe des Romans vom Verlag Schöffling & Co. auf den inneren Umschlagseiten.

Start war die Open-Air-Ausstellung von Jörg Harraschain, der auf acht Tafeln Fotografien aus den 1970er Jahren Gegenwartsaufnahmen gegenüberstellt.

„Und da war mal der ‚Mentz’“, zeigte Henscheid in die Richtung, in der die Kneipe damals beliebter und ständig überfüllter Anlaufpunkt für die Protagonisten war. Sie schloss 1977. „Da wurde schon seit 1975 Abschied gefeiert“, bemerkte der Autor.

Über den Oberweg, in dem Fräulein Majewski und Fräulein Czernatzke samt eines Kaninchens gewohnt hatten, ging es weiter über die Eckenheimer Landstraße, in der Henscheid selbst eine Wohnung hatte („Aber damals waren noch keine schicken Balkone da.“). Das Eckhaus in der Hebelstraße, dass auch heute noch mit sieben Etagen und nun moderner Glasfassade die anderen Gebäude überragt, war einst Sitz der pardon-Redaktion. Henscheid erinnert sich: „Ich warf einmal Bücher aus der siebenten Etage.“ Dem Verleger Hans Alfons Nikel musste das nicht besonders gut gefallen haben. Henscheid fügt nachdenklich hinzu: „Nikel verstand es aber, viele Einzeltalente aus ganz Deutschland für die Redaktion zusammen zu holen, die insgesamt besser waren als das Ergebnis – die pardon.“

Wo sich in der Koselstraße heute eine Krankengymnastikpraxis befindet, war früher das „Kaffee Härtlein“, ebenfalls gern aufgesucht zum Kaffee trinken und Bienenstich essen. „Wurde denn damals nur in den Tag hinein gelebt und von Kneipe zu Kneipe gezogen?“, fragte ein jüngerer Mitspazierer. „Und konnte man sich dieses Leben leisten?“
Henscheid schüttelte den Kopf: „Nein, das war nicht ganz so. Aber die Arbeit spielt im Buch kaum eine Rolle, das fand ich nicht so spannend. Leisten konnte man sich das schon irgendwie, damals kostete das Bier in Arbeiterkneipen wie dem ‚Mentz’ unter einer Mark. Schnaps wurde selten getrunken – es sei denn, die Wirte gaben einen aus.“

Am Abend folgte die Eröffnungsveranstaltung in der Deutschen Nationalbibliothek in illustrer Runde: Zur Lesung hatten sich Bernd Eilert, Martin Mosebach, Nikolaus Jungwirth, Hans Zippert, Elsemarie Maletzke, Oliver Maria Schmitt und Peter Knorr eingefunden. Mit dem abwechselnden Vortrag einer kompilierte Fassung sorgten sie für viel Heiterkeit. Im Hintergrund wurden dazu passend F K. Waechters Bilder auf eine große Leinwand projiziert.

Ein Schatten fiel allerdings auf diesen Abend: Verleger Klaus Schöffling berichtete von der Autorin Silvia Tennenbaum, die mit ihrem Roman Straßen von gestern [mehr…] im Mittelpunkt von Frankfurt liest ein Buch 2012 stand. Ihr gehe es momentan nicht gut. Schöffling forderte auf, etwas für die Autorin zu zeichnen oder zu schreiben, man wolle ihr dann diese gesammelten Grüße aus Frankfurt in die USA schicken.
Vielleicht ist es auch diese Verbundenheit und dieser Gemeinschaftssinn, weshalb Alexander Cammann über Frankfurt liest ein Buch in DIE ZEIT schrieb: „Deutschlands wunderbarstes und sinnvollstes Lesefest!“ Ein Satz, den Klaus Schöffling nicht müde wird zu wiederholen.

Im Ausstellungsraum Fenster zur Stadt am Haus des Buches wurde soeben das „Mentz“ wieder eröffnet: Die Exposition von Wolfgang Schopf bietet nicht nur einen Tresen mit Devotionalien wie alten, vom Qualm braun gefärbten Zille-Bildern und 40 Jahre alten Bierseideln, sondern auch die Zeitschriften und Literatur jener Zeit. 1972, dem Jahr der Romanhandlung, war das Internationale Jahr des Buches, man kann sich informieren, was da so in den Regalen der Buchhändler stand, davon liegt ebenfalls einiges aus.
An den Wänden hängen großformatige F. K. Waechter-Zeichnungen und alte Fotos.
Selbst Hajo Mentz, der junge Wirt, und seine Schwester Christina sind anwesend – die Runde ist also wieder beinahe vollständig. „Wir haben durch Zufall und Hinweise jede Menge Gerümpel gefunden“, sagt Wolfgang Schopf. Das „vollidiotische Kramzeug“ wird am Samstag, 12. April, ab 17 Uhr versteigert – es werden auch D-Mark angenommen.

JF

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