
Auf einer Pressekonferenz stellte sich Swetlana Alexijewitsch heute auf der Buchmesse den Fragen der Journalisten. Sie wird am Sonntag in der Frankfurter Paulskirche mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet.
Gottfried Honnefelder, Vorsteher des Börsenvereins, würdigte die Autorin: „Wer ihre Bücher gelesen hat, weiß, warum Swetlana Alexijewitsch den Friedenspreis bekommt.“ In ihren Werken habe sie einen ganz eigenen Erzählstil entwickelt.
„Ich schreibe seit 40 Jahren, gehe der Frage nach, warum es so schwierig ist in Russland“, sagte die Autorin. Sie sprach den Streit zwischen Warlam Schalamow und Alexander Solschenizyn an: Soll man sich mit einem menschenverachtenden Regime arrangieren oder soll man es bekämpfen? „Das Schlimmste ist der ‚rote Mensch’, er konnte nur im Lager entstehen“, erklärte Swetlana Alexijewitsch.
Sie erinnerte auch an die Hoffnung, die es nach dem Fall der Berliner Mauer gab. „Wir waren damals vom Neuanfang überzeugt“, setzte sie hinzu. Doch „wer 40 Jahre im Lager lebte, der kann nur noch im Lager leben“.
Es gebe viele Klischees über Russland, der Weg in die Freiheit sei lang und schwierig. Die Erwartungen, über die im Westen diskutiert werde, habe sie selbst nie gehabt. „Ich erinnere mich an ein Gespräch mit Solschenizyn. Er wollte ein ideales Russland, blickte aber aus den Fenstern des Exils in den USA auf das Land“, sagte die Autorin.
Swetlana Alexijewitsch lebte 12 Jahre in Europa, erst vor einem Jahr kehrte sie ins weißrussische Minsk zurück. „Ich liebe unsere Menschen, unsere Geschichte liebe ich nicht“, bekannte sie. Die Lage der Intelligenz schilderte Alexijewitsch als schwierig, sie könne auch nicht beurteilen, ob die Regierung eher eine Diktatur oder eher eine Monarchie sei. „Es ist eine Zivilisation der Tränen“, sagte sie.
Die Autorin sei nach Minsk zurückgekehrt, weil sie nur zuhause Bücher schreiben könne. Allerdings seien die Bedingungen äußerst ungünstig. Sie könne nicht veröffentlichen, nicht auftreten. Die Macht benehme sich so, als ob sie nicht vorhanden sei. „Aber es ist auch schwer, mich hinter Gitter zu bringen. Andere dagegen werden sofort verhaftet“, erklärte Alexijewitsch.
Die Diktatur im ehemals sowjetischen Raum sei ein Monster. So könnten die Menschen zwar reisen und einkaufen, aber sie hätten auch Angst. Und die Mehrheit hätte sich mit Lukaschenko und Putin eingerichtet und Angst vor Veränderungen. „Von der Freiheit ist nur das Wort übrig geblieben“, meinte die Schriftstellerin, deren Lieblingsautor Anton Tschechow ist, bitter lächelnd. Es werde keine Revolution, keinen schnellen Weg aus dieser Lage geben.
Dennoch wolle sie nicht weg aus Minsk. Vom Preisgeld werde sie besonders ihre Tschernobyl-Bücher aufkaufen und sie den Menschen in den Orten geben, in deren Nähe der weißrussische Präsident Lukaschenko Kernkraftwerke plane.
JF







