
Kathrin Passig und Stefan Möller
Über dieses Thema diskutierten im Forum Börsenverein heute Vormittag John Cohen, Buchhandlung cohen + dobernigg, Hamburg; Rudolf Frankl, Prokurist bei dtv; Kathrin Passig, Journalistin und Schriftstellerin, sowie Stefan Möller, Texter und Rezensent. Das Gespräch moderierte Sandra Kegel.
Brauchen wir noch Buchhandlungen? Und wenn ja – wie sollten sie aussehen? Wird künftig nur noch bei den Marktführern im Internet bestellt? Solche Fragen bewegten die Diskutanten.
„Ich kaufe gute Bücher bei Amazon, obwohl ich schöne Buchhandlungen schätze“, sagte Kathrin Passig. Vor 15 Jahren, mit dem Aufkommen des Internets, habe sie aufgehört, Buchhandlungen zu besuchen – obwohl sie selbst drei Jahre in einer Kinderbuchhandlung in Berlin gearbeitet hat.
„Es gibt doch nicht nur Amazon“, wandte John Cohen ein. Er verstand jedoch, dass man, wenn man wie Passig englischsprachige Bücher bevorzugt, im Internet bestellt. Da sei der Einkauf in England oder Amerika leichter.
„Für den Buchhändler ist es schwierig, über das eigene Online-Geschäft zu verkaufen“, fügte er hinzu.
„Wir haben 6000 Buchhandlungen in Deutschland. Das ist nicht wirklich wenig“, stellte Rudolf Frankl fest. Man müsse zudem genau hinschauen, welche Buchhandlungen verschwinden. Die großen Filialisten hätten zunächst auf das Flächenwachstum gesetzt, nun würden sie verbrannte Erde hinterlassen. „Doch das könnte auch fruchtbarer Boden sein“, bemerkte Frankl. Entscheidend sei, ob das Angebotene Käufer finde.
„Ich bin vom stationären Buchhandel enttäuscht“, bekannte Stefan Möller. „Aber ich weiß, dass es Buchhandlungen gibt, die meinen Vorstellungen entsprechen. Doch meist gehe ich in eine Buchhandlung, langweile mich und verlasse sie, ohne ein Buch mitzunehmen.“ Möller kritisierte die „stiefmütterliche Präsentation“, ihn interessierten die „Tische voller neuer historischer Romane“ nicht.
„Aber die Verkaufszahlen sind doch der Beweis dafür, dass solche Bücher gehen“, wandte Sandra Kegel ein.
„Klar muss Geld verdient werden, aber ist es richtig, nur auf diese Kunden zu setzen und solche wie mich zu vergessen?“, fragte Möller. „Bücher und Verlage sind mir wichtiger als die Buchhandlungen“, stellte er fest und fügte hinzu, dass er seine Bücher direkt beim Verlag bestelle.
„Für die meisten Menschen gibt es die Buchhandlung ihrer Träume gar nicht“, bemerkte Passig. Die Buchhandlung, in der sie gearbeitet hat, sei trotz viel Engagements pleite gegangen. Beratung sei zu 90 Prozent Fiktion: „Interessante Beratungsgespräche sind selten, eher braucht der Kunde etwas zum Verschenken“, sagte Passig, die beim Lesen das Handy einer Printausgabe vorzieht. „Außerdem wird immer nur über das Schöne bei Artikeln über neu eröffnete Buchhandlungen berichtet. Geschäftszahlen spielen keine Rolle.“
„Bei uns geht es seit elf Jahren gut“, entgegnete Cohen. Der Buchhandel sei vielfältig. Auch seine Kunden hätten zu 70 Prozent Smartphones. „Mir fehlt hier die positive Seite des Denkens“, appellierte Cohen. „Für mich war eine Option zur Eröffnung einer Buchhandlung, dass ich mich auch darin wiederfinde“, ergänzte er.
„Die Beratung des Buchhändlers beginnt doch bei der Sortimentsauswahl. Er muss seine Kunden kennen“, nahm Frankl das Thema auf. Außerdem sehe nicht jede Buchhandlung gleich aus.
„Online zu lesen macht mir keinen Spaß, ich lese nach wie vor Print“, bemerkte Möller. In großen Städten habe man als Buchhändler Standortvorteile, da würden Konzepte funktionieren, die so auf dem Land keine Chance haben.
„Der Deutsche Taschenbuch Verlag verkauft nicht direkt. Ich denke schon, dass Publikumsverlage eine Verantwortung gegenüber dem Buchhandel haben. Aber ich kann auch kleine Verlage verstehen“, meinte Frankl. Man müsse sich den E-Commerce genau ansehen, auch da rangierten die einschlägigen Bestseller ganz oben. „Ich möchte genau wie Stefan Möller einen Ort haben, wo ich Neues entdecken kann“, bestätigte Frankl.
„Die Filialisten lassen sich ihre Präsentation bezahlen“, bemerkte Möller. Doch nicht nur in einer guten Buchhandlung könne man stöbern, auch im Internet sei das möglich. Solche Verfahren müssten auf das stationäre Geschäft übertragen werden, forderte Möller.
„Ich glaube sehr wohl, dass Buchhändler auch in Kleinstädten überleben können“, mischte sich Cohen in die Debatte. Der Fehler sei der „Einheitsbrei“ und die „Jammerkultur“. „Seid wachsam und macht etwas aus eurem Laden. Es gibt kein entweder – oder“, wandte er sich ans Publikum, in dem einige Buchhändler saßen. Sorgen mache sich Cohen viel mehr über das mögliche Wegbrechen einer guten Infrastruktur mit zuverlässiger Auslieferung und ausgehandelten Konditionen.
„Soll der Buchhandel subventioniert werden?“, fragte Sandra Kegel in die Runde. „Nein, höchstens die Lesungen“, meinte Cohen. Er sehe sich im übrigen nicht als bedauernswertes Wesen, weil er als Buchhändler arbeite.
„Vielleicht sollte man eher kleine und ambitionierte Verlage unterstützen, damit sie im Buchhandel vertreten sind“, sagte Möller.
Fazit: Bei allen Befürchtungen sollten die engagierten Buchhändler nicht den Kopf in den Sand stecken. Man kann das Internet zwar verteufeln, aber man kann es auch nutzen und für sich selbst die richtigen Modelle für den eigenen Standort entwickeln.
JF