Freitags um fünf: Was bewegt jetzt die Branche? Michael Lemsters Frage der Woche an Paul Albert Deimel, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes Druck und Medien.
Paul Albert Deimel, geboren 1961 in Goslar, ist von Beruf Rechtsanwalt (Dr. jur.) und Diplom-Bankbetriebswirt. Seine Triebfeder: Zufriedene Mitgliedsunternehmen. Sein Hobby: Kochen.
Dr. Paul Albert Deimel – Drucken ist klimaneutral geworden – muss ich jetzt kein schlechtes Gewissen mehr haben, wenn ich ein schlechtes Buch kaufe?

Paul Albert Deimel: Ob ein Buch als schlecht oder gut empfunden wird, ist bekanntlich Geschmackssache. Sie könnten sich allenfalls ärgern, Ihr Geld nicht für ein besseres Buch ausgegeben zu haben, das Ihren Erwartungen mehr entspricht. Ein schlechtes Gewissen sollten Sie nur haben, wenn Sie keine Printprodukte wie Zeitungen, Zeitschriften und Bücher mehr lesen. Denn diese bringen Sie weiter. Sie informieren, sind im Gegensatz zu einer App nachhaltiger und versprechen mehr Lesegenuss.
Klimaneutraler Druck – wie funktioniert das genau?
Paul Albert Deimel: Der Klimarechner der Druck- und Medienverbände berechnet für jeden einzelnen Druckauftrag die genaue Menge an ausgestoßenem Kohlendioxid. Er berücksichtigt neben dem Materialeinsatz und der Druckauflage sehr viele Einzelparameter zum Energieeinsatz und -verbrauch, zu Produktionsmitteln und -verfahren sowie Transportwegen und -mitteln.
Druckunternehmen und deren Kunden können den bilanzierten CO2-Wert des Druckauftrages kompensieren, indem sie für die verursachten CO2-Emissionen entsprechende Ausgleichs-Zertifikate aus Klimaschutzprojekten erwerben. Die Klimainitiative investiert nur in Umweltschutz-Projekte, die nach dem Goldstandard gelistet werden. Dieser höchste Qualitätsstandard für Klimaschutzprojekte stellt sicher, dass die Projekte sowohl klima- als auch entwicklungspolitisch sinnvoll sind. Wo solche Projekte realisiert werden können, wird im Kyoto-Protokoll geregelt.
Sie verweisen auf eine stolze „Ausbeute“ von 40.000 Tonnen CO2 – mit Verlaub, das scheint in 5 Jahren nicht so riesig. Was bedeutet das in Prozent des gesamten Ausstoßes der Druckindustrie?
Paul Albert Deimel: Leider können wir lediglich das Gesamtvolumen aller klimaneutral ausgewiesenen Aufträge ermitteln. Manche Betriebe lassen ihre komplette Jahresproduktion klimaneutral produzieren, andere wiederum kompensieren nur einen Teil der Aufträge. Doch wir erkennen an der Entwicklung: Das Bewusstsein für Nachhaltigkeit und damit die Nachfrage nach klimaneutralen Druckprodukten wächst enorm. Die Gesamtsumme des kompensierten CO2 stieg von 2011 bis heute von 12.000 Tonnen CO2 auf über 40.000 Tonnen CO2. Letzteres entspricht einem CO2-Jahresausstoß von 10. 000 durchschnittlichen Mittelklassewagen oder von 364.000 Flügen von München nach Berlin. Das ist für uns ein Erfolg. Aber natürlich geben wir uns damit nicht zufrieden. Unser Appell geht an unsere Unternehmen und deren Kunden, sich an der Klimainitiative zu beteiligen.
Fans der Bildschirmmedien verweisen gern darauf, dass für E-Books keine Bäume sterben müssen. Dabei sollen Rechenzenten ganz schön viel CO2 produzieren. Haben Sie das mal erforscht, und besitzen Sie Vergleichszahlen?
Paul Albert Deimel: Die Datenlage zum CO2-Ausstoß von E-Books, Tablets und Computern ist leider etwas dürftig. Häufig wird nicht der komplette Produktions- und Lebenszyklus der E-Medien in Betracht gezogen. Rohstoffe und Energie werden in großem Umfang bei der Produktion von E-Books, Tablets und Computern verbraucht. Insbesondere fossile Rohstoffe für Gehäuse und Displayfolien, seltene Erden und Metalle für UMTS-Schnittstellen und Akkus sind nicht zu vernachlässigen. Schätzungen der Plattform Ecolibris besagen, dass für die Produktion eines E-Readers im Schnitt etwa 40 bis 50 mal mehr fossile Brennstoffe, Wasser, Minerale und Energie benötigt werden als für die Herstellung eines Buches.
Nach den Zahlen von Ecolibris aus 2012 verbrauchen E-Reader/Tablets bis zu 15 Kilogramm Mineralien, ein Buch nur 0,3 Kilogramm. Die Menge benötigten Wassers beträgt 300 Liter gegenüber 7,6 Liter. Die Produktion eines Tablets verbraucht 100 Kilowattstunden, die eines Buches nur zwei Kilowattstunden. 30 Kilogramm CO2-Emission werden freigesetzt, beim Buch nur 0,3 kg. Die Schadstoffbelastung ist beim Tablet/E-Reader 70 mal höher als bei einem Buch. Energie- und Rohstoffbedarf bei der Herstellung der Ausgangsmaterialien und der Energieaufwand für Netzwerke, Server, Speicherung und Distribution und der Energieverbrauch bei der Nutzung sind hier noch nicht miteinbezogen.
Wie könnte der Buchhandel solche Tatsachen in Werbeargumente dem Verbraucher gegenüber umsetzen?
Paul Albert Deimel: Wir haben die Kampagne „Die Zukunft wird gedruckt“ entwickelt. Diese enthält auch wichtige Argumente zur Nachhaltigkeit von Print. Schauen Sie sich am besten einmal die Website dazu an: www.die-zukunft-wird-gedruckt.de und nutzen Sie unsere Präsentationen zu diesem Thema.
Was bleibt der Branche noch zu tun – was sind die großen ökologischen „Baustellen“ der graphischen Industrie?
Paul Albert Deimel: Die deutsche Druckindustrie hat schon sehr viel erreicht. Über 80 Prozent der Drucksachen werden heute recycelt. Durch neue Verfahrensweisen, Produktionstechniken und Maschinengenerationen wurden seit den neunziger Jahren die Emissionen um über 70 Prozent gesenkt.
Dennoch: Die steigenden Energiekosten belasten unsere Unternehmen sehr. Unser Credo:
Umweltentlastungen führen immer auch zu Kostenentlastungen in der Produktion. Ein Teil der Klimainitiative ist es, dass der Betrieb eine Energieeffizienzanalyse durchführen muss. Hier kommen meist Ergebnisse heraus, die für den Betrieb zu spürbaren Entlastungen führen. Druckunternehmen in ihrer ganzen Bandbreite besitzen Möglichkeiten, den Umweltschutz weiter voranzubringen. Dazu gehören bessere Prozessstandards, um Makulatur zu vermeiden, effizienter und damit auch umweltschonender zu produzieren. Vor allem kleinere und mittlere Unternehmen haben hier noch ungenutzte Potenziale. Die Verbände Druck und Medien sowie deren Dienstleistungsgesellschaften unter der Marke printXmedia stehen den Betrieben dabei zur Seite.

Mit seiner Firma alVoloConsult berät Michael Lemster Verlage, E-Commerce-Unternehmen, Buchhändler und Dienstleister bei Geschäftsentwicklung, Programm, Business- und Datenprozessen. Stammdaten und deren Qualitätssicherung sind sein Spezialgebiet. Daneben publiziert er in Fach- und Publikumsmedien.







