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Marcel Pohl – wie könnten Lehrbücher für Studenten wieder relevant werden?

Freitags um fünf: Was bewegt jetzt die Branche? Michael Lemsters Frage der Woche an den „Turbo-Studenten“ Marcel Pohl.

Marcel Pohl, geboren 1990 in Wickede, absolvierte in der Rekordzeit von vier Semestern sein Betriebswirts-Studium … mit dem Masterabschluss und wurde zusammen mit seinen zwei Kommilitonen und Co Autoren – Robert Gruenwald und Marcel Kopper zum „schnellsten Studenten Deutschlands“. Über seine teilweise ernüchternden Erfahrungen publizierte der GABAL Verlag jetzt ein Buch. Heute ist Pohl Projekt-Manager im Business Development der Commerzbank.

Marcel Pohl, Sie haben Ihr Studium in Rekordzeit geschafft und schreiben diesen Rekord guter Teamwork und Projektsteuerung zu. Muss ich als Bummelstudent mir jetzt minderwertig vorkommen?

Marcel Pohl

Marcel Pohl: Nein, ganz und gar nicht. Wichtig ist, dass wir uns frei für unser Studienmodell entschieden haben und dass man nicht pauschal sagen kann, das eine ist besser als das andere. Ich persönlich sehe klare Vorzüge bei einem Turbostudium, was die Lebenserfahrung und was die Qualität angeht. Das heißt aber nicht, dass das klassische Studium schlechter ist als das Turbostudium.

Sie berichten zwar in Ihrem Buch darüber, aber versorgen Sie doch die Buchbranche einmal gratis mit Ihrem wichtigsten Learning – indirekt könnte das ja auch Ihrem Bucherfolg zugutekommen…

Marcel Pohl: Die Quintessenz ist „Organisation ist alles“. Wenn man etwas nicht richtig vorbereitet, sich nicht Gedanken macht, wie möchte ich das angehen und wie möchte ich es abschließen, wenn man ohne Zeitplan und ohne vernünftige Aufwandsschätzung für die Umsetzung in ein Projekt hineingeht, dann kann es keinen Erfolg haben. Elementar, um auch in schwierigen Situationen den optimalen Erfolg zu bekommen, ist außerdem genügend Flexibilität.

Fühlten Sie sich eigentlich optimal mit Studienliteratur versorgt?

Marcel Pohl: Wir haben uns ja am Anfang erst einmal selbst finden und einen Plan entwickeln müssen, wie wir es schaffen können, in möglichst kurzer Zeit das Studium zu absolvieren. Für uns stellte sich zunächst die Frage, wie wir uns organisieren und wie wir richtig lernen. Dabei haben wir ziemlich bald erfahren müssen, dass es gar nicht so einfach ist, die zum Lernstoff passende Literatur zu finden. Zum Teil mussten wir lange suchen.

Worin lag die Schwierigkeit?

Marcel Pohl: Die größte Herausforderung bestand darin, die für uns besten Lernmethoden zu finden und diese in die Lerngruppe zu integrieren. Viele beginnen ihr Studium so wie wir und wissen nicht, worauf man sich da einlässt. Ein Großteil der Literatur hat zudem keine Praxisnähe für das Studium.

Was meinen Sie damit?

Marcel Pohl: Wichtig ist, dass Themen nicht in aller Breite abgehandelt werden, sondern dass man als Student auch Kurzsequenzen bzw. Zusammenfassungen geboten bekommt. Es ist ja wichtig, dass man schnell das Wesentliche mitnehmen kann. Wenn man sich gezielt tiefer informieren will, kann man im nächsten Schritt tiefer einsteigen. Außerdem haben wir bei der Auseinandersetzung mit den Lernmethoden festgestellt, dass nicht alle über das Lesen Informationen aufnehmen, sondern auch über das Hören oder über emotionale Zugänge. Dafür müsste es mehr und andere Angebote geben, unter denen man wählen kann.

Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Qualitätskriterien für ein gutes Lehrbuch?

Marcel Pohl: Lehrbücher müssen auf den Punkt kommen und zeigen, wie man das Wissen in der Praxis ganz schnell umsetzen kann – ohne lange Abwägung von Vor- und Nachteilen. Vor allem Lehrbücher, die von Wissenschaftlern geschrieben werden, sind häufig sehr wissenschaftlich aufbereitet und weniger zur Vermittlung eines Lehrstoffs geeignet. Im Studium geht es nicht darum, bei jedem Thema in die Tiefe zu gehen. Die Zeit hat man gar nicht – nicht einmal, wenn man das Studium in der Regelstudienzeit absolviert. Viel wichtiger wäre, dass die Lehrbücher die wesentlichen Punkte herausarbeiten.

Hilft Ihnen da der kapitelweise Download von E-Books?

Marcel Pohl: Die Möglichkeit ist wichtig und hilfreich. Aber noch wichtiger wäre, dass das Wissen vorsortiert wird. Wenn ich derzeit in der Bibliothek das Stichwort zu einem Thema eingebe, dann kommen zunächst in aller Breite die Dissertationen oder die bekanntesten Bücher. Ich kann zwar mit Suchwörtern filtern, aber ich kann am Titel meist nicht ablesen, was mich erwartet. Mir fehlt da eine Zusammenfassung, ich muss oft in jedes Buch erst mal reinschauen. Auch Verlage sollten da ihre Angebotsstruktur überdenken.

Welchen Schluss ziehen Sie daraus für das Büchermachen?

Marcel Pohl: Es müsste noch stärker einen Unterschied zwischen Lehrbuch und wissenschaftlicher Literatur geben. Viele Literaturempfehlungen der Professoren sind nicht effizient für das Studium. Ich muss nicht in allen Fächern ein Spezialist werden, das kann ich auch gar nicht bei der vorhandenen Menge an Information und Wissen. Da vermisse ich auch auf dem Buchmarkt eine Veränderungsbereitschaft.

Beschreiben Sie doch mal Ihr ideales BWL-Lehrbuch!

Marcel Pohl: Was ich richtig gut finde? Zunächst brauche ich neben dem Inhaltsverzeichnis auf 1-2 Seiten eine Zusammenfassung, worum es wirklich geht. Auch Schlagwörter wie die Suchwörter, unter denen das Buch in der Bibliothek gefunden wird, sollten im Buch in einer Art Schlagwort-Wolke abgedruckt sein. Der nächste Schritt wäre für mich, den Text für unterschiedliche Eindringtiefen aufzubereiten. Für den, der die komplette Tiefe des Wissens braucht, wird es wichtig sein, den gesamten Text zu lesen. Für andere, die den schnellen Überblick brauchen, sind Markierungen in der Randspalte für die wirklich grundlegenden Passagen notwendig. Ich spreche nicht von Abstracts einzelner Kapitel. Die sind zwar gut, aber sie verkürzen den Inhalt und ersparen mir nicht, die relevanten Passagen im Text aufzusuchen.

Sie haben jetzt selbst ein Buch geschrieben. Was haben Sie da erlebt?

Marcel Pohl: Bei unseren diversen Anfragen an die Verlage haben wir die Verlagswelt zunächst als ziemlich starr erlebt. Man konzentriert sich in den meisten Verlagshäusern auf das Altbewährte. Wenn man etwas Neues machen will und mit einem normalen Buch, einem E-Book und einem Hörbuch rauskommen will, und dafür individuelle Marketingstrategien fahren möchte, dann tut man sich von Verlagsseite eher schwer. Wir glauben, dass bei jeder Marketingaktion der Leser an erster Stelle stehen muss. Die Kommunikation mit unserem jetzigen Verlag läuft jedoch sehr gut und ist sehr engmaschig. Uns ist es wichtig, dass wir mit unserem Buch zur Diskussion über die Bologna-Reform anregen und unsere Erfahrung mit effizienten Lernformen an andere Studenten weitergeben dürfen.

Die meisten studierten Menschen blicken ein Leben lang auf ihre Unizeit als ihre „große Zeit“ zurück. Diese Zeit haben Sie selbst brachial verkürzt, nur um drei – vielleicht aus Ihrer eigenen späteren Rückschau belanglose – Jahre früher in den Beruf zu kommen. Was hat Sie eigentlich angetrieben?

Marcel Pohl: Der Antrieb war einmal das Streben nach Unabhängigkeit und Sicherheit – der Wunsch, auf eigenen Beinen zu stehen –, andererseits das Ziel, eine ganz besondere Leistung zu erbringen, die zuvor noch keiner geschafft hat.

Mit seiner Firma alVoloConsult berät Michael Lemster Verlage, E-Commerce-Unternehmen, Buchhändler und Dienstleister bei Geschäftsentwicklung, Programm, Business- und Datenprozessen. Stammdaten und deren Qualitätssicherung sind sein Spezialgebiet. Daneben publiziert er in Fach- und Publikumsmedien.

Das Buch: DIE TURBO-STUDENTEN

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