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Ellen Braun – warum ist Widerstand am Arbeitsplatz auch für Arbeitgeber gut?

Freitags um fünf: Was bewegt jetzt die Branche? Michael Lemsters Frage der Woche an Trainerin Ellen Braun.

Ellen Braun, geboren 12.06.1966 in Coburg, ist erfahrene Buchhandels-Führungskraft (Gondrom Bindlach). Seit 1998 ist sie als Trainerin, Coach und Beraterin auch in Fragen der Work-Life-Balance aktiv und ist autorisiert als Beraterin des Programms „unternehmensWert: Mensch“ des Bundesarbeitsministeriums. Sie lehrt an den Hochschulen Hamburg und Würzburg.

Ellen Braun, Sie haben ein Gruppentraining „Widerstandsfähigkeit & Energie aufbauen!“ aus der Taufe gehoben – das riecht ein wenig nach Bürgerinitiative oder gar Klassenkampf.

bild(l, 30879)Ellen Braun: Nein, es ist kein Klassenkampf. Darum geht es gar nicht. Es geht um das Thema Erschöpfung, heute inflationär gehandelt als „Burnout“. Mit der Namensgebung habe ich versucht, den psychologischen Fachterminus „Resilienz“ in gemeinverständliche Sprache zu übersetzen.

Das kenne ich doch aus dem Physikunterricht.

Ellen Braun: Stimmt. In der Physik bezeichnet Resilienz die Fähigkeit eines Körpers, nach exogenen Einflüssen seine Form wiederzufinden. Auch der Mensch braucht diese Fähigkeit: wie komme ich trotz wiederholter Rückschläge und Niederlagen wieder in meinen ursprünglichen, gesunden Zustand. Oder: wie kann ich den Herausforderungen der Zukunft mit Zuversicht und Vertrauen in meine Kraft begegnen. Klassenkampf spielt mit hinein im Sinn von „Ich will mich nicht auffressen lassen von den Erschöpften, Burnout-Belasteten und damit fast zwangsläufig Unkreativen.“

Das klingt, als ob Sie dabei vor allem an Vorgesetzte denken.

Ellen Braun: Die denken schon selbst daran, zumindest ein wachsender Teil. Meine Vortragsreihe „Chefs am Limit“ wird mittlerweile sehr gut besucht. Ein Chef ist wie ein Formel 1-Pilot, der muss körperlich und psychisch in Form sein, ganz unabhängig von der fachlichen Befähigung. Als Chef muss ich mich fragen: Bin ich ein Vorbild in diesem Punkt, halte ich mich fit, halte ich meine Mitarbeiter fit – körperlich und mental -, erlaube ich Pausen zwischen den Meetings, stelle ich Fruchtsaft, Wasser oder Tee auf den Besprechungstisch und nicht nur einen Kaffee. Gehe ich mit miesepetrigem Gesicht durch den Laden, geize ich mit Lob, wie hoch ist die Kränkungsdynamik in meiner Abteilung oder meinem Betrieb. Mache ich den Mitarbeitern durch Zielvereinbarungen klar, was von ihnen erwartet und woran sie gemessen werden. Die Treppe wird von oben nach unten gekehrt. Wenn ich als Chef nicht achtsam mit meinem Team umgehe, spürt das am Ende auch der Kunde.

Glaubt man den Befragungen, so sind die Deutschen überwiegend hochzufrieden mit ihren Jobs – was soll da ein Widerstandstraining?

Ellen Braun: Man kann zufrieden sein und trotzdem erschöpft. Wir haben klinisch einen Anstieg der Fälle von Erschöpfung zu verzeichnen. Es ist eine Aufgabe der Arbeitgeber, sich um die psychische Gesundheit, das „psychische Kapital“ ihrer Mitarbeiter zu kümmern. Sich zu fragen: Was kann ich dafür tun, dass ich ein Team mit psychischer Exzellenz bekomme und behalte?

Wir sind ja weithin eine Branche von „Überzeugungstätern“. Burnout-Therapeut Dr. Thomas Bergner behauptet in seinem neuen Buch – sehr klug und witzig -, Überzeugungstäter könnten gar nicht ausbrennen. Er kennt Menschen, die begeistert 60 bis 80 Stunden pro Woche arbeiten und über Jahrzehnte keinerlei Anzeichen von Erschöpfung zeigen. Können Sie sich das vorstellen?

Ellen Braun: Es gibt mit Sicherheit welche, es gibt aber auch andere. Ich bin auf das Thema „Chefs am Limit“ gekommen, weil mehr und mehr Unternehmer über Tinnitus klagen oder Schlafstörungen haben – alles Symptome der verwaschenen Diagnose Burnout. Was ich nicht glaube, das ist, dass jemand über Jahrzehnte seine 60-Stunden-Woche hat und keinen Schaden nimmt. Die meisten, die wirklich lang arbeiten, schaffen sich unter der Zeit ihren Ausgleich, ihre Entspannungs-Inseln. Ich kannte mal einen Anwalt, der arbeitete selten weniger als 60 Wochenstunden, darin waren aber auch die zwei Stunden enthalten, die er sich jeden Tag mit seiner in einem leeren Büro aufgebauten Modelleisenbahn beschäftigte.

Könnten auch in der Medien- und Buchhandelsbranche die Führungskräfte pfleglicher mit ihren Mitarbeitern und mit deren Arbeitskraft umgehen?

Ellen Braun: Ja, natürlich. Der entscheidende Punkt ist: wie führe ich meine Mitarbeiter? Führe ich überhaupt meine Mitarbeiter? Da haben wir meines Erachtens in der Branche ein Defizit. Wenn ich in die Unternehmen reingehe, dann sehe ich das auf Schritt und Tritt. Oft fehlt der rote Faden, das Konzept, oder die Integration von Führungsstrategie und -konzepten in den Unternehmensalltag. Das brauchen wir im Moment. Die Mitarbeiter hungern danach, gerade in unsicheren Zeiten. Wenn ich die besten Mitarbeiter will, um die Herausforderungen des Branchenumbruchs zu bewältigen habe, muss ich denen auch was bieten. Wenn wir Innovation wollen, brauchen wir Kreativität, und die kann nur aus einem Reichtum an inneren Ressourcen kommen. Auch dieser Gedanke steckt hinter meinem Konzept.

Rechnen Sie in absehbarer Zeit in dieser Hinsicht mit einem Kulturwandel?

Ellen Braun: Es geht um eine grundlegende Verhaltensänderung. Und so etwas dauert meines Erachtens. Vielleicht geht es schneller, wenn der Leidensdruck hoch genug ist. Aber eine gesunde Führung, gepaart mit einer gesunden Strategie, bringt jedem Unternehmen einen Innovationsschub. Die Branche ist im Aufbruch. Die Reise könnte in so viele Richtungen gehen, das ist ungeheuer spannend, und wir bräuchten massenhaft Leute, die diesen Aufbruch mit Spaß und Energie anpacken. Energiereich reingehen und sagen, wir gestalten die Branche und wir probieren was aus. Es gibt viel zu viele Wenns und Abers, die das blockieren, und viel zu wenig Frische und Pragmatismus. Einfach machen, Dinge mit Lust machen und verkaufen, das fehlt uns.

Im aktuellen Training „Widerstandsfähigkeit & Energie aufbauen!“ konzentrieren Sie sich auf Bücherfrauen und gestehen Büchermännern lediglich eine Rolle als Tippgeber zu. Sind Männer weniger burnoutgefährdet?

Ellen Braun: Das Training ist von den Bücherfrauen ausgeschrieben, deswegen habe ich das Seminarkonzept auf Frauen ausgerichtet. Männer haben ähnliche Probleme, aber andere Stressoren. Frauen laugt der Spagat zwischen Beruf und Familie aus: Ich liebe meinen Beruf und meine Kinder – was tu ich, um beides unter einen Hut zu kriegen und trotzdem als Person nicht unterzugehen. Männer sind in diesem Punkt gelassener, was auch daran liegt, dass sie die Organisation der Familie und des Haushalts gern den Ehefrauen überlassen. Ich habe festgestellt, dass Konflikte mit Kollegen, Ärger mit Mitarbeitern in Männern anders arbeiten als in Frauen. Ein anderes Beispiel ist der Umgang mit Gesundheitsfragen: Frauen fragen sich eher: woher kommt das, wie hängt das mit anderen Faktoren zusammen, Männer sagen, das hat zu funktionieren. Männer sind auch cooler, was das Aussehen betrifft. Diese Frage belastet aber viele Frauen.

Was wollen Sie den Bücherfrauen am 4. August alles vermitteln?

Ellen Braun: Ich möchte ihnen Mut geben zu mehr Selbstführung, zum selbstbestimmten Leben. Ich möchte ihnen helfen, die Quelle der Freude an der eigenen Wirksamkeit zu erkennen, helfen, die eigenen Prioritäten auf den Prüfstand zu stellen. Natürlich vermittle ich einige Techniken der Schnellentspannung: wie kann ich, auch wenn Land unter ist, mal für fünf Minuten raustreten. Oder wie kann ich mir ein dickeres Fell zulegen – dieser Wunsch kam aus der Mitte der Interessentinnen. Wie verschaffe ich mir ein Netzwerk. – Schließlich möchte ich aus jeder Kursgruppe ein dauerhaft kooperierendes „Business ErfolgsTeam“ zum Thema Gesundheit und selbstbestimmtes Leben formen – das ist ein Kern meiner Methode.

Und für die, die nicht dabei sein können, bitte Ihre 3 wichtigsten, klügsten How-to-Tipps gegen den Burnout?

Ellen Braun: Erstens Bewegung mit Spaß: Was fühlt sich gut an, worauf haben Sie Lust? Was brauchen Sie? Eher slow motion (Yoga, Qi Gong, Tai-Chi) oder viel lieber eine energetisierende, belebende Bewegung, gewissermaßen rhythmic motion (Laufen, Radeln, Tanzen)? – Zweitens: Erschöpfung und Müdigkeit können auch andere Ursachen haben. Machen Sie den körperlichen Fitness-Check beim Arzt Ihres Vertrauens! – Drittens ein- bis zweimal täglich Schnellentspannung für zwischendurch: eine Reflexzonenmassage am Ohr steigert das Wohlbefinden, wirkt regenerierend und heilend, regt den Energiefluss an und baut Spannungen ab. Während der Massage gilt es bewusst zu atmen, mit Betonung auf der Ausatmung. Durch die gezielte Stimulation bestimmter Zonen der Ohrmuschel ist eine Beeinflussung der zugehörigen Organe im Sinne einer Regulation möglich. Die Selbstmassage wird mit Zeigefinger und Daumen von oben nach unten entweder an beiden Ohren gleichzeitig oder nacheinander durchgeführt.
1. Ausstreichen des gesamten Ohres mit mittelstarkem Druck.
Dehnen der Ohrmuschel durch sanftes Ziehen in Richtung Peripherie (zentrifugal), mit Dehnen des Ohrläppchens aufhören.
3. Reiben der einzelnen Teile der Ohrmuschel (großflächig).
4. Schütteln des Ohres mit festem Griff zwischen Zeigefinger und Daumen.
5. Klopfen mit den Fingerspitzen am gesamten äußeren Ohr (zart).
6. Dehnen und Ausstreichen des gesamten Ohres bilden den Abschluss.

Mit seiner Firma alVoloConsult berät Michael Lemster Verlage, E-Commerce-Unternehmen, Buchhändler und Dienstleister bei Geschäftsentwicklung, Programm, Business- und Datenprozessen. Die Qualitätssicherung von Katalogdaten ist sein Spezialgebiet. Daneben publiziert er in Fach- und Publikumsmedien.

Für Leser/innen, die Ironie mögen, ist „Endlich ausgebrannt!“ von Thomas Bergner (Schattauer) eine amüsante und erhellende Burnout-Fibel im Stil von Paul Watzlawicks „Anleitung zum Unglücklichsein“.

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