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Thalia: Buch & Kunst-GF Lutz Gehrken geht in den Ruhestand

Lutz Gehrken

Mehrfach hat er den angekündigten Rückzug ins Privatleben verschoben, jetzt aber scheint es endgültig: Lutz Gehrken, seit 1991 Geschäftsführer der Buch & Kunst-Buchhandlungen (Dresden), hat sich Ende Juni 2013 offiziell in den Ruhestand verabschiedet. Das war Anlass für seinen langjährigen Weggefährten Tom Kirsch, dem gebürtigen Hamburger einen Abschiedsgruß zu widmen:

„Kennengelernt haben wir und im Frühsommer des Jahres 1991. Damals war die Buch und Kunst frisch aus den Resten des Volksbuchhandels des „Bezirkes Dresden“ gegründet worden und in schwierigem Fahrwasser. Branchenfremd, aber mit hanseatischem Kaufmannsgeist, stürzte sich Lutz Gehrken als neuer Geschäftsführer in das Abenteuer. Ungeklärte Mietverträge, undichte Dächer, kaputte Heizungen, Registrierkassen für DDR-Mark und eine Wohnung im „unsanierten Altbau“ waren die Herausforderung.

Die Wohnung lag im dritten Stock und genauso hoch mussten die Kohlen für die Ofenheizung schleppen. Der Osten als Karriere-Herausforderung war für viele, die aus den alten Bundesländern kamen, spätestens an diesem Punkt beendet: soviel „Nachkriegsfolklore“ war dann doch zuviel. Nicht für Lutz Gehrken: unbeirrt fuhr er die „Ladas“, die als Firmenwagen gekauft wurden und biss er sich durch die Sprachschwierigkeiten mit seinen sächsischen Mitarbeitern. Hieß „nu“: geht in Ordnung? Und „ni“: machen wir nicht?

Mit 350 Mitarbeitern und 20 000 qm Gesamtverkaufsfläche erinnerte zehn Jahre später fast nichts mehr an die abenteuerlichen Anfänge der ersten Jahre. Mit schlanker Struktur und einer Firmenkultur, die sich durch einen extrem hohen Identifikationsgrad der Mitarbeiter auszeichnete, war das Unternehmen auch ein Lebenswerk Lutz Gehrkens geworden. Die Neuaufstellung des Unternehmens und die bis dahin noch nicht vollzogene Implementierung kaufmännischer Prinzipien im Buchhandel sind Lutz Gehrkens wichtigste Verdienste. In den 1990er begann ein enormer Strukturwandel im Buchhandel, mit großangelegten Expansionen der Verkaufsflächen musste auch die Buch und Kunst GmbH zahlreiche Buchhandlungen erweitern oder neue Flächen hinzugewinnen. Die erste Großfläche wurde mit dem Haus des Buches Halle 1998 eröffnet, 2500 qm über drei Ebenen mit Café.

Mit dem des Haus des Buches Dresden (5 Ebenen und über 3000 qm) wurde 1999 das Flagschiff des Unternehmens eröffnet. Café und Lesebühne mit breitem Veranstaltungsangebot machten das Haus schnell zu einem kulturellen Höhepunkt in der Stadt und einem innovativem Modell innerhalb des deutschen Buchhandels. Mit öffentlichem Internetzugang für Kunden war das Haus eines der ersten Anbieter in der Stadt.

Als 2002 die Flutkatastrophe besonders in Sachsen schwere Zerstörungen hinterließ, gingen auch drei Filialen der Buch und Kunst komplett im Wasser unter. Fast zwei Wochen hatten die Dresdner Innenstadt und andere Städte keinen Strom, die Buchhandlungen blieben geschlossen oder konnten nicht beliefert werden. Zahlreiche Straßen in Sachsen waren zerstört. Die Wiedereröffnung der zerstörten Filialen und die Beschränkung der wirtschaftlichen Verluste des Unternehmens waren Ziel des Krisenmanagements der Geschäftsführung unter der Leitung von Lutz Gehrken. Dass nicht nur die sogenannten „Flutgelder“ der Bundesregierung den wirtschaftlichen Schaden des Unternehmens beheben konnte, war klar, so warb Gehrken in der Branche um Unterstützung. Mit gemeinsamen Aktionen unterstützten die Verlage den Wiederaufbau der zerstörten Filialen.

Der Zusammenschluss mit Thalia, dem Mitbewerber auf dem Buchmarkt, war unter den Vorzeichen eines erneuten Strukturwandels eine weitere strategische Leistung, um auf den sich rasant verändernden Markt zu reagieren. Das Internet, verändertes Kundenverhalten, die Veränderungen des Marktes nach der Einführung des Euro, machten neue Konzepte und Herausforderungen erforderlich, denen sich zu stellen Lutz Gehrken sich wiederum nicht scheute.

Ich gebe zu, das Wort Ruhestand, in den Lutz Gehrken jetzt geht, passt nicht wirklich in meiner Vorstellung über seine Art, unternehmerisch aktiv zu sein. Er hat sich ja mehrfach überreden lassen, zu verlängern – jetzt scheint es aber endgültig. Ob ich es aber glauben soll?

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