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Musikmesse: Kooperationen zwischen Buch- und Musikalienhandel als Zukunftsmodell? / Bilder von der Messe

Am Samstag ist die Musikmesse in Frankfurt zu Ende gegangen. Sie war auch für die Musikalienverlage wieder ein wichtiger Treffpunkt. Viele betonten, die Notwendigkeit ihr Vertriebsnetz zu erweitern und den Buchhandel dort einzubeziehen, wo es keine Musikalienhandlungen gibt.

Die Wortwahl auf der Musikmesse unterscheidet sich bereits im Pressebereich deutlich von der der Buchmesse. „Der Computer muss sich erst einspielen“, sagt die Dame hinter dem Tresen als ihre Rechner nicht so schnell anlaufen will, wie sie sich das vorstellt. Zum Glück verzichtete er auf Tonleitern und ähnliche Übungen und kam dann doch noch zum Ergebnis.

Im Gegensatz zur Buchmesse ist der Geräuschpegel auf der Musikmesse in den Frankfurter Hallen zwar deutlich anders, aber auch nicht unangenehm. An manchen Ständen ist es ein Genuss einem Profi beim Ausprobieren eins Instruments zuzuhören.

Die Begeisterung auch selbst ein Instrument zu spielen scheint ungebrochen, wenn man den Begrüßungsworten von Joachim Stock, Vorstandsvorsitzender Society of Music Merchants glauben darf. 14,5 Mio. Bundesbürger musizieren. In jedem dritten Haushalt sei inzwischen ein Musikinstrument vorhanden. Potenzial sei da: „30 Prozent der nicht aktiv Musizierenden würden gern ein Instrument spielen“ und: „Musikmachen liegt – gerade bei Jugendlichen – immer noch im Trend…vielleicht sogar mehr denn je“, sagt er.

Apropos einspielen: Gut eingespielt wirkte Hans Huck am Stand von Universal Edition. Früher bei KNV hat er als Head of Sales bei dem Wiener Musikverlag eingecheckt. Auf ihn zu treffen, ist für einen aus der Buchbranche ein Vorteil, denn Huck kennt nun die Parallelen und Unterschiede zwischen Buch- und Musikalienhandel inzwischen bestens. Er freut sich einerseits über noch mehr Übersichtlichkeit im deutsch-sprachigem Raum. Nur knapp eine Mrd. Euro wird in der kleinen Branche umgesetzt. Dafür hat jeder Musikalienverlag auch einen internationalen Vertrieb mit noch ganz anders gelagerten Herausforderungen. (Das ist durchaus zu merken: Bis man auf der Messe zu ihm vorgedrungen ist, hat man so viel englisch gesprochen wie deutsch…)

„Der Musikalienverlag funktioniert wie eine Mixtur aus Schulbuch Verlag und Special Interest Verlag“, erläutert er dem Erstbesucher. Das meiste funktioniere über Empfehlungsmanagement. Deshalb sei Präsenz, dort wo die Kunden sind, das A und O: „Wir wollen mit zwei Autoren von Unterrichtswerken stärker Veranstaltungen vor Ort anbieten“, sagt er. Auch Buchhändler seien da als Partner willkommen, denn inzwischen gebe es immer mehr weiße Flecken auf der Landkarte der Versorgung mit Musikalien.

Überhaupt wurde viel und gern darüber gesprochen, wie sich Buch- und Musikalienhandel zu Partnerschaften zusammenfinden könnten.

In die Fußstapfen der Buchbranche tritt man auch bei Edition Peters, zur Musikmesse legen die Frankfurt-Leipziger ihr erstes Nonbook-Programm vor, das Vertriebsmann Joachim Großpersky stolz präsentierte.

Am Stand des Verlages mit einem weiteren Standorten in London und New York kommt man ohne Englisch aber auch nicht weiter. Geschäftsführer Hermann Eckel ist begeistert über die gelungene Vermarktung neuer Ausgaben englischer Chormusik. Dazu hat die Edition Peters begonnen, in Kooperation mit dem englischen Verlag Faber Music die Chorausgaben der beiden Verlage in Deutschland verstärkt zu vermarkten, u.a. mit einem gemeinsamen Katalog und einer Demo-CD. „Bei einem dreitägigen Workshop in Limburg waren die Chorleiter völlig begeistert vom englischen Repertoire“, so Eckel. Er empfiehlt, sich mit Chorleitern in Verbindung zu setzen. „Singen ist wieder in“, ist er überzeugt.

Clemens Scheuch, Geschäftsführer beim Bärenreiter Verlag beklagt für die Musikmesse das gleiche Phänomen wie der Buchmesse: Immer weniger Händler seien präsent. „Nutzen und Kosten divergieren immer mehr“, stellt er bereits seit einigen Jahren fest. Aus seiner Sicht gäbe es viele Möglichkeiten, wie Buchhändler und Musikalienhändler einer Stadt zukünftig mehr kooperieren könnten: „Zum Beispiel im Veranstaltungsbereich.“ Beide wollen ja mehr und mehr hinter ihrem Tresen hervorkommen, ist er überzeugt. Wie im Buchhandel sieht er auch im Notenhandel die Herausforderungen beim Urheberrecht: „Wir kommen da nur im Dreischritt voran“, sagt er: „aufklären, juristisch vorgehen und mehr und bessere legale Angebote machen.“

Ähnlich wie Huck beschreibt auch die neue Schott-Marketingleiterin Patricia Gläfcke die Herausforderungen. „Man braucht lange bis man eine neue Musikschule etablieren kann, da funktioniert vieles über Mund-zu-Mund-Propaganda“, sagt sie.

Aber erst einmal freute sie sich über den geglückten Auftritt der neuen Website www.schottpop.com. Zur Präsentation hatte ihre Mitarbeiterin Christine Gossmann einen echten Popcorn-Wagen an den Stand gebracht und verteilte die Süßigkeit becherweise. „Wir sind bisher nicht so stark bekannt als Verlag für Pop-Musik, aber wir haben ein beachtliches Programm, das wir jetzt promoten wollen“, so Glaefcke. Wie es überhaupt viele Aktionen am Schott-Stand gab. Das Wagner-Jahr stand ganz im Zentrum des diesjährigen Auftritts. Auch die Neuauflage des Riemann Musiklexikon gab Anlass zur Freude beim Pressemann Konstantinos Zafiriadis. Die Bücher mit dem edlen Silberschnitt kommen bei den musikbegeisterten Besuchern an. „Ein echtes Highlight auch für den Buchhandel“, so Zafiriadis, der sich wünscht, dass der Buchhandel noch mehr drauf einsteigt.

Heimliches Thema auf der Musikmesse ist auch Amazon. Während einige es sich kaum vorstellen können, ohne Amazon auszukommen, macht man sich bei Breitkopf & Härtel Sorgen um den Handel. „Wir haben für unsere Homepage entschieden, dass kein Kunde bei uns etwas bestellen kann, ohne einen Händler auszuwählen, über den das Produkt ausgeliefert werden soll“, sagt Vertriebsleiterin Annekathrin Mascus. Als Highlight präsentiert der älteste Musikverlag der Welt sein neues Wörterbuch Musik, für das Autorin Prof. Johanna Heutling extra auf die Messe gekommen war (hatten wir bereits im März-Heft des BuchMarkts vorgestellt).

Bei PPV Medien hat seit längerem die ehemalige Weltbild-Programmmacherin Susanne Guidera angedockt. Stolz präsentierte Sie das Buchprorgramm mit 35 Titeln, das sie innerhalb kurzer Zeit gestemmt hat. „Wir wollen die Faszination Musik herüberbringen“, sagt Guidera. So gibt es zum Kurs Rockgitarre jetzt auch den Kalender mit den Stars dazu. „Die Leute suchen auch Infos über ihre Helden“, so Guidera.

Mit einem unglaublichen Engagement vertritt Sabine Kemna ihre drei Verlage Merseburger, Pan und Furore, für die sie vertrieblich unterwegs ist. Letzterer Verlag verlegt als einziger Verlag weltweit ausschließlich Noten von Komponistinnen. Verlegerin Renate Matthei hatte erst im Oktober letzten Jahres für die Gründung des Furore Verlages das Bundesverdienstkreuz bekommen. Kemna präsentiert wieder einige Neuentdeckungen: Zum Beispiel die Gesamtedition der Streichquartette von Emilie Mayer, deren 5. Symphonie die Jenaer Philharmoniker kürzlich vor begeistertem Publikum aufgeführt hat. Mit neuen Editionen widmet sich Kemna in diesem Jahr dem Märchenmarkt. Sie sieht da einige Kooperationsmöglichkeiten mit Buchhändlern.

Vielen ist klar, dass das Musikaliengeschäft für den Buchhandel ein Bestellgeschäft ist. Doch: „Deutlich mehr Umsätze macht man, wenn auch Präsenz im Laden zeigt“, so Ralph Voggenreiter, Mitinhaber des Verlags seines Namens und zuständig für den Vertrieb, überzeugt. Insbesondere das Thema Früherziehung sei dafür geeignet, trommelt er, durchaus auch im eigenen Interesse. Für ihn reiche die Früherziehung allerdings von 0 bis 66. „Denn auch im Alter entdecken immer mehr Menschen das Musizieren“, sagt er. Damit schlug er in die Kerbe von Joachim Stock, Potenzial ist da.

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