
Ludger Claßen wird heute 60 Jahre alt. Der Essener Buchhändler Thomas Schmitz gratuliert dem Klartext-Verleger zum runden Geburtstag:
Der Klartext Verlag in Essen befindet sich in unmittelbarer Nachbarschaft zu einem der faszinierendsten Plätze im ganzen Ruhrgebiet. Untergebracht in der Waschkaue der altehrwürdigen Zeche Fritz liegt er direkt unterhalb der Schurenbachhalde.
„Warst du schon einmal da?“, fragte mich Ludger Claßen, seines Zeichens Geschäftsführer des Verlages vor einiger Zeit. Als ich verneinte und er mit einem Blick aus dem Fenster feststellte, dass das Wetter die nächste Stunde still halten würde, warf er sich sein Jackett über und eilte ins Freie. Ich hatte Mühe ihm zu folgen. Über ein Brachgelände, vorbei an einem Zaun, den er am liebsten übersprungen hätte („Aber wir sind ja keine zwölf mehr“, O-Ton Claßen), dann abseits aller Wege durchs Dickicht auf direktem Wege zur höchsten Stelle der Halde, einem Plateau, das einer Mondlandschaft gleicht und mit einer Skulptur von Richard Serra geschmückt ist: Mitten auf der Abraumhalde reckt sich eine fünfzehn Meter hohe Stahlplatte gen Himmel. Hier ist Ludger Claßen zu Hause: „Hast du so etwas schon mal gesehen? Du befindest dich mitten in einer Mondlandschaft und um dich herum tobt das Revier.“
Das Ruhrgebiet ist die Heimat von Claßen. Hier in Essen ist er aufgewachsen, hier hat er studiert, hier hat er vor beinahe 30 Jahren den Klartext Verlag mitgegründet, „als Sprachrohr für Menschen im Revier, die in den etablierten Medien und auch in der Politik keine Lobby hatten. Wir schufen sozusagen eine Gegenöffentlichkeit.“ Genau das hat er geliebt, obwohl Ludger Claßen nach eigenem Bekunden immer ‚Realo‘ geblieben ist. „Schließlich wollten wir ja von dem, was wir produziert hatten, auch leben.“ Und so erschienen ebenso erfolgreiche Fußballbücher („Jungens, euch gehört der Himmel“ oder „Als die Ente laufen lernte“), wie Ruhrgebietsreiseführer („Im Tal der Könige“ oder „RuhrKompakt“).
Geschichten gäbe es viele zu erzählen und manche spielten dann tatsächlich nicht einmal in „seinem“ Revier. 1990 bekam Ludger Claßen beispielsweise das Angebot, die Memoiren des alten Honeckers zu verlegen: „Stell dir vor, da sitzt dieser alte Mann versteckt in der Dachkammer eines Brandenburger Pastors, faselt seine Sicht der Dinge in ein Mikrofon und will dafür 90.000 US-Dollar haben. Der alte Kommunist will bezahlt werden in der Währung seiner Feinde. Ich habe zunächst einmal nicht abgelehnt, sondern im Gegenzug Spiegel und Stern informiert und einen Vorabdruck angeboten. Irgendwie wollte ich ja die Kosten wieder rein kriegen.“
Stern und Spiegel waren aber extrem vorsichtig. Man würde keinen Scheckbuchjournalismus betreiben, erklärten beide Blätter unisono. Wenn aber Honecker die Echtheit durch Unterschrift bestätigte, wolle man ernsthaft eine Vorabveröffentlichung in Erwägung ziehen. Doch Honecker verweigerte diese Unterschrift vehement: „Ich weiß nicht, warum. Aber mein Traum vom vorgezogenen Ruhestand war damit ausgeträumt.“
An Ruhestand war auch noch lange nicht zu denken, als Ludger Claßen vor gut fünf Jahren sein Unternehmen an den WAZ-Konzern verkaufte. Seit dieser Zeit steht er als Geschäftsführer dem Klartext Verlag vor und scheut auch heute keinen Zehn-Stunden-Tag. Das wird wohl auch noch einige Jahre so bleiben, schließlich wird er heute gerade einmal 60 Jahre alt.
Dazu, lieber Ludger, gratuliere ich von Herzen, danke für deine Freundschaft und freue mich auf weiterhin viele wertvolle Ratschläge zwischen Pasta und Grappa beim Italiener unserer Wahl. Glück auf.
Thomas Schmitz
Kontakt: classen@klartext-verlag.de
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