
Das 2. Düsseldorfer Poesie-Fest im Heine Haus startete gestern Abend mit einer Veranstaltung der Literatur-Nobelpreisträgerin Herta Müller: Die Veranstalter, Selinde Böhm und Rudolf Müller, waren gleich in die Kunstsammlung NRW „ausgewichen“ – und auch da gab es kaum einen freien Platz. Eröffnet wurde das Fest von Oberbürgermeister Dirk Elbers.
Elbers sieht die Herta Müller, die 2009, kurz, bevor sie den Nobelpreis erhielt, mit der Ehrengabe der Heinrich-Heine-Gesellschaft ausgezeichnet wurde, durchaus in der Tradition von Heinrich Heine: kritisch, engagiert und als Dichterin wortmächtig und sprachverliebt. Wie sehr es dieser Autorin tatsächlich auf jedes Wort ankommt, zeigt sich eindrucksvoll in ihrem neuesten Buch Vater telefoniert mit den Fliegen (Hanser) – ein weiterer Band ihrer einmaligen Collagen.

Seit 20 Jahren arbeitet Herta Müller auf diese sehr sinnliche und haptische Art mit ausgeschnittenen Wörtern: Angefangen hat es auf Reisen; da wollte sie Originelleres verschicken als Postkarten. Zu Hause ging es zunächst in der Küche auf dem Hackbrett weiter, erzählte die Autorin dem Gastgeber Rudolf Müller – inzwischen wohnen bei ihr die Wörter in Schränken und Schubladen in einer Werkstatt. Alphabetisch geordnet und in einem großen Durcheinander.
Ungezählte kleine Texte sind auf diese Art entstanden: und sie warte schon immer darauf, daß sie vom Publikum in ihrer Form mit Erpresserbriefen verglichen werden. Ein sehr deutscher Vergleich, findet sie, aber: „Welcher Erpresser würde sich die Mühe machen mit den Farben?“ Sie denke dabei eher an Flugblätter – und verwies damit auf den biographischen Backgrund, der natürlich ihrer gesamten Arbeit innewohnt. Schließlich kommt Müller aus dem sozialistischen Rumänien, in dem noch alle Schreibmaschinen registriert waren, damit jeder Verfasser eines unbotmäßigen Gedankens sofort gefaßt werden konnte. Oder: Damit keiner überhaupt erst auf den Gedanken kam, anderes als Systemkonformes zu tippen.
Herta Müller las ihre collagierten Kurztexte, denen auch immer eine Abbildung zugeordnet ist. Und erzählte von der wahren Lust, solche kleinen Klebekunstwerke zu verfertigen. „Für mich haben Wörter immer ausgesehen“, sagt sie, und, mitreißende Erzählerin, die sie ist, steckte sie das Publikum sofort an mit ihrer Wortlust. Man wüßte zu gern, wie viele aus dem Publikum heute zur Schere greifen werden, um es selbst einmal auszuprobieren…
Heute wird das Poesie-Fest fortgesetzt: Raoul Schrott und die diesjährige Bachmann-Preisträgerin Olga Martynova werden mit Christoph Buchwald, Rudolf Müller und Norbert Wehr diskutieren. 18 Uhr geht’s los. Bereits 13 Uhr startet dort das Poesiecafé – nicht allein mit Veranstaltungen: Auch Heines Apfeltörtchen wird es geben.