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Matthias Politycki: Warum der Buchhandel für das Urheberrecht werben sollte

Die World Writers‘ Conference, die vor kurzem in Edinburgh zu Ende ging, hat den Deutschen Vorstoß „Wir sind die Urheber“ als Vorlage für eine internationale Petition der Autoren zur Wahrung des Urheberrechts übernommen. Einer ihrer Unterzeichner ist der deutsche Schriftsteller Matthias Politycki. Wir fragten, was aus Sicht der Autoren jetzt zu tun ist.

Auf der Writers‘ Conference haben sich Anfang des Monats Autoren zusammengeschlossen und ein internationales Bekenntnis zum Urheberrecht auf die Beine gebracht, Sie sind Mitunterzeichner. Ist das Thema jetzt auf der richtigen Plattform angekommen?

Matthias Politycki
(©Mathias Bothor)

Matthias Politycki: Der Schritt in die internationale Öffentlichkeit ist in globalistisch gestimmten Zeiten unvermeidlich, gerade bei einem Thema, das seine Brisanz durch die weltweit immer gleichen Begehrlichkeiten im Internet erhält. So wichtig die Plattform ist, die auf der World Writers’ Conference in Edinburgh geschaffen wurde, solange derlei Initiativen nur von den Betroffenen getragen werden – Schriftstellern, ihren Verlagen oder Verbänden –, werden sie allenfalls begrenzt Erfolg haben. Die endgültig „richtige“ Plattform wäre diejenige, auf der Leser für ihre Autoren in die Bütt steigen.

Maßgebliches Vorbild dafür war die deutsche Initiative „Wir sind die Urheber“, wie hat das auf der Konferenz für die Weiterentwicklung gewirkt?

Der Text der deutschen Initiative wurde wortwörtlich ins Englische übertragen und der Resolution zugrunde gelegt. Wenn Sie jetzt auf www.edinburghworldwritersconference.org gehen, sehen Sie, daß „Wir sind die Urheber“ für einen von vier Punkten zentral war und weiterhin ist.

Warum ist eine internationale Lösung des Urheberrechts wichtig?

Ist es nicht eigentlich erbärmlich, daß heutzutage zwar der Schutz haptischen Eigentums eine Selbstverständlichkeit ist, derjenige geistigen Eigentums hingegen nicht mehr? Leben wir überhaupt noch in einer Kulturgesellschaft? Oder morgen schon in einer Gratiskulturgesellschaft, die die verbliebenen Schriftsteller zwingt, sich wieder an die Höfe von Mäzenen aller Art zu flüchten? Das Problem scheint in vielen Ländern, vor allem denjenigen des ehemaligen Westens, mehr oder weniger das gleiche zu sein; durch nationale Alleingänge wird man es auf Dauer nicht in den Griff bekommen.

Schott-Verleger Dr. Peter Hanser-Strecker schlägt einen weltweiten und freiwilligen Zusammenschluss vor. Eine Bewegung für das Urheberrecht. Wird sich das so leicht in den Köpfen der Menschen installieren lassen?

Eigentlich war es dort ja einige Jahrhundert lang ganz gut präsent. Mit Etablierung des Internets ist lediglich ein neues Medium zur Verbreitung von Inhalten zu den altbewährten dazugekommen, am Tatbestand geistiger Urheberschaft hat sich dadurch überhaupt nichts geändert. Wenn das Urheberrecht als eine der wesentlichen Errungenschaften bürgerlicher Gesellschaften fallen sollte, ist die postmoderne Atomisierung der Menschheit in global vernetzte Einzelkämpfer auch in dieser Hinsicht einen Schritt weiter gekommen – jeder beklaut jeden, so gut er’s eben kann.

Wie ist bis jetzt die Resonanz auf den Appell?

Ich kriege davon ja erst mal gar nichts mehr mit; wie ich höre, ist er gerade in Neuseeland angekommen. Im übrigen wird die Writers’ Conference mit dieser Resolution jetzt ein Jahr lang um die Welt ziehen und dafür werben. Im Grunde müssen ja nirgendwo auf der Welt Autoren und Verleger erst lange überzeugt werden, allenfalls „ganz normale“ Leser.

Auf welche Plattformen muss das weitergetragen werden? Welche sollte als nächstes erreicht werden?

Das wird im zweiten Punkt der Resolution bereits angedacht: eine Vernetzung nationaler Plattformen zu den jeweils herrschenden Marktkonditionen (am sinnvollsten durch die betreffenden Schriftstellerverbände betreut) – so daß sich jeder über die doch recht unterschiedliche Rechtslage informieren kann, auf die seine (übersetzten) Bücher in den verschiedenen Ländern treffen. Die Mutter aller Plattformen läge darüber und würde alle nationalen Informationen bündeln bzw. zu ihnen verlinken.

Wie erleben Sie als Autor die Diskussionen um das Urheberrecht? Haben Sie Sorge vor der Zukunft als Autor?

Jeder, der vom Schreiben auch leben muß, tut gut daran, sich Sorge um die Stützpfeiler der Branche (Urheberrecht, fester Ladenpreis usw.) zu machen. Eine weitere Sorge kommt beim Blick auf die entstehende Weltliteratur dazu – sie gehört zwar nicht zum Thema Urheberrecht, ist aber nicht minder drängend und wird daher in Punkt 3 der Edinburgher Resolution thematisiert: die Sorge, daß außerhalb der jeweiligen Binnenkulturräume zunehmend nur noch die auf Englisch erschienene Literatur wahrgenommen wird und, damit eng verknüpft, von den in anderen Sprachen geschriebenen Büchern ausgerechnet nur diejenigen, die sich verhältnismäßig schnell und unproblematisch ins Englische übersetzen lassen.

Wie wirkt sich das aus?

Das läuft bereits heute auf eine Auswahl der bestangepaßten Literatur hinaus, durchaus im darwinistischen Sinn: schlankere Formate, kürzere Sätze, regionale Einsprengsel allenfalls als klischeehafte Bedienung folkoristischer Erwartungen. Natürlich gibt es Ausnahmen; aber in der grundsätzlichen Einschätzung waren wir uns, so unterschiedlich sich 50 Autoren aus aller Welt ja ansonsten auch positionieren mögen, überraschend einig. Jedenfalls kann es nicht im Interesse des Leser sein, irgenwann nur noch das weltweit kompatible Mittelmaß dieser oder jener Nationalliteratur oder gar die bewußt produzierten Fakes derselben im Angebot zu finden.

Das wird ja schon lange beklagt.

Ja, aber die Entwicklung ist in dieser Richtung schon weit fortgeschritten, machen wir uns nichts vor! Je komplexer ein Buch geschrieben ist, mit all den wunderbaren Anspielungen und Tiefenschichten, die jede Sprache auf ihre Weise bietet, desto geringer ist seine Chance, übersetzt zu werden.

Wie reagieren andere Autoren? Paolo Coelho gibt seine Texte recht großzügig weiter und gilt in der Netzgemeinde als Vorbild.

Unter Schriftstellern gilt er das nicht. Im übrigen ist er ja ein treffliches Beispiel für jene globalisiert produzierte Literatur ohne „störende“ regionale Verwurzelung, die – wie bei einem guten Wein das Terroir – erst das Unverwechselbare, Einmalige daran verbürgen würde.

Muss für das Urheberrecht auch in den Buchhandlungen Werbung gemacht werden? Was geht das den Buchhandel an?

Schriftsteller sind keine Gelegenheits- oder Nebenerwerbsautoren, wir wählen unsre Stoffe nicht nach den Gesetzen des Marktes, wir arbeiten nicht nach den schnellebigen Produktionsrhythmen des Marktes, wir schielen nicht auf den Markt, wenn wir Jahre, Jahrzehnte mit unseren Recherchen und Niederschriften beschäftigt sind. Und hoffen dennoch oder gerade deshalb auf den Markt, ohne Leser wären wir ja gar keine Schriftsteller!

Das heißt der Buchhandel sollte seine Leser sensibilisieren?

Vielleicht ist es für den einen oder anderen Buchkäufer interessant, wenn man diesen Unterschied zwischen Autoren und Schriftstellern thematisiert, um ein Gefühl für den Wert eines maßgeschneiderten Textes zu wecken? Ohne Buchhändler, die diesen Wert vermitteln, der hinter jedem Stück Literatur steht, wären wir Schriftsteller jedenfalls verloren. Und ohne Verleger, die das Copyright auf eine bloße Idee erwerben, die vage Vision eines Romans, und uns dadurch jahrelang finanzieren, nicht minder.

Die Fragen stellte Matthias Koeffler

Hier mehr zum Text der Edinburgh World Writers‘ Conference

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