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Bei der Informare! 2012 diskutierten Informationsprofis bis hinauf ins Kanzleramt/Buchbranche spärlich vertreten

Das Format Informare! schlägt ein: zufriedene Gesichter rundum bei den Sessions, Panels und Workshops, zufriedene Gesichter auch bei den Veranstaltern, allen voran E-Publishing-Pionier Arnoud de Kemp. Er hat die Kongressmesse nicht nur erfunden, sondern bereits zweimal organisiert und durchfinanziert.

360 Teilnehmer – 130 mehr als 2011 – tauchten vom 8. bis zum 10. Mai ein ins ostalgische Ambiente des Berliner Café Moskau, geplant war für 250. Bei der öffentlichen Langen Nacht der Suchmaschinen und beim BarCamp stieß etwa dieselbe Menge nichtzahlender Besucher hinzu. Dabei hätten die Begleitumstände widriger nicht sein können: Insolvenzen und Streitigkeiten bei den Dienstleister-Firmen überschatteten die Vorbereitungen. Arnoud de Kemp behielt die Nerven – kein Wunder nach 20 Springer-Jahren – und strich den Applaus ein.

Moderator Gunnar Sohn
Foto: Vera Münch

Applaus für Sprecherpodien, die mit Hochkarätern aus Politik, Forschungsgesellschaften und Großindustrie, mit der Elite aus Technik, Informationswissenschaften und Marktforschung besetzt waren. Applaus für einen hochspannenden Mix aus fachspezifischen und interdisziplinären, aus philosophischen und sehr praktischen Diskussionen und Vorträgen. Natürlich waren die Themen vertreten, die die Produzenten, Verteiler und Konsumenten von Information umtreiben: Open Access und E-Publishing, Social Media und Urheberrecht, Clouddienste und semantische Analyse, der User in seiner Doppelrolle als durchanalysiertes Manipulationsopfer und machtvoller Auslöser von „Shitstorms“ gegen unglaubwürdige Markenkommunikation.

Aber auf der Informare! redeten Leute miteinander, die auf den traditionellen Roten Teppichen des Buch-Business nicht so oft gesehen werden. Um so bedauerlicher, dass die Branche sich offensichtlich mit dem Schlagwort Information Professionals nicht angesprochen fühlte. Sie trug nur zu etwa 5% zu den Teilnehmern bei, obwohl die Buchmesse die Schirmherrschaft übernommen hatte und die Podien hervorragend besetzt waren mit Vertretern von De Gruyter, Springer Science+Business Media, Klett, Suhrkamp und dem Börsenverein. Die Presseverlage fehlten fast komplett.

Da ist ihnen einiges entgangen: etwa die Keynote „Turings Traum weiterträumen“ des Computerlinguisten und AI-(Künstliche Intelligenz)-Forschers Prof. Dr. Hans Uszkoreit; die Demonstration von Reinhard Karger vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz über die Perspektiven eines „Internets der Dinge“, in dem Alltagsgegenstände mittels Elektronik „schlau gemacht“ werden und übers Web mit Menschen kommunizieren oder ihre eigene Produktion steuern; die Vision von Produkten, die sich selbst reproduzieren, wie ein ausgestellter 3D-Drucker.

Man konnte das Staunen (und das Fürchten) lernen, wie Maschinen menschliche Sprache interpretieren und wie groß und vielfältig das Geschäft mit der Suche inzwischen ist – eine ideale Überleitung zu einer sehr langen Nacht der Suchmaschinen mit zahlreicher öffentlicher Beteiligung: die Teilnehmer folgten mit ihren Laptops den 13 Referenten in den babylonischen Riesenraum des Web, und LAN-Party-Stimmung kam auf. Dr. Sabine Graumann vom Umfrage-Riesen TNS Infratest wartete mit der größten, weltumspannenden Studie über Gewohnheiten der Internet-Nutzer auf – ein faszinierendes Psychogramm auch der deutschen Web-User und ein Schlaglicht auf die Chancen in der Kommunikation und im Handel mit dieser Zielgruppe: Deutsche recherchieren mit am intensivsten über Produkte, die sie anschaffen wollen. Also liegt es an den Anbietern, sie übers Web von ihren Produkten zu überzeugen.

Was sonst noch auffiel auf der Informare!:
o von 20 Teilnehmern am E-Book-Workshop des Dienstleisters le-tex gaben gerade mal drei an, regelmäßig E-Books zu lesen

o Marketing-„Fuzzis“ fehlten weitestgehend, was nicht unbedingt als Manko empfunden wurde

o Bibliotheksdirektoren und Verleger stritten, wer denn der „rechtmäßige“ Host von Open Access Zeitschriften sei

o eines der großen technischen Probleme der E-Book-Herstellung ist es, dass E-Books – wo immer sie verkauft werden – so tun müssen, als bestünden sie aus einzelnen Seiten – damit Wissensarbeiter in hergebrachter Weise daraus zitieren können ganz wie in der Zeit, da es keine Volltextsuche gab und jedes Buch ein Info-Dschungel war, durch den Inhaltsverzeichnis, Register und Einleitung mühsam Schneisen schlugen

o die Information, die die Professionals meinen, ist digital und wird durch Suchalgorithmen und Social Web oder in netzwerkbasierten Katalogen gefunden und auf Bildschirmen, allenfalls noch als Print on Demand konsumiert. Das auflagenbasierte Print-Buch kommt nicht mehr vor in Diskurs und Planspielen der Info-Elite.

Fazit: die Informare! wird sich als hochkommunikativer und hochinspirierender Leit-Event etablieren, und die Verlage täten gut daran, ihr ihren Stempel aufzudrücken.

Michael Lemster

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