Freitags um fünf: Was bewegt jetzt die Branche? Michael Lemsters Frage der Woche an Verlagsfrau und Yogaloft Frankfurt-Erfinderin Irene Nießen.
Irene Nießen gründete nach 8-jähriger Laufbahn als Verlagspressefrau das Medienbüro Nießen, wo sie unter anderem für Gruner + Jahr und Reinhold Messner arbeitete und sechs Jahre das buchjournal redaktionell verantwortete. Nun hat sie erneut gegründet – das Yogaloft Frankfurt, wo sie mit Firmen-, Gruppen- und Einzelunterricht den Beschwerden und Verspannungen der postindustriellen Gesellschaft im wahren Wortsinn zu Leibe rückt.
Irene Nießen – ist Ihnen die Buchbranche nicht mehr gut genug, oder sind Sie nicht gut genug für die Buchbranche?

©Hans Renner
Irene Nießen: (lacht) Ich habe gestern eine Verlagskollegin behandelt, die kommt schon seit einiger Zeit. Ich scheine also gut genug zu sein.
Sie kommen gerade von einer sehr fordernden Einzelstunde – war es das wert?
Irene Nießen: Ja, absolut. Das Tolle am Yoga ist: Er wirkt unmittelbar. Der Schüler hat ein konkretes Anliegen, ein konkretes Befinden. In dem Moment, wo er beginnt zu Üben, verändert sich etwas. Das ist für viele eine unglaubliche Erfahrung, dass es Ihnen nach dem Üben besser geht als vorher. Was man beim Yoga also sehr schnell lernt: wenn Du willst, dass sich was verändert, muss Du was dafür tun.]
Das unterscheidet sich sehr von dem, was Sie früher gemacht haben…
Irene Nießen: Das mag auf den ersten Blick so scheinen, ja.
Wieso nur auf den ersten Blick?
Irene Nießen: Weil man als Journalist eine ähnliche Art von Hilfestellung bietet. Man arbeitet sich in ein Thema ein und bereitet es so auf, dass es ein Dritter nachvollziehen kann – sei es als Rezension, Interview oder als Reportage. Im Grunde mache ich im Yogaloft nichts anderes als im Medienbüro. Ich schaue mir die Schüler an, analysiere, welche Probleme sie haben, stelle dann das Übungsprogramm zusammen und, insofern gehe ich hier noch einen Schritt weiter, korrigiere die Schüler in der Haltung. Beides ist eine Art Übersetzungsleistung, die weiterführen soll: zum Selber-Denken, Selber-Üben, zur Selbstwahrnehmung.
Heißt das, dass Sie dem Buch und dem Journalismus Ade gesagt haben?
Irene Nießen: Nein, dem Buch kann man n i e m a l s Ade sagen. Nur lese ich im Moment mehr Yogabücher und philosophische Texte als Romane. Das ist ja das Großartige am Buchmarkt, dass er ein so gigantisches Spektrum bietet. Und genau das haben wir ja zu Zeiten des buchjournals auch auf Leserseite bedient, indem wir Yogabücher vorgestellt haben und Bücher über Fliegenfischen, Erzählungen, Reisegeschichten, Romane. Ich habe meine berufliche Existenz einfach auf zwei Standbeine gestellt, das Journalistische einerseits, dazu kam jetzt der Yoga, mit dem ich mich seit 12 Jahren beschäftige. Indem ich bewusst eine Seite zugunsten der anderen begrenzt habe, kann ich mich nun professionell in einer Welt bewegen, die mich seit langem fasziniert.
Ist das Verlagsbusiness zu hart geworden?
Irene Nießen: Ich glaube, dass es dort nicht mehr und nicht weniger hart zugeht als anderswo – das beschränkt sich nicht auf einzelne Branchen. Was sich insgesamt verändert, ist der Druck auf den Einzelnen, sei er nun real oder gefühlt. Druck führt zu Überforderung, Überforderung führt zu Stress, Stress führt zum Burnout. Yoga kann den Menschen etwas zurückgeben, was sie dabei sind, zu verlieren: den Kontakt zu sich selbst. Meine Erfahrung aus dem Yoga ist, dass immer mehr Menschen zur Ruhe kommen möchten, zu einer tiefen Ruhe, aus der heraus Energien frei werden für mentale Arbeit und menschliche Begegnungen, aus der heraus man andere Entscheidungen treffen kann als wenn der Geist ständig herumspringt wie ein wilder Affe. Diese innere Unruhe hat viel mit unserer Lebensweise zu tun: Wir sind ständig auf dem Sprung, und vor allem sind wir mit dem Geist immer weniger dort, wo wir mit dem Körper sind: Ich sitze hier am Schreibtisch, kann telefonieren, mailen, SMS-en, ich bin überall, nur nicht dort, wo mein Körper ist. Ich sitze im Restaurant, beschäftige mich mit meinem I-Pad, surfe im Netz, checke Mails, was auch immer. Nur eines tue ich nicht: mich konzentriert mit meinem Gegenüber unterhalten. Dieses mentale Hopping führt zu einem Ungleichgewicht von Körper und Geist bis hin zur Zerrissenheit, es macht die Menschen krank und vor allem unglücklich. Und jetzt drehen wir die Sache um: Wenn die innere Erdung abhanden kommt, stellen wir im Yoga die Leute erst mal auf die Beine. Wir üben das Stehen. Standfestigkeit zu entwickeln. Eine aufrechte Haltung. Und da Yoga ganzheitlich wirkt, führt dieser Weg von außen nach innen.
Spricht da eigene Lebenserfahrung?
Irene Nießen: In Teilen sicherlich. Ganz gewiss ist es hilfreich, bestimmte Situationen am eigenen Leib zu erfahren, um sich besser in andere einfühlen zu können.
Was macht Ihr journalistisches Standbein gerade?
Irene Nießen: Im Moment bin ich in der Yogaszene publizistisch unterwegs, habe gerade ein Interview mit dem indischen Sanskritgelehrten R. Sriram geführt, der ein ganz und gar lebenspraktisches Buch geschrieben hat: „Wünsche dir alles, erwarte nichts und du wirst reich beschenkt.“
Sehen Sie sich als Exotin oder als Trendsetterin?
Irene Nießen: Ich glaube, dass es sehr viel häufiger vorkommt, als wir im Moment glauben, dass Menschen sich nicht mehr nur auf ein Gebiet konzentrieren. Gerade im Bereich Gesundheit ist das ein Thema und nicht ungewöhnlich. Wir sprechen immer von lebenslangem Lernen und meinen einen gelegentlichen kurzen Blick über den professionellen Gartenzaun, der sich im Lebenslauf gut ausnimmt – warum diese Idee nicht ausdehnen auf Gebiete, die dem Hauptberuf nicht direkt benachbart sind. Man muss sich natürlich mehr anstrengen, weil man wieder vollkommen in die Rolle des Lernenden hineinkommt, und auch die Unterordnung und die wirtschaftliche Unsicherheit aushalten muss. Es ist aber ein unheimlich spannender Weg, es gibt keinen Moment der Langeweile. Da öffnen sich Türen, von denen man nie geglaubt hat, dass sie nochmal für einen aufgehen. Zwar bildet auch die Welt der Bücher das alles ab: Alles, was wir so erfahren können, ist bereits in Büchern beschrieben. Aber diese Erfahrungen sind nichts, was man erträumen muss – es ist alles da. Wir müssen es nur tun. Und davon hält einen niemand ab außer wir selbst.
Mehr zu Irene Nießen:
www.yogaloft-frankfurt.de
www.medienbuero-niessen.de

Michael Lemster, als langjähriger Programmleiter von buecher.de ein „Urgestein“ des elektronischen Buchhandels, berät Verlage, Buchhändler, Dienstleister und E-Commerce-Unternehmen bei Geschäftsentwicklung, Programm und Datenprozessen. Katalogdaten sind sein Spezialgebiet. Daneben veröffentlicht er Reportagen und Interviews.







