
Seit Nikolaustag fragen wir noch bis zum 6. Januar (Heilige Drei Könige) in der Buchbranche herum: „Wie war Ihr Jahr?“. Heute beantwortet Oliver Schwarzkopf, Verleger Schwarzkopf & Schwarzkopf unseren „anderen Fragebogen.“
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Welcher Tag war Ihr schönster im letzten Jahr?
Jeder Tag mit unseren Töchtern Alma und Marie, vor allem ihr 3. Geburtstag am 10. Dezember, aber auch jeder andere Tag, an dem sie uns mit neuen Worten, neuen Fähigkeiten oder auch mit neuem Blödsinn verblüfft haben.
Jede Begegnung mit Bud Spencer, einem der größten Helden meiner Kindheit, der uns insgesamt vier mal in Deutschland besucht hat und sich so für sein Buch eingesetzt hat, wie wir es uns nie erträumt hätten. Auf dem Foto sieht man die feierliche Übergabe des 100.000 Exemplars, das hatten wir für ihn in Leder mit Goldrand binden lassen, da war selbst er ganz gerührt.
Und die Zusammenarbeit mit Manfred Krug, dessen Bildband im Februar aus Anlass seines 75. Geburtstags bei uns erscheint.
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Worüber haben Sie sich 2011 am meisten geärgert?
Dass die erste Auflage von Bud Spencer zu knapp war, wir hatten anfangs schlicht nicht genug Bücher. Das ist das Schicksal jeder Auflagenplanung, es ist immer zu viel oder zu wenig.
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Was war 2011 Ihr schönster Erfolg?
Die Autobiographie von Bud Spencer, unsere erste Nummer 1 auf der SPIEGEL-Bestsellerliste. Das muss man in dem Wissen genießen, dass es vielleicht nie wieder kommt. Auf die SPIEGEL-Bestsellerliste schafft man es ja als Independent bisweilen mal, aber eine Nummer 1 hat man vermutlich nur einmal im Leben.
Auch die Zusammenarbeit mit Udo Lindenberg, Timo Boll und Farin Urlaub waren absolute Highlights. Besonders schön war es, dass das Buch von Timo Boll sogar kurz an der SPIEGEL-Bestsellerliste angeklopft hat, obwohl Tischtennis in Deutschland eigentlich eine Randsportart ist.
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Und Ihr traurigster Misserfolg war…?
Dem wunderbar skurril-komischen Buch „WARTEN AUF FRAUEN“ von Moritz Petz hätte ich entschieden mehr Leser gewünscht. Für jeden Mann einer Frau und jeden Vater von Töchtern eine liebevolle Pflichtlektüre!
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Ihre schönste Buchhandlung/Ihr liebster Verlag im letzten Jahr?
Verlag: Lehmstedt aus Leipzig. Mein viel zu früh verstorbener Fotografen-Freund Roger Melis hat dort eine wunderbare Heimat gefunden, und ich bin glücklich, dass er die ersten Bände seines Gesamtwerkes noch erleben durfte. Es lohnt sich, Roger Melis neu zu entdecken!
Buchhandlung: Jede, die sich engagiert, egal ob groß oder klein, ob unabhängig oder Teil einer Kette. Ganz besonders schlägt mein Herz pars pro toto in diesem Jahr für die neue Buchhandlung „Buchlokal“ unserer langjährigen Vertriebskollegin Friederike Zöllner, die sich in Berlin-Pankow einen Lebenstraum erfüllt hat. Ich bewundere ihren Mut, fühle mich ein bisschen an meine Gründerjahre erinnert und drücke ihr sehr die Daumen.
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Von welchem Thema wollen Sie (warum) im neuen Jahr nichts mehr lesen?
Von unabhängigen Buchhändlern, die wegen unerschwinglicher Mieten oder anderen Gründen dicht machen müssen. Von Vollsortimenten, die von Büchern auf Schnickschnack umsatteln. Von Rabattwünschen, die uns als unabhängigem Verlag keine Luft zum Atmen mehr lassen – auskömmliche Konditionen müssen für alle möglich sein, auch für Independent-Verlage. Von Parteien, die glauben, dass Urheberrechte nicht bezahlt werden müssen und alles umsonst sein kann – auch Autoren und Verlage müssen ihre Rechnungen bezahlen. Von Politikern, die Kredite zu Sonderkonditionen bekommen.
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Und über welches Thema wollen Sie mehr lesen?
Darüber, wie die Branche die Digitalisierung schafft, ohne die Leser zu vergrätzen. Das ist die größte Herausforderung, für große und kleine Verlage, für große und kleine Buchhandlungen ebenso wie für den Zwischenbuchhandel. Einfach alle Texte als technisch meist lausige eBooks im ePub-Format (meist voller Hurenkinder und Schusterjungen, miserabler Silbentrennung und unansehnlicher Optik) auf den Markt zu schmeißen, kann nicht der Weisheit letzter Schluss sein, weshalb wir in dem Bereich bis 2011 noch sehr zurückhaltend waren. Ich glaube, dass 2012 für die Digitalisierung ein sehr wichtiges Jahr sein wird, weil sich die technischen Möglichkeiten rasant entwickeln.
Von buchmarkt.de wünsche ich mir, dass die Presseschau mit den Buchempfehlungen fürs Sortiment auch mal über das klassische Feuilleton hinausguckt*. Viele Rezensionen und Buchempfehlungen (nicht nur unseres Verlages!) finden sich nicht unbedingt im Feuilleton, sondern in anderen Rubriken, wie Zeitgeschehen, Jugend, Musik, Film usw. – und auch das bringt Leser in die Buchläden und würde die Kollegen dort genau so interessieren wie das Feuilleton.
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Welchen Fehler aus diesem Jahr möchten Sie im neuen Jahr vermeiden?
Zu wenig Zeit zum Joggen einzuplanen.
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Und welchen Fehler werden Sie wiederholen?
Den jedenfalls nicht, großes Ehrenwort.
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Welches Buch hat Ihnen im letzten Jahr besonders viel Freude gemacht?
Roger Melis: Am Rande der Zeit; Roger Melis: Künstlerporträts; Roger Melis: In einem stillen Land, alle bei Lehmstedt, großartig herausgegeben und gestaltet von Mathias Bertram. Und Dorothea Melis: Sibylle, ein neu aufgelegter Klassiker zur Modefotografie 1962-1994, auch Lehmstedt.
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Welches wird Ihr wichtigstes Buch im neuen Jahr?
Natürlich alle unsere ca. 100 Neuerscheinungen des Jahres.
Bud Spencer hat auf die Wünsche seiner deutschen Fans gehört und extra für Deutschland einen noch umfangreicheren zweiten Band geschrieben, zu dem viele Fans ihre Fragen und Wünsche beigetragen haben. Das Buch ist auch Dank der Anregungen der Fans einfach phänomenal geworden, und Bud Spencer wird wieder nach Deutschland kommen.
Und auf den Bildband mit Manfred Krug freue ich mich sehr, den seine langjährige Lektorin Krista Schädlich heraus gibt. Das Buch zeigt die Bilder der gesamten Karriere, von Krug selbst mit ausgewählt und von ihm auf seine typisch Krug’sche Art kommentiert. Suchtgefahr!
Die Autobiographie von Fritz Sdunek wird ebenfalls bedeutendes Buch. Er ist einer der weltbesten Boxtrainer und hat wie kein Zweiter die Klitschkos geformt. Boxen kann ein sehr intelligenter Sport sein, das zeigen gerade die Klitschkos wie auch dieses Buch.
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Von wem würden Sie auch gern mal die Antworten auf diesen Fragebogen lesen?
Von Mark Lehmstedt.
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Und welche Frage, die wir nicht gestellt haben, hätten Sie gern beantwortet?
Werden Verlage in Zukunft auf Vertreter verzichten, wie es immer mal wieder zu lesen ist?
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Hier können Sie die auch beantworten:
Ganz sicher nicht! Eine motivierte und engagierte Vertretermannschaft ist das Rückgrat eines unabhängigen Verlages und arbeitet mit dem internen Vertrieb Hand in Hand. Deshalb danke an die Kollegen, die Tag für Tag draußen unterwegs sind, ausdrücklich auch für leidenschaftliche Diskussionen auf den Konferenzen. Das ist nicht immer bequem für den Verlag, bringt aber eine unverzichtbare zusätzliche Außensicht der Dinge und uns alle zusammen weiter.
*(Anm. d. Red: In unseren Augen ist das eine Aufgabe der Verlage, den Handel auf Erfolge der teuer bezahlten Arbeit ihrer Presseabteilung hinzuweisen oder damit zu werben, gern auch bei uns.)
Morgen fragen wir Elisabeth Raabe und Regina Vitali; gestern antwortete Christian Jund [mehr…].