
Seit Nikolaustag fragen wir bis zum 6. Januar (Heilige Drei Könige) in der Buchbranche herum: „Wie war Ihr Jahr?“. Heute beantwortet Aufbau-Geschäftsführer Tom Erben unseren „anderen Fragebogen.“
1
Welcher Tag war Ihr schönster in diesem Jahr?
Der 30.9. war sicher das Highlight: als rund 600 Gäste auf der Dachterasse des Verlages im neu bezogenen Aufbau Haus bis in die frühen Morgenstunden feierten, und das bei spätsommerlichen Temperaturen – ich glaube, das wird zu den Momenten zählen, die man nicht vergisst.
2
Worüber haben Sie sich 2011 am meisten geärgert?
Tja, ärgern ist vielleicht nicht das richtige Wort, aber verwundert bin ich schon über die misslungene Fusion mit Eichborn und die Tatsache, dass das Angebot von Herrn Koch ausgeschlagen wurde: den ursprünglich geplanten dreizehn Arbeitsplätzen in Berlin stehen nun drei erhaltene Arbeitsplätze in Köln gegenüber. Ich wünsche den Kollegen bei Lübbe aber natürlich viel Erfolg mit dem neuen Eichborn-Verlag. Und wir im Aufbau Haus freuen uns über den neuen Mitbewohner, Die Andere Bibliothek, die, das zeigen die Reaktionen von Autoren, Journalisten und Buchhändlern, hervorragend in das Aufbau-Umfeld passen. Und nicht zuletzt Christian Döring fühlt sich wohl im Aufbau Haus.
3
Was war 2011 Ihr schönster Erfolg?
Falladas Roman „Jeder stirbt für sich allein“ auf die Bestsellerliste zu bringen, und dieses vergessene Buch über 26 Wochen in den Top 20 zu halten – das war schon eine grosse Leistung des gesamten Verlages. Auch jetzt im Weihnachtsgeschäft spielt der Titel eine sehr aktive Rolle. Wir drucken nach und liegen nun bei über 150.000 verkauften Exemplaren nur in der Aufbau-Ausgabe. Lizenzausgaben eingerechnet, nähern wir uns in Deutschland sogar der 200.000er-Marke.
4
Und Ihr traurigster Misserfolg war…?
Dass wir Deon Meyers unglaublich spannende und lehrreiche Suedafrikakrimis trotz grosser Resonanz noch immer nicht in die Top 20 hieven konnten, ist wirklich schade. Sein jüngster Roman „Rote Spur“ war dafür vielleicht zu komplex – Tobias Gohlis‘ Krimi-Bestenliste der ZEIT hat ihn im Dezember immerhin auf Platz 1 gekürt. Aber Meyers’ neuer Roman erscheint schon im Herbst 2012, und der ist wieder ein klassischer „Lemmer“. Ich glaube, damit schaffen wir es unter die Top 10, denn die Fangemeinde wächst weiter, nicht zuletzt durch Deons sympathische Auftritte in Deutschland.
5
Ihre schönste Buchhandlung in diesem Jahr?
Neulich kam ich von der Verlagsweihnachtsfeier nach Hause und sah in einem Laden an meiner Strassenecke eine Buchhändlerin mitten in der Nacht Kisten auspacken. Es war das „Buchlokal“ in Pankow, das sich für die Eröffnung schmückte – eine liebevoll gemachte Kiezbuchhandlung, wie es sie in Berlin zum Glück noch und sogar wieder häufiger gibt. Und dass die „Buchhandlung am Moritzplatz“ im Kontext des Aufbau Hauses so gut startet, hat nicht nur mich, sondern auch den immer gutgelaunten Ben von Rimscha überrascht. Aber mein Favorit in Berlin bleibt natürlich „Das Buch am Hackeschen Markt“.
6
Von welchem Thema wollen Sie (warum) im neuen Jahr nichts mehr lesen?
Die Eitelkeiten der deutschen Politiker stehen manchmal sehr im Missverhältnis zu den Veränderungen in unserer Welt, die ja nicht nur einer digitale Revolution unterliegt, sondern deren globale Verwerfungen ganz handfeste Folgen haben, in den arabischen Staaten aber auch in Asien und in Suedamerika.
7
Und über welches Thema wollen Sie mehr lesen?
Ich fürchte, wir werden uns noch eine ganze Weile täglich beschäftigen muessen mit dem, was an Veränderungen auf unsere Branche zukommt bzw. schon da ist: Die Buchwelt wird nach diesem Weihnachtsfest schon wieder ein Stück anders aussehen, und ich spreche nicht nur von den zu erwartenden Mengen an Kindles auf den Gabentischen, sondern von der massiven Abwanderung auch des physischen Entertainments ins Netz. Es ist dort für die Kunden ja alles sehr, sehr einfach und angenehm zu handhaben! Die 55 Thesen sind keine Prognose sondern Realität, und das, was Dorothee Werner als Zukunftsinitiativen im Börsenverein auf die Beine stellt, ist mehr als notwendig. Ich bin deshalb aber nicht pessimistisch für die Branche, sondern sehe Veränderungen, die wir gestalten können und müssen, wenn wir nicht das Nachsehen haben wollen. Auch Aufbau wird im nächsten Jahr eine Abteilung für strategische Produktentwicklung einrichten, mit Markus Thie haben wir jemanden im Haus, der die digitale Entwicklung bereits intensiv vorantreibt.
8
Welchen Fehler aus diesem Jahr möchten Sie im kommenden Jahr vermeiden?
Viele „Baustellen“ führen dazu, dass man meint, schnelle Entscheidungen im Vorübergehen treffen zu müssen. Das Bauchgefühl ersetzt zwar manchmal die wohlüberlegte Prüfung, aber ein Gegencheck sollte trotzdem drin sein.
9
Und welchen Fehler werden Sie wiederholen?
Nun ja, die Baustellen werden nicht weniger werden…
10
Welches Buch hat Ihnen in diesem Jahr besonders viel Freude gemacht?
Zuletzt der Bookerpreisträger „Vom Ende einer Geschichte“ von Julian Barnes, den ich schon lange nicht nur wegen seines britischen Humors schätze – obschon dieser letzte Roman einer männlichen Lebensbilanz deutlich grauer ist als Barnes’ Vorgängerromane, die immer die Balance trafen zwischen Drama und Komödie. Ganz handfeste Freude empfand ich, als die aktuellen Belege der Anderen Bibliothek bei uns im Verlag eintrafen: was Christian Döring mit der Gestalterin Christina Hucke da an Buchkunst hervorzaubert, ist atemberaubend! Man MUSS es anfassen – wenn das kein Statement ist im digitalen Zeitalter!
11
Welches wird Ihr wichtigstes Buch im neuen Jahr?
Neben der neuen Fred Vargas im Frühjahr, auf die sich Verlag und Handel riesig freuen, bringen wir im nächsten Herbst eine echte editorische Sensation nach Aufbau-Manier: die 100 Jahre nach seinem Tod erstmals veröffentlichte Autobiografie von Mark Twain! In den USA bei einer kleinen University Press erschienen, erreichte das umfangreiche Werk dort im vergangenen Herbst Bestsellerstatus. Und Twain wäre nicht Twain, wenn er seine Geschichte konventionell von der Wiege bis zur Bahre erzählte. Stattdessen umkreist er sein Leben in unglaublichen und unglaublich unterhaltsamen und klugen Anekdoten. Wir freuen uns sehr auf dieses Werk, das in ueber 700 Seiten mit einem Geleitwort von Roger Willemsen und einem Kommentarband im Schuber erscheinen wird.
12
Von wem würden Sie auch gern mal die Antworten auf diesen Fragebogen lesen?
Da mir der Austausch mit ihm immer grosse Freude macht: Andreas Meyer sollte hier auch mal ran…
13
Und welche Frage, die wir nicht gestellt haben, hätten Sie gern beantwortet?
Was tut sich sonst bei Aufbau?
14
Hier können Sie die beantworten:
Dass der Claim „aufbau bewegt“ eine solch selbstprophezeiende Kraft hat, war im Vorhinein nicht abzusehen. Diese Dynamik ermöglichen neben meinen Kollegen Rene Strien und Ralf Alkenbrecher ein Mann, dessen unternehmerischer Mut von wirklichen Visionen geprägt ist – und die Frau an seiner Seite: mit Matthias und Ingrid Koch hat der Verlag wirklich Glück gehabt!
Morgen fragen wir Jürgen Christian Kill; gestern antwortete Manfred Keiper [mehr…].