Freitags um fünf: Was bewegt jetzt die Branche? Michael Lemsters Frage der Woche Michael Lemling, den Geschäftsführer der Schwabinger Traditionsbuchhandlung Lehmkuhl.
Michael Lemling, 46, leitet seit 2006 als Geschäftsführer die berühmte Münchner Buchhandlung Lehmkuhl, die im Eigentum der Brüder Hans Dieter und Wolfgang Beck ist. Der Germanist und gelernte Buchhändler ist eine der profiliertesten Figuren des deutschen Sortimentsbuchhandels, obwohl er branchenpolitischen Diskussionen in der Regel fern bleibt. Dass das Buch des ebenso beliebten wie umstrittenen Ex-Außenministers zu Guttenberg nicht in seine Auslage kam, brachte Lehmkuhl in die Schlagzeilen und bis in die heute show.

Michael Lemling – schon zum zweitenmal haben Sie eine betriebswirtschaftliche Todsünde begangen: Sie haben dem [Herder Verlag und seinem sicheren Bestseller Vorerst gescheitert des Freiherrn zu Guttenberg die kalte Schulter gezeigt. Geht es Ihnen zu gut?]
Michael Lemling: Es geht uns gut, danke der Nachfrage. Aber sicher geht es uns nicht so gut, dass wir alle Branchen-Usancen ignorieren könnten. Zu diesen Usancen gehört es auch, unseren Beruf als Sortimenter ernst zu nehmen. Das bedeutet für uns, uns tagtäglich für oder gegen die Bevorratung eines Titels zu entscheiden. Diesen Beruf üben wir aus, auch wenn ein Titel für Furore sorgen könnte. Im Falle Guttenberg/di Lorenzo ging eben unser Daumen runter.
Gebietet es Ihnen nicht die Verantwortung den Mitarbeitern gegenüber, jeden Verkaufsimpuls mitzunehmen – gerade in diesem Jahr, das aufs Weihnachtsgeschäft so dringend angewiesen ist?
Michael Lemling: Nein, überhaupt nicht. Ich glaube, für einen Buchhändler kommt es darauf an, mit seinem Sortiment ein Profil zu erarbeiten, um wirtschaftlich erfolgreich zu sein, und daran arbeiten wir täglich. Unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten haben wir unsere Weigerung, Guttenberg einzukaufen, nicht bereut. Im Gegenteil: Sie glauben gar nicht, wie viele äußerst positive Reaktionen wir in den letzten Tagen bekommen haben. Kunden, die gar nicht in unserem Stadtteil zuhause sind oder von außerhalb Münchens kommen, stehen auf einmal im Geschäft und sagen, wir haben von Ihnen gehört und wollen mal sehen, was für ein Laden das ist. Und meistens kaufen die dann auch – zum Beispiel ein Architekt aus einem anderen Viertel, der verkündete, dass er künftig auch seine Fachliteratur bei uns bezieht. Die Medien haben ja sehr breit über uns berichtet.
Welches Motiv hat Sie zu Ihrer Entscheidung bewogen – Sie sprechen von „Weigerung“?
Michael Lemling: Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Wir boykottieren oder zensieren nicht. Dieser Vorwurf kam mitunter. Das ist aber nicht der Fall – wenn ein Kunde in den Laden kommt und das Buch verlangt, beschaffen wir es ohne hochgezogene Augenbrauen. Aber wir bevorraten es nicht. Wir haben diese Entscheidung getroffen, als der Verlag das Buch ankündigte und behauptete, dies werde das politische Buch des Herbstes. Wir glaubten es dem Verlag nicht, dass dieser Interview-Band nach dem Strickmuster Helmut Schmidt/Giovanni di Lorenzo über 200 Seiten hinweg so fundiert werden würde wie sein Vorbild. Der zweite Impuls: wir lassen uns ungern instrumentalisieren für die PR-Show eines hochstapelnden Politikers oder seines Verlages. Dafür stehen wir nicht zur Verfügung.
War Ihre Entscheidung mit Ihren Gesellschaftern abgestimmt?
Michael Lemling: Nein, ich als Geschäftsführer habe die operative Entscheidungsvollmacht in unserem Unternehmen und habe eine alltägliche Aufgabe wahrgenommen. So etwas muss bei uns nicht abgestimmt werden.
Wie reagieren Ihre Kunden? Gibt es auch mal ein „Hier kauf ich nicht mehr“?
Michael Lemling: Ja. Von 100 Kunden beschweren sich allerdings höchstens zwei. Eine Kundin kündigte uns an, dass sie ab jetzt zu Hugendubel gehe, weil wir das Buch des steinewerfenden Ex-Außenministers führen und Guttenberg nicht. Die meisten anderen Reaktionen sind positiv. Es gab aber zahlreiche böse Anrufe, gerne mit oberfränkischem Zungenschlag. Umgekehrt bekamen wir zahlreiche Solidaritätsadressen. Ich erinnere mich vor allem an den Weinhändler aus unserer Nachbarschaft, der eine Kiste Wein vorbeibrachte, weil er in den Medien von uns gehört hatte und das gut fand. Aber um es nochmal zu sagen: wir sind nicht die Helden des Widerstands. Wir haben rein fachliche Motive.
Durch eine frühere Entscheidung dieser Art hat Ihr Haus sich schon einmal breit in die Medien gebracht. Was war das?
Michael Lemling: Das war die Entscheidung, die Autobiografie von Dieter Bohlen nicht ins Sortiment zu nehmen. Auch damals verdankten wir die Heftigkeit der Reaktionen nicht dem Buch als solchem, sondern der Prominenz des Autors. Wir haben die Autobiografie von Bushido nicht geführt, und kein Hahn krähte danach. Wir haben damals entschieden: das ist unseren Schwabinger Kunden zu blöd, und mit Guttenberg schätzten wir das ähnlich ein. Wir verstehen uns als Stadtteilbuchhandlung mit literarischem Anspruch. Das heißt, dass wir das führen und empfehlen, was unsere Kunden im Stadtteil vermutlich wünschen. Auch Sarrazin haben wir auf der Vertreterreise nicht eingekauft, dem Vertreter haben wir gesagt, dass wir dem Titel keine Substanz und kein Verkaufspotenzial zutrauen. Damit lagen wir daneben. Unsere Kunden haben entschieden, dass sie das Buch wollten. Wir haben es problemlos gelistet, um den Kunden Wartezeit zu ersparen. Darüber die Nase zu rümpfen, steht uns nicht zu.

Michael Lemster, als langjähriger Programmleiter von buecher.de ein „Urgestein“ des elektronischen Buchhandels, berät Verlage, Buchhändler, Dienstleister und E-Commerce-Unternehmen bei Geschäftsentwicklung, Programm und Datenprozessen. Katalogdaten sind sein Spezialgebiet. Daneben veröffentlicht er Reportagen und Interviews.