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„Heilige Scheiße“ in Düsseldorf: Wenn eine Lesung zum befreienden Lachen führt

Dass eine Lesung mehr sein kann als nur eine Lesung, war gestern Abend im Düsseldorfer ZAKK zu erleben. Dort stellten Anne Weiss und Stefan Bonner ihr Buch Heilige Scheiße vor. Organisatorin Ricarda Hinz machte daraus ein witziges kirchen- und religionskritisches Event vor 80 Zuhörern.

Weiss, die Ann-Katrin Schwarz ist [mehr…], und Bonner, der eigentlich Jan Wielpütz heißt, sind in der Branche bekannt als Lektoren des Verlages, in dem ihr Buch erschienen ist: Bastei Lübbe. Wielpütz ist Cheflektor des erst in diesem Jahr geschaffenen Lektorates Entertainment [mehr…], das sich unter anderem um digitale Produktionen im Hause Bastei Lübbe kümmert.

Anne Weiss und Stefan Bonner vor dem Buchcover

Mit den beiden hat Stefan Lübbe sich auch ein Bestseller-Autoren-Duo in Haus geholt. (Generation Doof. Wie blöd sind wir eigentlich?; Doof it yourself). Ihr Markenzeichen ist klar: Sich in der Gesellschaft umsehen, sich noch mehr über sie wundern und unterhaltsam, mit viel Humor und gerne auch mit Spott das zeigen, was schief läuft. Ging es das letzte Mal um ein Bildungs- und Gesellschaftssystem, das ihre Kinder am Leben vorbei ausbildet bzw. mittels Spielkonsolen und unkritischem Gebrauch des Internets verblöden lässt, geht es in ihrem neuen Buch um die Frage, mit welch verquasten, vor allem aber uninformierten Glaubenssystemen die Menschen eigentlich ihr Leben zu stützen suchen.

Und so hatte das Publikum viel Spaß mit Berichten von Christen und Kirchen, die nicht mehr wissen, was sie tun. Wenn Schwiegermütter meinen, bei der Taufe wird der Schutzengel herabgerufen, von Leuten, die 20 Jahre nicht in der Kirche waren und auf einmal kirchlich heiraten wollen und keine Ahnung haben, was das bedeutet. Quasi interaktiv bat Bonner sich mal vorzustellen, was wäre, wenn Jesus in die nach ihm belabelte, „christliche“ Welt zurückkommen würde und nur feststellen muss, dass eigentlich nichts nach seinen Geboten läuft. Sie berichten aber auch von Esoterik-Messen und Esoterik-Sendern mit ihren Wunderheilern, die Steine, Kinder und was ihnen sonst noch in den Weg kommt, „energetisch aufladen“ und ihre „Credotainment-Artikel“ verkaufen wollen. „Das spirituelle Buffet war noch nie so bestückt wie heute“, so Bonner.

Die Ansage des Abends war klar: „Wir sind gottlos glücklich“, dafür werben Hinz und die diversen Organisatoren des Abends, die für sich Religion zum Leben nicht brauchen: Der Düsseldorfer Aufklärungsdienst, die Giordano-Bruno-Stiftung, der Internationale Bund der Konfessionslosen und Atheisten, Religionsfrei im Revier in Kooperation mit dem Veranstaltungshaus. Mit zahlreichen kleinen Aktionen drumherum machte Hinz, für die der Atheismus eine Herzensangelegenheit ist und die als Filmemacherin über Karlheinz Deschner bekannt geworden ist, ein Event aus der Lesung, kirchenkritische Karrikaturen wurden während der Lesung an die Wand projeziert und eine Band spielte ein Intro.

„Wir machen Bücher zu Themen, die uns vor allem persönlich angehen“, sagt Bonner gegenüber buchmarkt.de. Mit ihrem Buch kamen sie zu einer klaren Ansage, die in den Kirchen oft fehlt und die Beichte und Buße fordern, aber selbst nicht zu ihrer Vergangenheit (Hexenverbrennung) stehen kann. So berichteten Teilnehmer der Veranstaltung von ihren Bemühungen verbrannte Hexen rehabilitieren zu lassen und den Protest der katholischen Kirche dagegen. Kaum ein Zuhörer, der nicht von der Ausformung einer Glaubenswelt erzählen konnte, über die die heutige Zeit hinweggegangen zu sein scheint. Insofern erlaubte die Lesung das befreiende Lachen über eine in sich verkrümmten Gesellschaft, aber so mancher hat vielleicht auch über sich selbst gelacht…

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