Freitags um fünf: Was bewegt jetzt die Branche? Michael Lemsters Frage der Woche an Literatur-Agent Bastian Schlück.
Bastian Schlück ist seit 2005 Geschäftsführer der Thomas Schlück Agentur für Literatur und Illustration. „Auf Bücherkisten groß geworden“, wie er selber schreibt, durchlief er wie Agenturgründer Thomas Schlück zunächst eine Bankausbildung, bevor er Literatur studierte und, damit auf beiden Seiten der Medaille Buch beschlagen, ins Unternehmen eintrat. Das E-Book „Weihnachtsglanz“ wurde vor sechs Wochen publiziert und versammelt Erzählungen seiner deutschsprachigen Autoren.

Foto: Tanja Heitmann
Bastian Schlück, Sie tun es Agenten-Legende John Brockman nach und versuchen sich als E-Verleger – zufrieden mit dem Resultat?
Bastian Schlück: Wir kennen das Resultat noch nicht, da das E-Book gerade erst gestartet ist. Dieser Markt kennt ja keinen Einverkauf im Handel. Bis Weihnachten ist noch lang hin, die Marketing-Aktionen gehen erst später richtig richtig los. Im nächsten Jahr sehen wir weiter.
Erzählen Sie ein wenig über das E-Book und seine Geschichte!
Bastian Schlück: Wir wollen einfach sehen, wie das ist, ein E-Book zu veröffentlichen. Allerdings begreifen wir uns nicht als Verleger, da wir den Partner epubli gewonnen haben, der einen großen Anteil daran hat, dass „Weihnachtsglanz“ auf vielen Plattformen erhältlich ist. Auch die Transformation ins E-Book-Format und das Marketing werden von epubli geleistet.
Nach ihren Anfängen als deutsche Vertretung amerikanischer und englischer Verlage hat die Thomas Schlück Agentur sich ein beeindruckendes zweites Standbein als Vertretung deutschsprachiger Autoren geschaffen – Ihre Liste zeigt 175 Namen, viele von ihnen regelmäßige Gäste der Bestsellerlisten. Etliche haben am E-Book mitgeschrieben. Was waren die Auswahlkriterien, und warum haben so viele Prominente ja gesagt?
Bastian Schlück: In erster Linie wollen wir zeigen, welche Breite über die verschiedenen Genres die Autoren unserer Agentur repräsentieren. Auch die Autoren sind natürlich sehr interessiert, wie sich der Markt entwickelt. Daher waren viele gern bei diesem Experiment dabei. Auch der karitative Aspekt war vielen wichtig.
Wie viel haben Sie bereits verkauft?
Bastian Schlück: Das kann ich Ihnen noch gar nicht beantworten.
Welche Erfahrungen haben Sie mit Apple als Geschäftspartner gemacht?
Bastian Schlück: Das ist eine Frage, die Sie epubli stellen müssen.
Nun wollen Sie ja nicht einfach die Welt weihnachtlich inspirieren, sondern Sie selbst schreiben auf der Facebook-Seite des Projekts, dass Sie etwas über den Markt herausfinden wollen. Was ist das?
Bastian Schlück: Wir durchleben gegenwärtig einen spannenden Prozess, nämlich den, wie sich vor unseren Augen in hoher Geschwindigkeit ein neuer Buchmarkt entwickelt. In Deutschland hat er sich definitiv noch nicht entwickelt, aber schauen wir einmal in die USA. Dort gibt es praktisch keinen erzählenden Text mehr, der nicht früher oder später als E-Book publiziert wird. Eher bekommt ein Buch kein Hardcover oder keine Taschenbuch-Verwertung. Barnes & Noble prognostiziert, dass bis 2015 der Markt für gedruckte Bücher um ein Drittel schrumpfen wird. Ob das so eintrifft, wissen wir nicht – ob es in Deutschland eine ähnliche Entwicklung gibt, genauso wenig. Noch weniger kennen wir die künftige Rollenverteilung zwischen Autor, Agentur, Verlag und Handel im elektronischen Markt. Als Agentur deutschsprachiger Autoren nehmen wir traditionell den Verlagen eine eigentlich verlegerische Aufgabe ab, nämlich die der Vorselektion von Texten und Autoren mit Blick auf die Eignung für ein bestimmtes Programm. Bei „Weihnachtsglanz“ nehmen wir zusätzlich die Lektoratsfunktion wahr: die Aufgabe, Autoren bis zur Satzreife zu betreuen. Wir sprechen mit allen Beteiligten am Markt, aber wie die Rollen- und Gewinnverteilung aussehen wird, erfahren wir nicht allein durch Gespräche. Wir müssen es selbst ausprobieren. Das sind wir auch unseren Autoren schuldig.
Sie positionieren „Weihnachtsglanz“ als Non-Profit-Projekt, dessen Erlöse Sie aufteilen zwischen einem lokalen karitativen Projekt und [Writers in Prison. Zählen Autoren Ihrer Agentur zu den Betroffenen?]
Bastian Schlück: Nein, zum Gück nicht. Wir unterstützen Writers in Prison bereits seit Jahren. Auch mit diesem Projekt möchten wir diese globale Organisation, die mit unserer Branche eng verbunden ist, unterstützen. Ergänzend haben wir ein lokales Hilfsprojekt ausgesucht.
Mit „Weihnachtsglanz“ ist die Thomas Schlück Agentur auf Facebook zur beliebtesten literarischen Agentur geworden. Steckt eine Social Media-Strategie dahinter?
Bastian Schlück: Mit Facebook wollen wir unseren Autoren eine weitere Plattform mit Verlinkungsmöglichkeit geben und zeigen, dass wir dort auch aktiv sind. Das gehört heute einfach dazu.
Werden sich im digitalen Markt der Zukunft die Machtverhältnisse grundlegend umkehren? Werden also Autoren ohne die Hilfe von Agenten, Verlagen und Handel, gestützt allein auf die Mechanismen des Internet, bekannt werden?
Bastian Schlück: Für mich ist das nicht absehbar. Beim Musik-Download, der seit Jahren weltweit ein Massenmarkt ist, haben die Verlage trotz einzelner Experimente wichtiger Künstler nach wie vor die Oberhand. Die Kunden konsumieren das, was die Verlage bekannt gemacht haben, einfach auf einem zusätzlichen Weg.

Michael Lemster, als langjähriger Programmleiter von buecher.de ein „Urgestein“ des elektronischen Buchhandels, berät Verlage, Buchhändler, Dienstleister und E-Commerce-Unternehmen bei Geschäftsentwicklung, Programm und Datenprozessen. Katalogdaten sind sein Spezialgebiet. Daneben veröffentlicht er Reportagen und Interviews.







