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Die Befreiung von den Büchern. Das Ende einer Last?

Günter Karl Bose

Zu diesem Thema sprach gestern Abend Prof. Günter Karl Bose im Museum für Angewandte Kunst in Frankfurt am Main.

Der Professor für Typografie und Schrift am Institut für Buchkunst an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig ging der Frage nach, wie die digitale Revolution die Vorstellung vom Wesen des Buches verändert hat.

Das Buch ist zu einem Medium unter anderen geworden – aber was bedeutet das? Noch immer überfluten jährlich fast 96.000 Neuerscheinungen (2010) den deutschen Markt. Doch bereits vor 60 Jahren wurde der Grundstein für Computer gelegt. Bose erinnerte in diesem Zusammenhang an den Mathematiker Alan Turing, der die ersten Berechnungsvorschriften entwickelte und 1947 die erste Maschine, deren Grundlagen programmierbare Algorithmen bildeten, in London vorstellte.

Auf den akribischen Überblick zum deutschen Buchhandel, nämlich auf Das Schicksal der Bücher und der Buchhandel von Hans Ferdinand Schulz, 1952, wies Günter Karl Bose ebenfalls hin.

Auch Marshall McLuhan und sein 1962 erschienenes Buch The Gutenberg Galaxy spielten eine Rolle. Löst sich das Wissen der Welt tatsächlich in Zahlen auf? Ist aus El Lissitkys typografischer Plastik längst ein indifferentes Problem geworden?

„Die Arbeit der Typografen konzentriert sich heute auf Rückgriffe“, konstatierte Günter Karl Bose. Andererseits ist seit den Prophezeiungen, dass die Bücher aussterben werden, eine neue Aufmerksamkeit für das Gedruckte entstanden. Noch haben Computer und Lesegeräte weltweit dem Buch nicht den Rang abgelaufen. Und: Diese Geräte benötigen ziemlich viel Strom, dieser Fakt bedeute jedoch nicht zwangsläufig eine Renaissance des Buches.

So ergibt sich eine Ambivalenz zwischen Schwere des Gedruckten, Analogen und Leichtigkeit, aber auch Flüchtigkeit des Digitalen, die für das Überleben des Buches sorgen könnte.

Der Philosoph Jaques Derrida (1930-2004) meinte in seiner Grammatologie 1967, dass das Ende des Buches den Anfang der Schrift bedeute. Auch darauf wies Bose hin.

Das Publikum, überwiegend dem Gedruckten eher zugeneigt als digitalen Büchern, hörte dem mit Fotos illustrierten Vortrag gespannt zu und fragte am Ende hoffnungsfroh: Das Buch wird also überleben?
„Das hängt ganz von der Gesellschaft ab“, antwortete Günter Karl Bose. „Wir alle sind verantwortlich für unsere visuelle Kultur.“ Der Hochschullehrer konnte sich eine Bemerkung zur gegenwärtigen Entwicklung in Deutschland nicht verkneifen; hier sei die Qualität von Typografie und Grafik-Design verglichen mit anderen europäischen Ländern eher traurig. Das habe mit öffentlicher Unkultur zu tun. Junge Typografien erhielten für ihre Projekte kaum Chancen.

Der Vortrag fand im Rahmen der Ausstellung Double Intensity. 30 Jahre Verlag Brinkmann & Bose statt.

JF

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