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Christian Beiersdorf – brauchen Gesellschaftsspiele Autoren?

Freitags um fünf: Was bewegt jetzt die Branche? Michael Lemsters Frage der Woche an Christian Beiersdorf, Vorstandsmitglied der Spiele-Autoren-Zunft, des international führenden Interessenverbandes der Spieleautoren.

Christian Beiersdorf, Spieleautor Wortmeister, Solito, Der goldene Schlüssel und Spieleagent, beschäftigt sich seit 27 Jahren mit Gesellschaftsspielen. Lange Jahre war er Produktmanager in Spieleverlagen , z.B. bei Ravensburger. Die Spiele-Autoren-Zunft hat sich für 2012 vorgenommen, Spieleautoren in Handel und Presse den gebührenden Stellenwert zu verschaffen.

Christian Beiersdorf

Christian Beiersdorf, Spiele sind für den Buchhandel eine interessante Warengruppe und besonders im vierten Quartal in aller Munde. Sie haben den Zeitpunkt für Ihre Demarche klug gewählt…

Christian Beiersdorf: Dass der Buchhandel zunehmend an Spielen interessiert ist, freut uns besonders, da wir hier einen Vertriebsweg finden, der im Gegensatz zum markenfixierten Spielwarenhandel mit Autoren vertraut ist. Wir hoffen, dass der Buchhandel, weil er es anders gewohnt ist, anders agiert und unsere Besonderheit bei der Werbung und Pressearbeit entsprechend berücksichtigt. Wir wollen aber auch den Onlinehandel dazu bewegen, die Autorennamen als Datenfeld in die Kataloge einzufügen, das wie der Name eines Romanautors oder Musikers verlinkt ist und zu anderen Spielen desselben Autors führt.

Mal im Ernst: wozu braucht ein Spiel einen Autor? Fließt in ein Spiel, wie wir es auf dem Ladentisch sehen, nicht in erster Linie das technische und gestalterische Know-how des Verlags ein?

Christian Beiersdorf: Ein Spiel ist ein Gesamtkunstwerk. Ohne die Grundidee, die schrittweise zu einem Regelwerk, einer Gesamtkomposition wird und in der Folge ihr Spielmaterial findet, geht es nicht. Natürlich geht es auch nicht ohne die Gestaltung und technische Ausstattung durch den Verlag.

Glauben Sie wirklich, die Kunden merken sich die Namen der Spiele-Autoren?

Christian Beiersdorf: Aktuell würde ich sagen: nein, noch zu wenig. Während gespielt wird, seit es Menschen gibt, haben Spieleautoren noch eine zu kurze Geschichte. Dass Spieleautoren flächendeckend auf der Packung genannt werden, ist neu – erst 1988 kam es zu einer Proklamation von 13 Spieleautoren, die einander versprochen haben, nicht mehr mit Verlagen zu arbeiten, die den Autor nicht auf den Schachteldeckel bringen. Es gibt noch Verlage, die „Spielidee“ schreiben, das ist aber urheberrechtlich problematisch, da eine Idee nicht schützbar ist. Wir liefern letztlich Werke ab, die urheberrechtlich geschützt sind. Damit sind wir genauso Autoren und Kulturschaffende wie andere, die Bücher oder Musik machen. Ein Autor gibt einem Spiel noch dazu eine Personality, man kann medial was damit machen. Das wird noch zu wenig genutzt, ins Feuilleton schaffen wir es selten.

Versäumt der Handel hier also etwas im Marketing?

Christian Beiersdorf: Würde ich schon sagen. Wenn ich zum Beispiel an den Buchhandel denke – warum nicht neben den klassischen Autorenlesungen auch Spieleabende oder -präsentationen mit unseren Autoren? Viele von uns sind Geschichtenerzähler und können die spannende Entwicklung von Spielen transparent machen.

Wie ein Roman oder ein Musik-Album entsteht, kann der durchschnittlich informierte Mensch sich vorstellen. Aber wie entsteht ein Brett- oder Kartenspiel?

Christian Beiersdorf: Ganz unterschiedlich. Jeder Autor geht völlig anders heran. Es gibt Autoren, die haben ein Thema und versuchen, daraus ein Spiel zu entwickeln. Das kann ein völlig freies Thema sein. Es gibt aber auch Verwandlungen literarischer Themen, da ist eine starke Verbindung zum Buchhandel. Andere haben eine witzige Idee, die völlig abstrakt ist oder aus dem Material kommt. Daraus entsteht ein Exposé mit einer Kurzbeschreibung und vielleicht Fotos von den Prototypen. Ein spielbarer Prototyp gehört schon hinzu. Wir haben dazu eine Ausstellung, die wir auch ausleihen, z.B. an den Buchhandel oder an Bibliotheken.

Vertritt Ihre Organisation auch die Erfinder von Bildschirmspielen?

Christian Beiersdorf: Nein. Zwischen den beiden Branchen herrscht auch medial ein gewisser Geist des Wettbewerbs. Die Screen-Game-Hersteller versuchen den Begriff „Spiel“ für sich zu monopolisieren, auch im Sinne von Spiel als Kulturgut. Zunehmend interessant werden für uns App-Entwicklungen und Adaptionen von Brettspielen. Da wächst durch die technische Entwicklung etwas zusammen, das wir beobachten müssen, damit dieser Markt nicht an uns vorbeigeht und wir auch die urheberrechtlichen und vertraglichen Probleme in den Griff kriegen.

Was haben Sie sonst noch auf der Agenda?

Christian Beiersdorf: Für nachhaltige PR sorgt seit 2004 unser ALEX-Medienpreis, der Journalisten auszeichnet, die das Erlebnis Spielen einer breiten Öffentlichkeit näherbringen. In diesem Zusammenhang haben wir unter anderem gesehen, dass der Hörfunk faszinierende Möglichkeiten bietet.

Ihr persönliches Lieblingsspiel?

Christian Beiersdorf: (zögert lang) Je mehr man kennt, desto schwieriger kann man diese Frage beantworten, aber eher schnelle Spiele wie Can’t Stop von Sid Sackson als stundenlange Strategiespiele.

Michael Lemster, als langjähriger Programmleiter von buecher.de ein „Urgestein“ des elektronischen Buchhandels, berät Verlage, Buchhändler, Dienstleister und E-Commerce-Unternehmen bei Geschäftsentwicklung, Programm und Datenprozessen. Katalogdaten sind sein Spezialgebiet. Daneben veröffentlicht er Reportagen und Interviews.

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