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Dr. Albert Carr-Neval – schon wieder eine Verlagspleite in Köln – was haben die Kölner an sich?

Freitags um fünf*: Was bewegt jetzt die Branche? Michael Lemsters Frage der Woche an Unternehmens- und Insolvenzberater Dr. Albert Carr-Neval.

Der Düsseldorfer Dr. Albert Carr-Neval ist Unternehmens- und Insolvenzberater und einer der profundesten Kenner gerade der dunklen Seiten der rheinischen Verlags-, Medien- und Entertainment-Szene. Bekannt wurde er 1999 als Führer der Düsseldorfer Delegation in den Verhandlungen mit dem Kölner Stadtrat zur Übernahme der Unterhaltskosten für den Kölner Dom nebst Umzug des Bauwerkes. Auf den spektakulären Abbruch der Gespräche spielt der beliebteste Kölner Karnevals-Song Mer losse d‘r Dom in Kölle an.

Dr. Albert Carr-Neval (Mitte)
im Gespräch mit ranghohen Vertretern des
Bundesjustizministeriums

Dr. Albert Carr-Neval, schon wieder kündigt sich eine spektakuläre Insolvenz in der Kölner Medienlandschaft an: warum immer wieder Köln?

Dr. Albert Carr-Neval: Entschuldigen Sie, ich weiß nicht, von welcher drohenden Insolvenz Sie gerade sprechen.

Gibt es da denn mehrere?

Dr. Albert Carr-Neval: Wir haben immer einige Verdachts-Kandidaten: etwa einen großen Privatverlag, der erst kürzlich aus der Provinz zugezogen ist. Haben Sie sich noch nicht gefragt, warum der nicht – wie es jetzt viele machen – nach Berlin gezogen ist? Wenn ein Verlag schon bei den Umzugskilometern sparen muss, dann ist das doch ein Alarmzeichen ersten Ranges.

Gibt es etwas Spezifisches in der kölschen Psyche, das zu großen Verlautbarungen bei schwachem Geschäft und auf schwacher kaufmännischer Grundlage verleitet?

Dr. Albert Carr-Neval: Gesamtwirtschaftlich ist dies sicher nicht der Fall. Spektakulär Geld in den Sand gesetzt wird nicht nur am Rhein, sondern auch z.B. am Main. Allerdings dürfen Sie nicht vergessen, dass Köln eine der ältesten Städte Deutschlands ist. Und wenn alte, vielleicht überalterte, Strukturen mit Modernisierungsdruck konfrontiert werden, führt dies in Köln manchmal zu dem Phänomen der „einstürzenden Altbauten“. Eine Art Tunneleffekt – denken Sie an das Stadtarchiv.

Welchen Beitrag leistet der sprichwörtliche rheinische Größenwahn?

Dr. Albert Carr-Neval: Dazu ist mir kein Sprichwort bekannt! Und ich bezweifle offen gesagt, dass irgendjemand ein solches Sprichwort kennt – ausgenommen die Regionen, die die Rheinländer argwöhnisch-neidisch beäugen: Hessen, Schwaben, Niedersachsen, Hanseaten. Tatsache ist allerdings, dass der durchschnittliche Kölner an sich schon sehr kommunikativ ist – wo sonst finden Sie sprechende Stumme Zeitungsverkäufer? So etwas kann sich nur ein Kölner ausgedacht haben. Und wenn ein kommunikativer Volksstamm auf eine kommunikative Branche trifft, ist das Ergebnis vorauszusehen. RTL ist das spektakulärste Beispiel dafür.

Die von C & A in Zusammenarbeit mit Roland Berger veröffentlichte Studie, der zufolge der volkswirtschaftliche Schaden durch zu vieles Reden in Deutschland 211 Mrd. Euro beträgt, sollte vor diesem Hintergrund bedenklich stimmen…

Dr. Albert Carr-Neval: Allerdings rechnet eine große Werbeagentur gegen, dass die Schäden durch zu weniges Reden sich mindestens auf den doppelten Betrag belaufen…

… vermutlich eine Kölner Werbeagentur…

Dr. Albert Carr-Neval: Diese Schäden resultieren nicht allein aus dem Verzicht auf öffentliches Reden, sondern auch und hauptsächlich aus dem Verzicht auf innerbetriebliches Reden.

… und wenn der Verzicht auf innerfamiliäres Reden noch hinzugerechnet wird, könnte der Schaden leicht in die Billionen gehen.

Dr. Albert Carr-Neval: … sofern Sie die positiven volkswirtschaftlichen Effekte vernachlässigen, die der resultierende Ersatzkonsum mit sich bringt.

Als da wäre?

Dr. Albert Carr-Neval: Das Lesen zum Beispiel. Eine recht alte Kommunikationsform, die sich aber nach wie vor als führende Art der asynchronen Verständigung positioniert. Heute spielt sich das Lesen zwar zunehmend auf Bildschirmen ab, scheint aber so gut etabliert, dass ein Absterben nicht absehbar ist.

Nun ist das Lesen als altmodisch ins Gerede geraten, auch von Analystenseite…

Dr. Albert Carr-Neval: Das mag zwar sein, aber aus dem Blickwinkel des Kommunikationsergebnisses betrachtet, hat asynchrone Kommunikation zahlreiche Vorteile.
1.Sie können sich den Sender aussuchen.
2.Sie können die Kommunikation abbrechen, wenn Sie feststellen, dass das Gesendete dummes Zeug ist.
3.Sie können wählen, ob Sie etwas zurücksenden.
4.Sie bestimmen den Zeitpunkt der Rücksendung und können damit beeinflussen, ob Ihre Botschaft dummes Zeug ist. Da gibt es keine Grenzen nach unten oder oben – außer denen, die Ihr Intellekt und Ihre Selbstkritik Ihnen setzen.

* Mit Ausbruch der 5. Jahreszeit ändert sich auch regional die die Uhrzeit: Im Rheinland z.B. ist es jetzt um 5. Befragen Sie die Gebrauchsanweisung Ihrer Digitaluhr, wie das mit dem Zeitumstellen geht. Die Redaktion übernimmt wie immer keine Haftung.

Michael Lemster, als langjähriger Programmleiter von buecher.de ein „Urgestein“ des elektronischen Buchhandels, berät Verlage, Buchhändler, Dienstleister und E-Commerce-Unternehmen bei Geschäftsentwicklung, Programm und Datenprozessen. Katalogdaten sind sein Spezialgebiet. Daneben veröffentlicht er Reportagen und Interviews.

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