
Schon bevor Eugen Ruge (Foto) den Deutschen Buchpreis für seinen Debüt-Roman In Zeiten des abnehmenden Lichts (Rowohlt) erhielt [mehr…], ging sein Buch ganzseitig durchs Feuilleton. Kurz vor der Buchpreisverleihung erhielt er den Apekte-Literaturpreis, damit wäre er eigentlich für die Buchpreis Jury “durch“ gewesen. Ganz anders in diesem Jahr…
Herr Ruge, wie fühlt man sich, wenn man für seinen Debütroman gleich drei der wichtigsten Literaturpreise erhalt: Döblin-, Aspekte- und Deutschen Buchpreis?
Eugen Ruge: Gut fühlt sich das an. Allerdings bin ich auch kein Anfänger. Ich tue seit 20 Jahren nichts anderes als schreiben, bin aber des öfteren mit meinen Texten auf die Nase gefallen. Ich habe einige Theaterstücke geschrieben, aber jetzt einen Roman – das war schon etwas anderes.
Als Sie für den Döblin-Preis vorlasen, soll Günter Grass vor Spannung die Pfeife ausgegangen sein, heißt die Verlagswerbung. Wahrheit oder ein schöner Gag?
Das hat Rowohlt aus einem FAZ-Artikel übernommen. Und ich kann bestätigen, daß es sich nicht um einen Werbegag handelt. Grass hat in dem Haus, in dem die Lesung stattfindet, gewisse Vorrechte. Genauer gesagt, das Vorrecht, als einziger während der Veranstaltung zu rauchen. Und das tat er auch ausgiebig. Bei meiner Lesung – wenn man schnell mal einen Blick über den Manuskriptrand wirft – sah ich dann, wie er aufhörte, an seiner Pfeife zu ziehen, die Hand sank herunter, sein Gesicht nahm einen gespannten Ausdruck an. Ob die Pfeife tatsächlich ausgegangen ist, kann ich natürlich nicht mit letzter Sicherheit bestätigen…
Als Tellkamp für seinen „Turm“, also auch eine Thematik um die untergehende DDR, den Buchpreis bekam, sollen Sie Zweifel gehabt haben, ob es sinnvoll ist, weiterzumachen. Was gab den Ausschlag für Sie, nicht aufzugeben?
Nun ja, ich habe gezweifelt, ob ich für mein Buch jemals einen Verlag finden werde, und nach Tellkamps Erfolg hätte es auch sein können, daß kein Verlag mehr für ein solches Thema zu begeistern ist. Aber ich hätte das Buch trotzdem zu Ende geschrieben, auch wenn sich kein Verleger dafür interessiert hätte.
Ihr „Roman einer Familie“ erzählt viel von Ihrer eigenen Familie: Exil der Großeltern in Südamerika, Exil der Eltern in der Sowjetunion mit den üblichen Folgen in der Stalinzeit: Gulag. Was hat die Beschäftigung mit der kommunistischen Vergangenheit Ihrer Familie mit Ihnen getan, der – anders als Ihre Romanfigur Alexander – bereits 1988 die DDR verließ?
Es ist nicht so, daß ich zum Schreiben erst einmal alles recherchieren mußte. Die Geschichte meiner Familie kannte ich ganz gut. Mein Vater hat zu DDR-Zeiten an seinen Memoiren gearbeitet – das alles war mir aus seinen Erzählungen bekannt. Diesen Text dann allerdings in seiner komprimierten Form zu lesen, fand ich schon sehr bedrückend. Und mein Vater war ja nicht der einzige, den das Schicksal in den Gulag gebracht hat… Aber, ich habe meinen Roman nicht aus therapeutischen Gründen geschrieben, weil die Familiengeschichte endlich einmal raus mußte, sondern aus Lust am Erzählen, aus Lust an den Geschichten.
Ich kenne die Werke Ihres Vaters Wolfgang Ruge zur Weimarer Republik recht gut – faktenreich, sehr lesbar geschrieben und vor allem: ideologisch keineswegs so aufgebrezelt wie sonst in der DDR üblich. Wie hat Ihr Vater das eigentlich alles verkraftet: Gulag, Aufstieg in der DDR bis zum Nationalpreis, und in der Schublade ein Manuskript zu einer Lenin-Biographie, von der klar war, daß sie niemals in der DDR erscheinen wird?
Die Lenin-Biographie (erschienen bei Matthes & Seitz) hat er erst nach der Wende geschrieben. Zu DDR-Zeiten hat er an seinen Erinnerungen gearbeitet – also an einem Projekt, von dem er wußte, daß es keiner drucken würde. Im Buch habe ich auch erzählt, wie Kurt, meine Romanfigur, „tickt“. Er war Zeitlebens ein marxistischer Historiker, und selbst seine Leninbiographie, an der er in den letzten Jahren seines Lebens gearbeitet hat, ist durchaus aus der Sicht eines marxistischen Historikers geschrieben. Auch wenn es eine Komplettdemontage Lenins ist. Aber das ist eben auch das Besondere an dieser Generation: Die Leute haben durchaus gemerkt, daß seit der Oktoberrevolution grundsätzlich etwas schief ging; aber das hat ihren Glauben an eine andere Gesellschaftsordnung nicht zerstören können. Nehmen Sie die Zeit nach Stalins Tod. Da dachte man ja, daß nun alle die Verbrechen aufgearbeitet werden würden – und dann hätte es einen menschlichen Sozialismus geben können. Was freilich auch nur wieder ein Irrglaube war…
Tellkamps „Turm“ ist auch erfolgreich auf die Theaterbühne gebracht worden. – Nun sind Sie selbst Dramatiker, denken Sie schon über die Bearbeitung Ihres Stoffes nach? Und wenn ja: Welchem Theater gilt Ihre Vorliebe?
Ich habe meinen Stoff zuerst als Theaterstück geschrieben. Aber die dramatische Form dürfte für meine Geschichte zu klein sein: und selbst der Roman erzählt nicht alle Geschichten. Ich weiß nicht, ob das Buch für die Bühne taugt, darüber muß ich noch nachdenken.
Unvermeidliche Journalistenfrage: Was kriegen wir als nächstes von Ihnen zu lesen?
Das werde ich natürlich nicht verraten. Es war mir schon unangenehm, daß nach dem Döblinpreis alle in meinen Text schauen konnten. Aber wie gesagt, ich schreibe seit 20 Jahren, 50 Prozent davon ist für den Papierkorb, aber vielleicht kann ich ja an dieser Quote etwas ändern. Ich werde also das tun, was ich seit Jahrzehnten tue: Mich früh an den Schreibtisch setzen und arbeiten. Es sind längst noch nicht alle Geschichten erzählt. – Was ich darüber hinaus wirklich gern täte: mein Stück „Vom Umtausch ausgeschlossen“ selbst zu inszenieren.
Die Fragen stellte Ulrich Faure.