
Man könne – so dick sei die Ausgabe – einen Seehund damit erschlagen: So lautete die verblüffte Reaktion des Komitees Sagenhaftes Island auf den in jeder Hinsicht gewichtigen Buchmesseschwerpunkt-Band der Literaturzeitschrift die horen über Islands Atomdichter. Druckfrisch liegt dieser Wälzrer mit mehr als 400 Seiten nun vor; eine Anthologie über den Aufbruch isländischer Dichtung in die Moderne, wie es sie selbst in Island nicht gibt.
Man darf ohne Übertreibung sagen: Ohne die horen wäre das diesjährige Buchmessenschwerpunktthema nicht denkbar. 1986 begab sich das Blatt erstmals auf Entdeckungsreise der in Deutschland damals völlig unbekannten isländischen Literatur: Bis dato kannte man hierzulande allenfalls Halldor Laxness, und den auch nur, weil er 1955 den Literaturnobelpreis erhalten hatte. Der Band schlug ein wie eine Bombe und erlebte drei Auflagen. horen-Herausgeber damals und heute: Johann P. Tammen, Bandherausgeber damals und heute: Wolfgang Schiffer.
Der sich seit seinem ersten Besuch auf der Insel immer weiter umtat und persönliche Kontakte nicht allein zu Laxness selbst knüpfte. Wohl kaum ein zweiter dürfte mit der isländischen Literaturszene so vertraut und verwachsen sein wie er. Bereits 1991 erhielt Schiffer für seine Verdienste um die isländische Literatur (mittlerweile waren bei den horen auch Sonderbände zur isländischen Poesie erschienen sowie in den laufenden Heften regelmäßig isländische Autoren zu Wort gekommen) das Ritterkreuz des Isländischen Falkenordens und 1994 den Kulturpreis des Fonds Islands Banki.
Krönung des langjährigen Island-Entdeckungs-Programms der horen nun der vorliegende Band mit dem Titel „Bei betagten Schiffen“ (Titel eines berühmten Gedichts von Stefán Hörður Grímsson). Gestern wurde dieser Band von Johann P. Tammen und Wolfgang Schiffer im Bonner Kunstverein im Rahmen des Islandprogramms „Herzorte“ vorgestellt. Gedichte wurden rezitiert, und in Stimmencollagen wurden die damaligen Diskussionen um die Atomdichter wieder lebendig. So spannend war das alles, daß sich der Veranstaltung eine reichlich halbstündige Diskussion mit dem Publikum anschloß.
Und warum sind die Atomdichter der frühen 50er Jahre bis heute so spektakulär? (Die Bezeichnung geht übrigens auf den Roman Atomstation zurück, für den Laxness den Nobelpreis erhielt.) Weil diese Dichter nach dem Zweiten Weltkrieg es wagten, an den Grundfesten des isländischen Literatur (den Sagas) zu rütteln, weil sie die vorgeschriebenen strengen Versmaße (mit etwa 400 zu beachtenden Regeln!) aufbrachen und den Anschluß an die Moderne schafften. Natürlich nicht ohne erbitterte Widerstände und Anfeindungen der Traditionalisten – und ein angesehener Literaturprofessor schaffte es sogar, noch in den 50er Jahren für diese neue Dichtkunst das Wort „entartet“ in den Mund zu nehmen. Anders aber beispielsweise als die Dadaisten waren die Atomdichter nie bestrebt, das kulturelle Erbe abzuschaffen oder wenigstens zu desavouieren – nur um neue Ausdrucksformen ging es ihnen; und genau diese neuen Ausdrucksformen haben die Gedichte bis heute nicht altern lassen: die Atomgedichte haben sich ihre Frische bis heute bewahrt; ein „Verfallsdatum“ gibt es nicht.
Die isländische Avantgarde hat sich von allen Anfeindungen nicht beirren lassen. Was sie damals geschaffen hat, ist nun in repräsentativer Auswahl im horen-Band nachzulesen, verfolgen kann man hier auch anhand zeitgenössischer Essays und in zahlreichen Pressestimmen die Kontroverse. Noch nie hat es eine so umfängliche Zusammenschau der Werke dieser Aufbruchsgeneration gegeben. Ehe man mit dem Band also tatsächlich einen Seehund erschlägt, sollte man ihn unbedingt lesen.