
Amazon eröffnet in New York bald einen Flagship-Store für seinen Hörbuchdienst Audible. In dem Buchladen wird es keine Bücher geben.
Was ich aktuell noch nicht für massentauglich halte, birgt für viele Offline-Retailgeschäfte trotzdem einiges zum Denken. Muss eine Ladenfläche heute wirklich Lagerraum, Verkaufsfläche und Begegnungsort sein oder werden durch Onlineshopping und ein allgemeines Konsumverhalten nicht bald sowieso noch mehr Ladenflächen vor allem Show Rooms und Flagship Modelle?
Auch bei moderneren Buchhandlungen wie Literaturensohn in Berlin oder dem Sisu Lou Buchcafe in Braunschweig ist das Konzept des Third Spaces erfolgreich – also ein dritter Raum neben Arbeitsplatz und Zuhause ein immer größeres Bedürfnis für unsere Gesellschaft.
Auch die Buchbranche kann das beobachten: Buchmessen und Literaturfestivals, die explizit ein junges Publikum ansprechen erreichen neue Besucher:innenrekorde. Ob all diese Besucher:innen tatsächlich in der lokalen Indiebuchhandlung Stammkund:innen sind, bezweifle ich. Bei den großen Filialisten vielleicht auch noch.
Trotzdem sehnen sie sich nach Orten, wo sie sich zu Büchern austauschen können.
Eine Buchhandlung ist jetzt schon Begegnungsort und prägend für ihre lokalen Quartiere. Das wird und kann so bleiben. Auch ohne große neue Umstrukturierung.
Meine Lieblingsbuchhandlung in Berlin ist BuchBund in der Sanderstrasse. Die Buchhandlung hat weder einen richtigen Web- geschweige denn einen Social Media-Auftritt. Ich habe keine Ahnung von den Geschäftszahlen und kann mir leider vorstellen, dass es trotzdem nicht rosig läuft, aber etwas machen sie richtig.
Beziehungsweise eigentlich ist es vor allem eine Buchhändlerin – (Asia Pinkshot auf Instagram) und ich bin mir sicher, davon gibt es da draußen viele großartige:
Jeden Samstag wird die Buchhandlung zum Begegnungsort.
Wer reinkommt bekommt ein: Wenn ihr Fragen habt, gebt Bescheid.
Das ist eine Einladung, die gedeckt wird durch einen Tisch im hinteren Bereich an dem ich wechselnd und gemeinsam mit anderen Stammgästen sitze. Vor uns liegen Bücher, steht ein dampfender Tee und wir werden uns vorgestellt oder machen es selbst.
Die Buchhandlung wird damit zum Third Space. Wir besuchen den Ort, weil wir dort Zeit verbringen und neue Menschen kennenlernen. Sozusagen Kieztreffpunkt und sozialer Ankerpunkt für neue Begegnungen in bekanntem Umfeld. Nicht alle kriegen automatisch eine Einladung, sich an den Tisch zu setzen.
Aber wer Asia nach einer Empfehlung fragt oder versucht mit ihr ins Gespräch zu kommen, bekommt die Chance.
Wer zudem einen eigenen Charme mitbringt, bekommt die Chance mit einem Buch von Asia vor der Buchhandlung zu posieren. Die Fotos landen alle auf Instagram. Das Digital-Archiv ist mittlerweile enorm – an dieser Stelle ein Anruf an die Verlage: Macht mal ne Collab mit Asia, bitte!
Der Tee und das Wasser sind kostenlos. Asia redet manchmal mit, manchmal berät sie oder erledigt anderes. Wir sitzen und reden. Gehen, tauschen uns über Bücher aus und nicht selten werden auch mal Bücher gekauft.
Meine Vorstellung einer Buchhandlung der Zukunft ist also mehr Begegnungsraum mit Boutique-Buchshopping-Charakter. Klingt komplizierter als es ist und wenn man dann noch mit Einbindung der Stammgäste in Ideen für Events oder Aktivierung des Quartiers arbeitet, erreicht man viel mehr.
Wie dem auch sei: ich glaube an den Buchhandel und liebe ihn. Danke an alle, die weitermachen. Ich lese und kaufe so gut es geht Indie und freue mich, wenn ich da mit neuen Akteur:innen noch ins Gespräch komme.
Josia Jourdan
Josia Jourdan gehört zu den profiliertesten jungen Stimmen der Schweizer Buchszene. Mit 14 Jahren betrieb er den meistgelesenen Buchblog des Landes, heute ist er Autor des Essaybands Fehlfunktion und schreibt u. a. für die ZEIT, den Freitag und den Tagesspiegel. Er hat die Schweizer Buchbranche in digitalen Strategien und auf BookTok begleitet. Bei BuchMarkt veröffentlicht er seine monatliche Kolumne „Josias Branchenblick“.