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Berlin: Solidaritätslesung für Ai Weiwei

Ein ergreifender Auftritt gestern Abend in Berlin: Im Literaturhaus lasen Herta Müller, Norbert Bisky und Uwe Kolbe vorab aus der deutschen Übersetzung von Ai Weiweis verbotenem Blog [mehr…], die am 25 Juli im Verlag Galiani Berlin erscheint.

Uwe Kolbe, Hertha Müller, Norbert Bisky (v. l.)

Das Kaminzimmer im Literaturhaus war überfüllt, so wurde die Lesung zusätzlich auf Leinwand übertragen. Aber auch im großen Vorraum blieb kein Stuhl frei. Anlass für die kurzfristig anberaumte Lesung war der Berlin-Besuch einer chinesische Staatsdelegation mit Ministerpräsident Wen Jiabao.

Der wegen „Wirtschaftsverbrechen“ angeklagte chinesische Künstler Ai Weiwei kam zwar vor wenigen Tagen aus dem Gefängnis frei, er sei aber in eine „prekäre Freiheit“ entlassen worden, so Ernest Wichner, der Leiter des Literaturhauses, in seiner Begrüßung. Ai Weiwei darf Peking nicht verlassen und sich auch nicht über die Umstände seiner Verschleppung äußern.

Zwischen 2006 und 2009 schrieb er einen inzwischen berühmt gewordenen Blog über sein Leben, sein Werk und die Entwicklungen in China. Weil er mit Kritik nicht hinterm Berg hielt, schritten die Behörden ein: Der Blog wurde im Mai 2009 verboten, geschlossen und sein Inhalt gelöscht. Nun erscheinen die Texte unter dem Titel Macht euch keine Illusionen über mich. Der verbotene Blog, herausgegeben von Lee Ambrozy, ins Deutsche übersetzt von Hans Freundl, Oliver Grasmück und Norbert Juraschitz.

Lee Ambrozy habe die Texte für das Buch gemeinsam mit Ai Weiwei ausgewählt, sagte die Berliner Agentin Frauke Jung-Lindemann gestern am Rande der Lesung. Sie hatte die englische Ausgabe auf der Londoner Buchmesse entdeckt und an Galiani Verleger Wolfgang Hörner vermittelt.

Die Blogtexte gäben Ai Weiwei seine Stimme zurück, betonte Hörner. Der Blog lasse es an Dramatik nicht mangeln und zeige, wie Ai Weiwei immer stärker auf Konfrontationskurs mit der Regierung geht. „Man sieht einer Revolution beim Wachsen zu“, so Hörner. Nach der Löschung des Blogs habe Ai Weiwei weiter getwittert, was die Behörden besonders geärgert habe.

Sichtlich bewegt las Hertha Müller gemeinsam mit dem Schriftsteller Uwe Kolbe und dem Maler Norbert Bisky aus Ai Weiweis Texten. Das Schicksal des Künstlers rief Erinnerungen an Hertha Müllers eigene Verhöre wach. Sie sei zwar nie verhaftet worden, habe aber immer Angst vor falschen Anschuldigungen gehabt, sagte die Literaturnobelpreisträgerin sichtlich bewegt. Zugleich erinnerte sie an das Schicksal von Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo, der wie viele weitere Oppositionelle noch inhaftiert sei. Auch auf Sie müsse die Weltöffentlichkeit hinweisen.

ML

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