Home > Veranstaltungen > Ein Bericht und viele Bilder von der 48. Kinderbuchmesse in Bologna

Ein Bericht und viele Bilder von der 48. Kinderbuchmesse in Bologna

Über 1.200 Aussteller aus 65 Ländern waren angekündigt gewesen für die 48. Ausgabe der Internationalen Kinderbuchmesse in Bologna, die gestern nach vier Tagen zu Ende ging. Auch in Halle 30, in der sich die deutschsprachigen Verlage präsentierten, liefen rege Lizenzgespräche und zeigten Illustratoren ihre Mappen (s.a. unsere Bildstrecke am Ende dieser Meldung).

Ein Besuch in Bologna beginnt jedoch mit einem Rundgang durch die Libreria Ragazzi Giannino Stoppani an der Piazza Maggiore. Für das Team dort ist die Kinderbuchmesse ein zweites Weihnachtsgeschäft, präsentiert werden Bücher aus aller Welt, darunter auch die Gewinner des Bologna Ragazzi Awards [mehr…].

In der Libreria Ragazzi Giannino Stoppani

Da gefällt uns besonders „monsieur cent têtes“ von Ghislaine Herbéra, erschienen in der editions memo. Monsieur bereitet sich auf ein Rendez-vous vor und probiert hundert Masken aus, deren Herkunft am Ende des Buches in einem Glossar erklärt wird. Die Masken geben die Stimmungen wieder, zwischen denen Monsieur schwankt, zeigen, was es bedeutet, kopflos (sans têtes) vor Liebe zu sein und wecken die Lust am Verkleiden. Von derselben Künstlerin haben wir uns zuvor schon in „Le chat âme“ verliebt.

Eine weitere Entdeckung: Chiara Carrers „Un día“ beim mexikanischen Verlag Petra Ediciones hat bei den Ragazzi Awards eine lobende Erwähnung erhalten, die Künstlerin signiert bei Giannino Stoppani. Auch Vitali Konstantinov hat dort Spuren in seinem neuen Buch hinterlassen, das beim italienischen Verlag Emme Edizioni erschienen ist. Als ein Gewinner des letztjährigen Wettbewerbs zu Ehren von Gianni Rodari hat er dessen Text „Giacomo di cristallo“ illustriert. Für „Von den Sternen bis zum Tau“ (Text: Jens Soentgen, Peter Hammer Verlag) ist Konstantinov derzeit für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert.

Weiter geht es zum traditionellen Empfang der Arbeitsgemeinschaft von Jugendbuchverlagen [mehr…] am Vorabend der Messe, von dort aus ziehen kleine Grüppchen zum gemeinsamen Abendessen weiter. Der Treffpunkt der späten Abendstunden jedoch, die Neonbar, ist in diesem Jahr geschlossen. Offensichtlich herrscht dort akuter Renovierungsbedarf. Manch einer hatte sich aber schon im vergangenen Jahr von dem Ort abgewendet, der sich vor allem durch seinen Retro-Charme auszeichnete, und beispielsweise die Swinebar aufgesucht.

Hier geht es zur Messe …

Die Messe geht los

Und dann geht die Messe wirklich los. Montag Morgen bilden sich lange Schlangen an den Ticket-Schaltern, in der Eingangshalle dann die Präsentation des Ehrengastes Litauen und die Illustratoren-Ausstellung. Litauens wohl bekannteste Illustratoren sind Kestutis Kasparavicius und Stasys Eidrigevicius, ihre Bücher sind auch in deutschsprachigen Verlagen erschienen, allerdings weitgehend vergriffen. Eidrigevicius fertigt auch fantastische Masken, man erinnere sich an seine Titel bei Nord Süd und Sauerländer. Insgesamt stellen 32 Künstler aus Litauen ihre Bilder aus, die sich an einer weißen Holzwand auf- und zuklappen lassen.

Für die allgemeine Illustratoren-Ausstellung wurden von einer Jury (bestehend aus Paolo Canton, Carll Cneut, Pal’O L’Uboslav, Ellen Seip und Sophie Van Der Linden) 76 Künstler ausgewählt, eingereicht hatten 2.836 Kandidaten aus 58 Ländern. Im Katalog, dem Bologna Annual, wie immer organisiert von mindedition, kann man die Werke der Illustratoren-Ausstellung nachblättern. Das Cover hat diesmal die Hans-Christian-Andersen-Preisträgerin Jutta Bauer gestaltet.

Jutta Bauer und Nikolaus Heidelbach

Jutta Bauer und Nikolaus Heidelbach

Überhaupt ist die deutsche Illustrationskunst in diesem Jahr sehr präsent in Bologna. Von Jutta Bauer sind einige Bilder als Entrée der Illustratoren-Ausstellung zu bewundern. Nikolaus Heidelbach ist eine eigene Ausstellung unter dem Titel „Almost Alone. Drawings for everyone“ im Palazzo d’Accursio an der Piazza Maggiore gewidmet, die noch bis zum 18. April läuft. Eine schöne Veranstaltung läuft während der Messe im Illustratoren-Café: Da interviewt Nikolaus Heidelbach Jutta Bauer und teilt durch seine Fragen auch viel über seine eigene Sicht der Kinderbuch-Illustration mit.

Handwerkliche Nachlässigkeit bei der Illustration von Kinderbüchern regen sowohl Bauer als auch Heidelbach auf. Im Kinderbuch werde viel zu früh das ästhetische Besteck fallengelassen, meint Heidelbach. Bauer betont, Personen bräuchten Beseeltheit, Körper, Bodenhaftigkeit. Ergänzt aber: „Auch wenn man das Besteck hat, kann es Lust machen, mit den Fingern zu essen.“

In die Illustratoren-Ausstellung haben es vier deutsche Illustratorinnen geschafft: Judith Drews mit den Bildern ihres Berlin-Wimmelbuchs im Wimmelbuchverlag, Julia Neuhaus (von ihr gibt es ein Bilderbuch bei Hinstorff), Katrin Stangl (ein Buch der Troisdorfer Bilderbuchstipendiatin kommt im Herbst bei Carlsen) und die bislang unveröffentlichte Sonja Danowski, vor deren Bildern wir am längsten stehen bleiben. Schauen Sie mal hier: www.sonjadanowski.com/.

…Newcomerin Sonja Danowski

Die Ausgezeichneten

Besonders schön präsentiert werden die Illustrationen des letztjährigen Gewinners des International Award for Illustration der Bologna Kinderbuchmesse und der Fundación SM, Philip Giordano aus Italien. Der Preis ist mit 30.000 Dollar dotiert und geht in diesem Jahr an Page Tsou aus Taiwan.

Der nicht anwesende Shaun Tan aus Australien wiederum kann sich über gut 500.000 Euro freuen, er ist der Gewinner des Astrid Lindgren Memorial Awards [mehr…]. Sein deutscher Verlag Carlsen bringt gerade sukzessive Titel von Kitty Crowther (im Herbst z.B. „Anni Dulac“), die den ALMA im vergangenen Jahr gewann [mehr…]. Kitty Crowther erleben wir auf der Messe im Gespräch mit Joëlle Jolivet, deren Titel „Oups“ bei Carlsen für den diesjährigen Deutschen Jugendliteraturpreis [mehr…] nominiert ist.

Zeit also, in die Halle 30 zu wechseln und Einblick zu nehmen in die Herbstprogramme der deutschsprachigen Verlage. In diesem Jahr ist sogar der italienische Botschafter Deutschlands Michael H. Gerdts aus Rom angereist, um die deutschen Kollegen zu begrüßen. Am deutschen Gemeinschaftsstand mit neuem Design, der von der Frankfurter Buchmesse organisiert und vom Auswärtigen Amt unterstützt wird (und der auch auf Facebook aktiv ist: http://www.facebook.com/event.php?eid=177028652340117), trifft er auf Ulrich Störiko-Blume in seiner Funktion als avj-Vorsitzender. Gemeinsam mit der Direktorin der Internationalen Jugendbibliothek in München, Christiane Raabe, schlendert er weiter.


Das Bilderbuch: Gewagtes wagen

Die Szene wartet gespannt auf das neue Werk des bereits erwähnten Nikolaus Heidelbach. „Wenn ich groß bin, werde ich Seehund“ wird es heißen und bei Beltz & Gelberg erscheinen. Die ersten Farb-Ausdrucke, die wir zu sehen bekommen, sind schlicht umwerfend.

Carlsen traut sich, die schwarz-weiße „Hänsel und Gretel“-Interpretation des Italieners Lorenzo Mattoti aus dem Verlag orecchio acerbo zu bringen. Der Residenz Verlag feiert im Herbst das zehnjährige Bestehen seines Nilpferd-Kinderbuchprogramms, u.a. mit einem neuen Titel von Jens Rassmus, „Rosa und Bleistift“, in dem zwei Stifte in eine Kinderzeichnung eintauchen und mit Hilfe eines Radiergummis ein Monster verjagen.

Außerdem hat Walter Schmögler nach langer Pause für die Österreicher zum Stift gegriffen und Heinz Janischs Geschichte „Ein verrücktes Huhn“ illustriert. Auch eine neue Isabel Pin wird es bei Residenz geben, „Zehn brave Nilpferdkinder“ nach einem Text von Gerda Anger-Schmidt. Und Programmleiterin Cornelia Hladej hat noch mehr Highlights in der Tasche, denn das Jubiläumsprogramm wird neun Bücher plus ein Spiel enthalten.

Natalie Tornai, Michael Schmitt

Bloomsbury Kinder + Jugendbücher-Programmleiterin Natalie Tornai freut sich über die Zusammenarbeit mit Lisbeth Zwerger, die eine Weihnachtsgeschichte von Jeanette Winterson bebildert hat, die man aus dem Erwachsenen-Programm des Berlin Verlags kennt. „Der Löwe, das Einhorn und ich“ wird es heißen. Bei Bloomsbury setzt man außerdem eine eigene Marke im Trend, Pappen kunstvoll zu illustrieren. „Fritzi Mauseohr“ heißt eine neue Serie von Sybille Hein, die mit zwei Titeln – „Laut und Leise“, „Groß und Klein“ – startet.

Rotraut Susanne Berner, die ebenfalls auf der Messe unterwegs ist, erweitert für Gerstenberg ihre Pappbücher mit den Wimmlinger Geschichten um den Band „Armin“. Unverkennbares Vorbild ist ihr Mann Armin Abmeier, der sich als Buchhändler fragt, warum sein Laden morgens immer so unaufgeräumt ist. Die Lösung: Die Kinderbuchfiguren feiern Mitternachtspartys. Die Arbeit am Buch hat ganz schön lange gedauert, weil man ziemlich viele Rechte dafür klären musste.

Ein besonderes Bilderbuch hat Gerstenberg mit der französischen Lizenz „Les arbres pleurent aussi“ aus dem Verlag Rouerque eingekauft. Irène Cohen-Janca und Maurizio A.C. Quaraello erzählen in „Annes Baum“ Anne Franks Geschichte aus der Sicht des Kastanienbaums, der vor ihrem Versteck stand.

Bei Lappan gibt es einen neuen „Nulli und Priesemut“: Matthias Sodtke nimmt sich in „Bist du krank, Rolli-Bolli“ das Thema körperliche Behinderung vor. Moritz bringt ein Bilderbuch mit Revolver auf dem Cover: „Pfoten hoch!“ von Catharina Valckx und auch „Alle Kinder. Ein ABC der Schadenfreude“ von Antje Kuhl und Martin Schmitz-Kuhl (Klett Kinderbuch) überzeugt bereits mit dem Umschlag.

Nicole Sauerländer, Programmbereichsleiterin Bilderbuch bei Thienemann, sehen wir beim geduldigen Betrachten zahlreicher Mappen der Studenten, die sich an den Ständen der Messe zu den angeschriebenen Zeiten ihrerseits geduldig in Schlangen anstellen. Gerade ist Nicole Sauerländers ambitioniertes Projekt „Mobile – Eine Kuh auf der Suche nach Freundschaft“ von Verena Fels erschienen, das nach einem Animationsfilm als Bilderbuch umgesetzt und mit DVD ausgeliefert wurde.

Insgesamt wird übers Bilderbuch längst nicht mehr so viel geklagt wie vor einigen Jahren, vielleicht aber auch deshalb, weil beinahe alle über die Sparte Sachbuch klagen. Gerade Bologna ist eine der wohl größten Verführungen, sich auf spannende, herausfordernde Illustrationen einzulassen. Sei es in den zahlreichen Ausstellungen, sei es an den Ständen beispielsweise der französischen, italienischen oder spanischen Verlage.

Stets umlagert sind insbesondere die italienischen Verlage zoolibri, orecchio acerbo und Topipittori, viele deutsche Lektorinnen blicken sehnsuchtsvoll in Richtung des französischen Gemeinschaftsstands, bei den Spaniern sind es Stände wie der von OQO, an dem man Illustratoren aus aller Welt in Verzückung geraten sieht.

… ungewöhnliche Präsentation eines ungewöhnlichen Bilderbuchs …

Ein besondere Inszenierung bietet der tschechische Gemeinschaftstand: Er hat fünf Titel in den Vordergrund gestellt, u.a. „Chlebová Lhota“ von Dagmar Urbánkova (Baobab). Das Buch ist eine Mischung aus Zeichnungen und Fotos eines Dorfs, das aus Brot gebaut wurde. Und dieses Brot-Dorf hat man in Bologna aufgebaut, ein Stand, an dem fast jeder stehen bleibt.


Das Kinderbuch: Weiterhin dringend gesucht

Es ist nach wie vor gesucht: Das Kinderbuch, das die Herzen erobert. Die Problematik, dass alle nach All Age-Titeln schielen und deshalb das Kinderbuch zu kurz kommt, ist hier schon häufiger angesprochen worden. Schauen wir uns einen Ausschnitt aus der Herbst-Produktion an.

cbj bringt zeitgleich mit Goldmann und dem Hörverlag das All Age-Kinderbuch „Sieben Minuten nach Mitternacht“ heraus. Geschrieben hat es Patrick Ness nach einer Idee der verstorbenen Shiobdan Dowd. Es geht um ein Monster, das dem Jungen Conor sieben Minuten nach Mitternacht erscheint, eigentlich aber um den Verlust der todkranken Mutter. Ende August wird der illustrierte Titel mit zwei unterschiedlichen Covern erscheinen.

Willi Fährmann liefert ein neues Kinderbuch, sozusagen den „überaus starken Willibald, Teil 2“ (Arena) – „Lilli M., die mutigste Maus der Welt“. Mäuse-Diktator Willibald will immer noch über die Mäuse herrschen, diesmal aber als Medien-Mogul á la Berlusconi.

Gespannt sein darf man auf das Kinderbuch-Debüt von Finn-Ole Heinrich, der vielen mit seinen Titeln im mairisch Verlag bekannt sein dürfte. Bloomsbury hat seinen „Frerk du Zwerg“ eingekauft. Daniel Napp bringt bei Beltz & Gelberg „Achtung, hier kommt Lotta“ heraus, Carlsen verlegt die Oldenburg-Preisträgerin Kirsten Reinhard mit „Fennymores Reise oder wie man Dackel im Salzmantel macht“.

Eine neue Martina Wildner gibt es bei Beltz & Gelberg, „Das schaurige Haus“ ist für Kinder ab elf Jahren, Gerstenberg bringt Herbert Günthers Geschichte „Mein Leben als Fee“ mit Illustrationen von Rotraut Susanne Berner. Ravensburger schickt Frank Schmeißer mit „Schurken überall“ ins Rennen und Fischer Schatzinsel hat eine Roboter-Geschichte von Thomas Christos mit Bildern von Barbara Scholz für erste Leser im Programm, ebenso wie die siebte „Juliane Susewind“ von Tanya Stewner für Kinder ab acht Jahren.

Eine sichere Bank dürfte der dritte „Rico“-Band von Andreas Steinhöfel sein, den Carlsen für den Herbst ankündigt. Stoffe, die so sehr ins Herz gehen wie die ersten beiden „Ricos“, werden in den Kinderbuch-Lektoraten dringend gesucht.


Das Jugendbuch: Dystopien überall

Natürlich liegt über der Bologna-Messe der Schatten der japanischen Katastrophe und die Sorge um die Menschen, die von der Zerstörung betroffen sind. IBBY-Präsident Tayo Shima hat einen Brief an die Freunde in Bologna geschrieben, in dem er sich für die zahlreichen besorgten Nachfragen bedankt. Buchhändler in Deutschland erzählen von jungen Kunden, die vor ihnen stehen und wissen möchten, ob die von ihnen verehrten Manga-Zeichner noch leben.

Dass in dieser Zeit in so vielen Jugendbuch-Programmen Dystopien erscheinen, ist jedoch nicht als zynische Reaktion auf aktuelle Ereignisse zu deuten. Die Titel waren lange vor der Katastrophe geschrieben und akquiriert. Das wachsende Bewusstsein dafür, dass moderne Techniken nicht immer kontrollierbar sind, dass wirtschaftliche Interessen zu Entscheidungen führen können, die nicht rückgängig zu machen sind, führt wohl unweigerlich zu der Frage „Was wäre, wenn?“.

Vor einem Jahr hatte BuchMarkt über den Trend zu Weltuntergangs-Geschichten berichtet (Special Junge Zielgruppe 3/2010, S. 86f.). Im Frühjahr 2010 war z.B. Susan Beth Pfeffers „Die Welt wie wir sie kannten“ bei Carlsen erschienen, da war das Original bereits vier Jahre alt. In diesem Frühjahr hat z.B. Boje mit Stephen Wallenfels’ „X.TRA“ einen überzeugenden dystopischen Roman im Programm.

Für den Herbst kündigt arsEdition „Ashes, Ashes“ von Jo Treggiari an, Bloomsbury „Das Ende der Welt“ von Daniel Höra. Vermutlich wird schnell die Frage laut werden, ob das nicht alles etwas zu düster sei. Aber es gibt genügend andere Ansätze in den neuen Jugendbüchern.

Der Ravensburger Buchverlag gibt seiner Autorin Marlene Röder einen Auftritt für ihre Kurzgeschichten, die ein Ganzes ergeben. Wir sind sehr gespannt auf „Melvin, mein Hund und die russischen Gurken“ (würde rein titeltechnisch gut neben „Fennymores Reise oder wie man Dackel im Salzmantel macht“ passen), denn die bisherigen Titel der jungen Autorin waren echte Entdeckungen.

Chicken House-Programmleiterin Anja Kemmerzell freut sich auf zwei Debüts: das eine aus dem Wettbewerb um den Goldenen Pick – Regina Dürigs „Katertag oder: Was sagt der Knopf bei Nacht?“ [mehr…] – , das andere von C.J. Skuse, „Ziemlich krumme Dinger“.

Bei Loewe feiert man die Nominierung der Jugendjury zum Deutschen Jugendliteraturpreis für Ursula Poznanskis „Erebos“, verbunden mit der Erfolgsmeldung, dass man bereits 75.000 Exemplare abgesetzt und den Titel in 17 Sprachen verkauft habe. Das neue Buch der Autorin heißt „Saeculum“, kommt im November und wird sich um Rollenspiele drehen.

Eine neue Marie-Aude Murail wird es bei Fischer Schatzinsel geben, sie sei ganz anders als die bisherigen, verrät Programmleiterin Eva Kutter. „Das ganz und gar unbedeutende Leben der Charity Tiddler“ ist eine fiktive Biographie von Beatrix Potter und wurde in der „Elle“ von Anna Gavalda in den höchsten Tönen gelobt. Auch ein neuer Louis Sachar winkt: In „König Dame Joker“ (Bloomsbury) geht es ums Bridge-Spielen und vieles mehr.

Ein besonderes Projekt schließlich bei Thienemann: Sharon Dogar schreibt in „Prinsengracht 263“ „Die bewegende Geschichte des Jungen, der Anne Frank liebte“.

Daneben bleibt natürlich die Fantasy in all ihren Spielarten ein wichtiges Segment. Ein leichter Trend weg vom Eskapismus, hin zur Beschäftigung mit reellen Lebenswelten, so düster sie auch sein mögen, lässt sich aber erkennen. Humorvolles bleibt in dieser Sparte Mangelware.


Das Sachbuch: Tolle Titel, viel Ratlosigkeit

Der avj-Vorsitzende Ulrich Störiko-Blume hatte bei seiner Ansprache auf dem Empfang in Bologna ausdrücklich seine Kollegen gelobt, die in ihren Verlagen fürs Sachbuch zuständig sind. Fünf von sechs Titel auf der Nominierungsliste zum Deutschen Jugendliteraturpreis in dieser Sparte sind Eigenproduktionen. Nach wie vor beklagen aber viele, dass den hohen Entwicklungskosten solcher Bücher nicht die entsprechenden Umsätze folgen.

Ravensburger startet mit „Gripix“ ein neues, selbstentwickeltes Konzept, das mit Magneten arbeitet, den Auftakt bildet ein Titel zum Thema Weltall. cbj bringt in Lizenz den dritten Band von Lucy und Stephen Hawking, „Zurück zum Urknall – die große Verschwörung“.

Arena hat mit dem ScienceLab in Starnberg zusammengearbeitet, entstanden ist „Das große Forscherbuch vom Körper“ von Sonja Stuchtey und Patrick Bäuerle. Eine französische Lizenz mit Klappen von Nathan bringt Klett Kinderbuch mit „Hatschi, Pups und Aua“.

Diese Figuren von Nathan treffen wir bald in einem Sachbuch von Gabriel wieder

Auch „Was, wenn es nur so aussieht, als wäre ich da?“ ist eine Lizenz von Nathan, die Figuren des außergewöhnlichen Philosophie-Buches haben in diesem Jahr den französischen Stand zu einem Blickfang gemacht. Der Titel von Oscar Brenifier und Jaques Després erscheint in Übersetzung von Norbert Bolz bei Gabriel.

arsEdition nimmt einen neuen Anlauf mit dem Magic eye-Konzept, der Harry Potter-Band dürfte auch angesichts des Kinostarts der nächsten Folge gut ankommen.

Und Geschichte spielt eine wichtige Rolle in den herbstlichen Sachbüchern. Beltz & Gelberg bringt „Die Straße“ – Gerda Raidt zeigt auf sieben Doppelseiten, wie sich in hundert Jahren die Lebenswelt verändert – auf der linken Seite sieht man ein die Zimmer eines Hauses, in das technische Neuerungen einziehen und in dem sich Innenarchitektur und Design verändern, auf der rechten Seite den Wandel der Zeit auf der Straße.

Alois Prinz schreibt für die Weinheimer eine Biographie über Joseph Goebbels und Andreas Venzke erzählt in „Berlin, Berlin“ (Arena) die „Geschichte einer Nation“, die Meefisch-Preisträger Philipp Seefeldt illustriert hat. Man wünscht der Sachbuch-Sparte im Kinder- und Jugendbuch erneut mehr Beachtung.


Und noch viel mehr …

All das bislang Aufgezählte bleibt ein kleiner Ausschnitt aus dem, was uns im Herbst erwartet – und wir bedauern, dass hier nicht alles abgebildet werden kann. Nur dies noch:

Jacoby + Stuart bringt die aus der FAZ bekannte Serie „Dudenbrooks“ von Jochen Schmidt und Line Hoven in Buchform, „Geschichten aus dem Wörterbuch“. „Die Welt der Farben“ hat Willy Puchner erkundet, die Probeseiten, die wir am Stand von Residenz sehen konnten, sind eine Augenweide.

Dann natürlich die lang erwartete neue Anthologie von Hans-Joachim Gelberg, „Wo kommen die Worte her?“ bei Beltz & Gelberg und schließlich: „Die Erschöpfung der Welt“ (Klett Kinderbuch) – Charlotte Habersack hat Wortschöpfungen von Kindern gesammelt, die Jutta Bauer illustriert. Wir konnten schon den „Katzenzettel“ sehen, das viel schönere Wort für „Kassenzettel“.


Elektronisches

Auch wenn wir sie bislang nicht erwähnt haben: Über Apps & Co wurde auch gesprochen in Bologna. Aber nicht so furchtbar viel. Die Koje von zuuka! am deutschen Gemeinschaftsstand hatte regen Zulauf, in den Hallen der Engländer und Amerikaner jedoch war sehr viel weniger Elektronisches zu sehen als erwartet. Eine Programmleiterin äußerte gar die Einschätzung, die deutschen Kinderbuchverlage seien in der App-Entwicklung durchaus weiter als die amerikanischen Kollegen.

Die Librerie.coop Ambasciatori ist bis Mitternacht gut besucht

Gut besuchte Buchhandlungen wie die Giannino Stoppani oder auch die Librerie.coop Ambasciatori, die sich auf drei Etagen in einer ehemaligen Kirche inszeniert, waren ein weiteres gutes Zeichen für das gedruckte Buch in Bologna.

Wer dann noch die italienischen Schulklassen beim Betrachten von Nikolaus Heidelbachs Bildern in der Ausstellung an der Piazza Maggiore beobachtete, erinnerte sich an seine Mahnung, das ästhetische Besteck im Kinderbuch nicht unter den Tisch fallen zu lassen. Bilderbücher, bei denen Illustratoren die Kompatibilität für elektronische Medien mitdenken müssen, könnten in Zukunft ganz anders aussehen. Möge die Vielfalt erhalten bleiben.

Susanna Wengeler

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Anzeige

Wie war Ihr Monat, Anke Hoffmann?

„Wie war Ihr Monat?“ fragen wir monatlich Branchenmenschen. Dieses Mal Anke Hoffmann, seit Dezember 2025 Verlagsleiterin der Hörbuchverlage Der Hörverlag, Random House Audio und cbj audio in der Penguin Random

weiterlesen