
Hans Wißkirchen (v.l.)
Diese Frage diskutierten gestern Abend in der Deutschen Nationalbibliothek Frankfurt in einer Veranstaltung mit hr2-kultur und dem S. Fischer Verlag Hermann Kurzke, Michael Lentz und Hans Wißkirchen, das Gespräch moderierte Ruthard Stäblein.
Als Ehrengäste waren Verlegerin Monika Schoeller und Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki zugegen.
Ute Schwens, Direktorin der Deutschen Nationalbibliothek Frankfurt, nannte in ihrer Begrüßung den Ort gut gewählt, schließlich befinde sich hier im Haus das Exilarchiv. Außerdem ist die Veranstaltung gleichsam die Fortsetzung einer Mann-Reihe, die 2006 mit der Ausstellung über die Mann-Kinder begann und mit den Vorstellungen der Biografien über Katia Mann, Nelly Mann und Golo Mann sowie einem Gespräch mit Frido Mann fortgeführt wurde.
Was war typisch deutsch für Thomas Mann? lautete die erste Frage, die Ruthard Stäblein der Runde stellte. Hermann Kurzke verwies auf den ewigen Selbstzweifel, auf das Holzschnittartige der Deutschen, übrigens nicht immer als Nachteil angesehen.
Für Hans Wißkirchen standen eher Musik und Innerlichkeit im Mittelpunkt bei Thomas Manns Beurteilung. Michael Lentz dagegen stellte fest, dass die stetige Verspätung in der Geschichte eine Rolle gespielt hat.
Unweigerlich gelangte man zu den Betrachtungen eines Unpolitischen, 1918 nach dreijähriger Arbeit erschienen, in denen Thomas Mann den „Zivilisationsliteraten“, mit dem er seinen dort nicht namentlich genannten Bruder Heinrich Mann meinte, dem freien Autor, der sich nur Kultur, Freiheit, Seele und Kunst verpflichtet fühlt, entgegensetzte.
Thomas Manns Betrachtungen über Deutschland waren bereits damals eine sehr einseitige Sicht. Der I. Weltkrieg erschütterte diese Welt, Thomas Mann suchte wie viele andere Klarheit, äußerte Hans Wißkirchen.
Michael Lentz gab zu, die Betrachtungen nicht zu Ende gelesen zu haben. Er machte allerdings darauf aufmerksam, dass Thomas Mann die Rolle des Nationaldichters von seinem Bruder Heinrich zugewiesen wurde.
Hans Wißkirchen bestätigte, dass zwei Drittel der Betrachtungen ziemlich fürchterlich seien. Aber: Für Thomas Mann ist Deutschland nicht verspätet, er sieht das Land vielmehr als Kulturnation, die auf Goethe aufbaut. Zudem erwähnt Wißkirchen die „machtgeschützte Innerlichkeit“, auf die sich Thomas Mann 1933 in einem Vortrag über Richard Wagner bezieht.
Das Einspiel einer Lesung Hans Zischlers aus Thomas Manns Tagebüchern von 1918 und 1919 veranschaulicht die inneren Widersprüche des Schriftstellers, der außerdem damit rang, dass sein Bruder in dieser Zeit aufgrund der Veröffentlichung des Untertans erfolgreicher war als er.
Michael Lentz relativierte und stellte fest, dass in dieser Zeit viele Autoren auf Schlingerkurs gerieten. Thomas Mann erfahre politische Geschichte über Literaturgeschichte, es gebe kaum Äußerungen in den Tagebüchern zu politischen Personen der damaligen Zeit. Könne nicht auch Thomas Manns Selbstberauschung durch Sprache eine Rolle gespielt haben?
„Auch Thomas Mann soll viel abgekupfert haben“, wandte sich Ruthard Stäblein einem anderen Thema zu und löste damit Gelächter im Publikum aus. Hermann Kurzke wandte sofort ein, dass dies eine andere Geschichte sei. Natürlich finde sich alles Mögliche, aber es sei raffiniert – das sei der große Unterschied. Thomas Mann sei ein Zitierkünstler. „Bis hin zu fingierten Zitaten“, ergänzte Michael Lentz.
Ruthard Stäblein sieht den Zauberberg (1924) als Sinnbild für die Öffnung Thomas Manns hin zu westlichen Werten, obwohl Hans Castorp am Ende des Romans mit einem Lied auf den Lippen in den Krieg zieht, der Ausgang bleibt offen. Michel Lentz warnt davor, die Haltung Castorps mit der des Autors gleichzusetzen. Auch Hermann Kurzke spricht sich für eine differenziertere Betrachtung aus, schließlich werde Settembrini auch demontiert. Politisch betrachtet hatte die Sozialdemokratie zu jener Zeit überall einen schlechten Stand.
Hans Wißkirchen sieht den Zauberberg als Versuchsanordnung für die eigene Entwicklung Thomas Manns. In Bezug auf den Nationalschriftsteller sei die Idee desselben schon im Tod in Venedig im Hintergrund spürbar.
1929 erhielt Thomas Mann den Nobelpreis, das sei der Durchbruch gewesen, konstatierte Hermann Kurzke.
Michael Lentz brachte den Druck der Kinder Erika und Klaus auf den Vater zur Sprache, das sei mit ausschlaggebend für den endgültigen Bruch Thomas Manns mit dem NS-Regime gewesen. Damit werde er zum Nationalschriftsteller. „Es hätte ja auch eine andere Entwicklung geben können“, bemerkte Michael Lentz und führte beispielhaft Gottfried Benn an.
Die Runde ging anschließend auf das Exil der Familie Mann in Kalifornien ein und diskutierte die Unterschiede zwischen Thomas Mann und Bertolt Brecht, beide hatten höchst unterschiedlicher Bilder von Deutschland und seiner Zukunft. Marcel Reich-Ranicki meldete sich an dieser Stelle zu Wort und wies darauf hin, dass im Exil sogar über die Frage, wer Deutschlands Präsident nach dem Krieg werden könne, gesprochen wurde.
Thomas Mann hatte in Deutschland nach Kriegsende keinen leichten Stand, er wurde auch dann noch als „Verräter“ beschimpft. Der Nobelpreisträger wehrte sich vehement gegen die Anschuldigung, er habe der deutschen Tragödie in bequemer Position von außen zugesehen.
Hermann Kurzke ordnete diese Anfeindungen einer nicht aufgearbeiteten Vergangenheit zu. Hätten die 68er, die sich alten und wieder auflebenden Seilschaften entgegenstellten, Thomas Mann gelesen, wären möglicherweise Morde verhindert worden, postulierte der Professor.
Die Wende und die Einheit Deutschlands brachten Thomas Mann wieder ins Gespräch. Damit wurde auch die Rolle Deutschlands in Europa eine andere und Thomas Mann als Nationaldichter einmal mehr anerkannt.
Nach der Veranstaltung, es war die erste große im 125. Jubiläumsjahr des S. Fischer Verlags, drängten sich viele um den Büchertisch der Autoren Buchhandlung – der eine oder andere Besucher wollte wohl noch einmal bei Thomas Mann nachlesen – Anregungen dafür gab es schließlich genügend.
JF