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Peter Fritz: Was können wir im Buchgeschäft von den Amerikanern lernen?

Freitags um fünf: Was bewegt jetzt die Branche? Michael Lemsters Frage der Woche an Literatur-Agent Peter Fritz.

Peter Fritz ist einer der wichtigsten und wortgewaltigsten Anwälte und Vertreter der angloamerikanischen Literatur im deutschen Sprachraum. Spitzenautoren in allen Abstufungen vom Erhabenen bis zum hoch Kommerziellen finden sich auf seiner Klientenliste. Er führt seine Zürcher Agentur in der zweiten Generation.

Peter Fritz

Peter Fritz – lohnt sich das Geschäft mit amerikanischen Bestsellern in Deutschland wieder?

Peter Fritz: Was heißt hier wieder? Es hat sich immer gelohnt.

Aber haben denn nicht die deutschen Verlage genau aus diesem Grund in den letzten Jahren verstärkt deutschsprachige Autoren aufgebaut?

Peter Fritz: Ich sehe das ganz anders. Die Spitzenautoren im Belletristikbereich verkaufen sich immer gut, wir lizenzieren ungebrochen viele Titel. Lediglich im Sachbuch ist es schwieriger geworden.

Wie wichtig sind die Bestseller für Ihre Agentur?

Peter Fritz: Die sind wichtig. Bei ca. 500 Verträgen pro Jahr, die unsere Agentur abschließt, werden 57% der Titel für weniger als 5.000 Euro lizenziert. Zum Ausgleich brauchen wir Bestseller.

Was ist schöner: einen etablierten Autor endlich im richtigen Verlag unterzubringen, einem jungen Newcomer den Weg zum ersten Abschluss zu ebnen oder einen hoch verdienten Schriftsteller endlich auch in den deutschen Markt einzuführen?

Peter Fritz: Das ist alles gleich schön. Natürlich freuen wir uns, wenn wir einen jungen Autor anschieben können. Leider gucken Verlage und Handel sehr auf die GfK-Zahlen und bekommen schnell Angst, wenn er beim ersten Titel nicht funktioniert. Bei den Etablierten stellt sich oft irgendwann die Frage: sind sie noch im richtigen Verlag, oder gehören sie dort zu den „alten Möbeln“, die laufen mit und sinken langsam ab zur Midlist …

… den Autoren, die sich akzeptabel, aber glanzlos verkaufen …

Peter Fritz: Dann ist es angebracht, einen Wechsel vorzunehmen.

Warnen Sie in solchen Fällen vor?

Peter Fritz: In solchen Fällen rede ich mit dem Klienten, analysiere die Situation und spreche dann gezielt andere Verlage an, ob sie sich vorstellen könnten, ihn als AAA-Autor zu präsentieren.

Was machen amerikanische Verlage und Buchhändler so ganz anders als die deutschen?

Peter Fritz: Die Deutschen sind auf bestem Weg, die Amerikaner zu imitieren – das ist keine positive Aussage. Wir haben auch in Deutschland die Ketten, die großen kulturellen Flurschaden anrichten, indem sie den Verlagen vorgeben, wie verlegt werden muss. Hoffnung schöpfen wir aus den Signalen aus den USA, dass es auch den großen Ketten nicht unbedingt gut geht.

Was kommt nach den großen Ketten – in Deutschland und in den USA?

Peter Fritz: Das ist eine gute Frage – ein simples Zurück wird es vermutlich nicht geben. Aber es steht außer Zweifel, dass die Konditionsforderungen, die gegenwärtig erhoben werden, unannehmbar sind. Ich hoffe, diesmal bleiben die Verlage stark und geben nicht weiter nach.

Was können wir im Buchgeschäft von den Amerikanern lernen?

Peter Fritz: Ich möchte eigentlich gar nicht so viel lernen, ich möchte eher eine Rückbesinnung auf vorhandene Qualitäten sehen.

Anders als andere deutsche literarische Agenten haben Sie sich immer wieder zu Fragen des Electronic Publishing geäußert. Was treibt Sie dabei um?

Peter Fritz: Wenn ein neues Geschäftsfeld sich öffnet, muss man sich damit auseinandersetzen. Mir liegt seit zehn Jahren daran, dass die Verlage dieses Geschäft selber betreiben.

Ist die Unterscheidung Buch/E-Book für Sie überhaupt noch relevant?

Peter Fritz: Die Frage hat sich schon bei Audiobooks gestellt – nein, ich freue mich über jeden Menschen, der sich mit Literatur auseinandersetzt – in welcher Form auch immer sie dargeboten wird.

Beschäftigt Sie das Thema Piraterie?

Peter Fritz: Ich bin immer schon ein Anhänger des Digital Rights Management …

… einer Technik, die verhindern soll, dass Inhalte an Unberechtigte weitergegeben werden können …

Peter Fritz: … und wehre mich gegen Marketingüberlegungen von Leuten, die unterstellen, der Kunde akzeptiere das nicht. Der Buchhändler legt ja auch nicht die Bücher zur Selbstbedienung auf die Straße und hofft, jemand wirft ein bisschen Geld in die Kasse.

Aber ist denn gar nichts dran an dem Argument, dass technische Überforderung mit dem Digital Rights Management die Kunden in die Tauschbörsen treibt?

Peter Fritz: Es gilt einen Schutz zu generieren, der allgemein kompatibel ist.

Hier ist also die Industrie gefordert?

Peter Fritz: Absolut. Nehmen Sie die Hörbücher: Audible ist Marktführer geworden, obwohl sie einen funktionierenden Kopierschutz hatten.

Was ist Ihre wahre Leidenschaft?

Peter Fritz: Ich habe zwei Leidenschaften: die erste ist mein Garten, die zweite sind meine Bibliothek und das Lesen. Nach Cicero bin ich damit ein glücklicher Mensch.

Ihr Lieblingsautor ist… ?

Peter Fritz: Das darf ich nicht sagen. Im Urlaub lese ich Kleist in der vielgelobten neuen Hanser-Ausgabe.

Michael Lemster, als langjähriger Programmleiter von buecher.de ein „Urgestein“ des elektronischen Buchhandels, berät Verlage, Buchhändler, Dienstleister und E-Commerce-Unternehmen bei Geschäftsentwicklung, Programm und Datenprozessen. Katalogdaten sind sein Spezialgebiet. Daneben veröffentlicht er Reportagen und Interviews.

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