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Friedenspreis an David Grossman verliehen

Gottfried Honnefelder (r.) verliest die Urkunde zum
Friedenspreis für David Grossman

Heute Mittag wurde der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels in der Frankfurter Paulskirche an den israelischen Schriftsteller David Grossman [mehr…] verliehen.

Die Begriffe Gaben und Gegengaben stellte Prof. Dr. Gottfried Honnefelder, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels in den Mittelpunkt seiner Begrüßungsrede.

„… in Gabe und Gegengabe treten Menschen einander gegenüber, ohne sich gegenseitig umzubringen, sie geben einander, ohne sich dem anderen zu opfern. Wo solches geschieht, wird der Kampf vom Frieden abgelöst“, führte Gottfried Honnefelder aus. „In diesem Jahr dankt der Börsenverein durch die Verleihung des Friedenspreises David Grossman für das, was er durch sein Werk und sein Wirken allen geschenkt hat, die an dem Anteil nehmen, um das es ihm geht, um die Sache des Friedens. David Grossmans Gabe ist nicht gering. Denn er hat nicht weniger versucht, als mit der Kraft des Wortes und der Argumente auszuloten, welchen Weg es in der zerteilten und verminten Welt seiner Heimat überhaupt noch geben kann, um … die Speere niederzulegen. Wo Argumente sich nicht mehr durchzusetzen vermögen, kommt dem Werk, das nichts anderes tut, als das Schicksal der betroffenen Menschen zu erzählen, ganz besondere Bedeutung zu“, heißt es weiter.

„Dass die unlösbar erscheinenden Spannungen der Gegenwart nicht im wortlos gewordenen tödlichen Gegeneinander enden müssen, hat David Grossman nicht nur in immer neuen Anläufen mit Argumenten zu begründen versucht. Er hat seine Hoffnung im eigenen, persönlichen Handeln auf eine tief berührende Weise glaubhaft gemacht, hat ihn doch die Nachricht, dass unerwartet auch der eigene Sohn den kriegerischen Konflikten zum Opfer fiel, bei der Arbeit an seinem großen Roman nicht zum Verstummen bringen können“, würdigte der Vorsteher des Börsenvereins den Autor.

„Wir ehren in der Paulskirche mit den Friedenspreisträgern die Kunst der vorurteilsfreien Kommunikation“, erläuterte die Frankfurter Oberbürgermeisterin Petra Roth. Sie unterstrich die Anstrengungen von David Grossman, der in die Tiefen des andauernden Ausnahmezustands, in dem sich Israel und Palästina befinden, eindringt.

Zu Beginn seiner Laudatio bedauerte Dr. Joachim Gauck, dass er nicht auch noch den Träger des Friedensnobelpreises, Liu Xiaobo, hier in der Paulskirche begrüßen kann und erhielt dafür viel Beifall.

„Als Schriftsteller, als Institution, als Symbol der Friedensbewegung“ ist David Grossman seit langem bekannt. „Immer in Gefahr, in den Wüsten unserer Zeit zu verschmachten, sehnen wir uns nach Menschen, deren Denken, Reden und Schreiben uns hoffen lässt, die Zukunft könne Frieden und Recht bringen“, formulierte der Laudator. „Wir finden eine sprachliche Kraft in Ihnen, die wir bewundern. Aber mehr noch finden wir Unbestechlichkeit, Mut, die Bereitschaft zur unerschrockenen Wahrnehmung dessen, was ist, und den festen Willen, nicht aufzugeben, wo andere verzagen.“ Joachim Gauck bezeichnete David Grossman als einen Mann, „dessen pure Existenz unserer ewigen Sorge, ob Leben gelingen kann, eine Antwort gibt.“ Er steht dafür, dass Menschen nicht dazu verurteilt sind, Opfer ihrer Umstände zu sein. „Menschen haben eine Wahl … sie können sich noch angesichts von Willkür und Diktatur Bewegungsfreiheit schaffen“, postulierte der Laudator.

Auf die Gründung des Staates Israel eingehend, sagte Joachim Gauck: „Wir alle brauchen das WIR: die Familie, den Ort, die Sprache, Kultur, Religion, Nation, den Staat, all das, was uns mit den Unseren verbindet und umso mehr Sicherheit verströmt, je ungefährdeter es ist … manchmal decken sich die Wünsche des Einzelnen mit den Wünschen und Sehnsüchten des WIR. ‚WIR sind das Volk‘, riefen wir 1989 auf den Straßen und schafften es, das alte System zu stürzen, Freiheit zu gewinnen … endlich mochten und konnten wir friedfertig sein, umgeben von friedfertigen Nachbarn.“

„ Bei Israels Staatsgründung war das anders“, verglich der Redner, „der endlich realisierte zionistische Traum war von der ersten Stunde an bedroht.“

„Israel ist nicht England und nicht Amerika“, sprach Joachim Gauck weiter und zitierte David Grossman, der äußerte, dass man Israel wollen müsse, wenn es bestehen soll. Dabei ist Grossmans Loyalität nicht kritiklos, denn Meinungsfreiheit, Disput, Demokratie und Recht machen einen Staat aus, der als verteidigungswert betrachtet werden kann.

„Wohl kaum jemand von uns hier in der Paulskirche steht in der Zerreißprobe, eine doppelte Loyalität leben zu müssen. Grossmans so unbedingtes wie kritisches Ja zu Israel, dem Land, mit dem er sein eigenes wie das Leben seiner Kinder verbunden hat, lässt aber keinen Zweifel daran, dass sein Verständnis von Patriotismus nicht im Gegensatz steht zu seiner uneingeschränkten Bejahung der Menschenrecht, die den Respekt auch vor der Ratio des Anderen lehrt. Ein einfacher, und doch sehr schwer zu befolgender Imperativ“, stellte der Laudator fest.

Trotz persönlicher Schicksalsschläge ist David Grossman fest davon überzeugt, dass nur der Dialog hilft, mit dem Fremden und mit sich selbst, „um nicht in Hass und Groll zu erstarren, um das Leid des Anderen zu erkennen und um im Anderen sich selbst zu begegnen“, führte Joachim Gauck weiter aus.

Zum Schluss der Laudatio heißt es: „Danke David. Du stehst vor deinem Goliath, dem alltäglichen Hass – nicht einmal wie früher mit einer Steinschleuder. Aber du bist David.“

Im Anschluss an die Würdigung überreichte Gottfried Honnefelder den Friedenspreis und verlas die dazu gehörende Urkunde.

„Shalom und guten Morgen“, begann David Grossman seine Rede. Er bedankte sich bei den Verlegern, den Übersetzern und vor allem den Lesern.

Zunächst ging er auf die Umstände seines Romans Eine Frau flieht vor einer Nachricht ein. Er wollte die Geschichte Israels erzählen, eines Landes, das sich seit über hundert Jahren im Kriegszustand befindet, anhand einer persönlichen, ganz privaten Geschichte vom Leben einer Familie. Denn ist nicht das große Drama der Menschheit das Drama der Familie? „Ich denke, die bedeutendsten Dinge in der Geschichte der Menschheit haben sich nicht auf Schlachtfeldern ereignet, nicht in den Sälen der Paläste oder den Fluren der Parlamente, sondern in Küchen, in Kinder- und Schlafzimmern“, erläuterte David Grossman. „In meinem Buch wollte ich zeigen, wie der Konflikt im Nahen Osten uns seine ganze Brutalität in die so zarte und verletzliche Blase des Familienlebens ausstrahlt und – unausweichlich – deren innerstes Gewebe verändert“, erklärte der Autor weiter.

Er versuchte zu erzählen, welcher Anstrengungen es bedarf, in einem gewalttätigen Konflikt, einer von Härte und Gleichgültigkeit bestimmten Situation, Sensibilität, Zartheit und Mitgefühl zu bewahren. „Der Versuch, mitten im Krieg an all dem festzuhalten, erscheint mir wie das Vorhaben, mit einer Kerze in der Hand durch einen gewaltigen Sturm zu gehen“, formulierte der Schriftsteller.

Auf die Frage nach Grossmans größtem Wunsch wäre seine Antwort natürlich „Frieden“. Doch bis dahin? „Ich würde gern lernen, mich all dem Entsetzlichen, all dem Unrecht, das dieser Konflikt uns im Großen und im Kleinen jeden Tag beschert, so weit wie möglich auszusetzen. Mich nicht davor zu verschließen, mich nicht zu schützen; nicht aufzuhören, mich von ihm verletzen zu lassen“, unterstrich der Autor und sagte weiter: „Ich muss sie (die Dinge) beim Namen nennen, mit meinen Worten, und darf mich nicht von den Wörtern und Formulierungen verführen lassen, die Regierung, Armee oder meine eigenen Ängste – oder auch mein Feind – mir diktieren wollen. Und, was manchmal das Schwerste ist: nicht vergessen. Der mir da gegenüber steht, mein Feind, der mich hasst und mich als Bedrohung seines Lebens sieht, ist auch ein Mensch; mit seiner Familie und seinen Kindern, mit seiner Auffassung von Gerechtigkeit und seinen Hoffnungen, mit seiner Verzweiflung und seinen Ängsten, mit seinem blinden Fleck.“ Es ist immer wieder notwendig, über den Frieden zu sprechen, „denn nach hundert Jahren Krieg … glauben viele Israelis und Palästinenser nicht mehr an die Möglichkeit eines wirklichen Friedens … Wer aber die Möglichkeit des Friedens aufgegeben hat, ist schon geschlagen.“

Israelis und Palästinenser, betonte David Grossman, haben Recht auf ein Leben in Frieden, darauf, als einzelne und selbständige Völker in ihrem souveränen Staat in Würde zu leben und von den Wunden zu genesen, die ihnen der lange Krieg geschlagen hat. „Sie haben nicht nur ein Recht auf Frieden; sie sind – beide – existenziell auf Frieden angewiesen“, resümierte der Autor.

Frieden würde für die Israelis bedeuten, dass dann ein Gefühl existenzieller Fremdheit und Einsamkeit, das die jüdischen Menschen immer begleitet hat, vergehen würde. Weiter: „Wenn es Frieden gäbe, hätte Israel endlich auch Grenzen… Auch nach 62 Jahren hat Israel immer noch keine festen Grenzen … Wer keine klaren Grenzen hat, gleicht einem, in dessen Haus die Wände sich fortwährend bewegen; einem, der keinen festen Boden unter den Füßen spürt. Einem, der kein wirkliches Zuhause hat“, schilderte der Schriftsteller.

Bestimmte Worte bekommen, wenn sie von einem jüdischen Menschen und einem Israeli in Deutschland gesagt werden, einen anderen Resonanzraum als anderswo auf der Welt. „Das, wovon ich rede, die von mir verwendeten Worte und der Pulsschlag des Erinnerns, den sie wecken, kommen aus der Wunde der Shoah und werfen ihr Echo zurück … auch, was ich gerade hier in der Paulskirche sage, in der 1848 das erste in Deutschland frei gewählte Parlament tagte, welches das Fundament für die Demokratie legte, auch das kehrt, wie eine Brieftaube aus der Shoah, immer wieder ‚dorthin’ zurück“, stellte David Grossman fest.

„Ich stehe hier und rede mit Ihnen über Frieden“, sinnierte der Autor. „Merkwürdig. Ich, der ich in meinem ganzen Leben noch keinen Augenblick wirklichen Friedens erlebt habe. Doch ich weiß etwas über Krieg. Deshalb denke ich, habe ich das Recht, hier über Frieden zu reden.“

Krieg löscht die Besonderheit eines Menschen, das einmalige Wunder seiner Existenz, aus. Krieg leugnet auch die Ähnlichkeit der Menschen und alles, was sie verbindet. „Das genaue Gegenteil geschieht in der Literatur, und zwar nicht nur beim Schreiben, sondern auch beim Lesen. Literatur ist die völlige Hingabe an den Einzelnen … ein Ausdruck des Staunens über das Geheimnis des Menschen, seine Komplexität, seinen Reichtum und seine Schatten … Literatur vermag es, uns allen unser Menschengesicht zurückzugeben“, knüpfte der Preisträger an seinen Beruf an. Er schilderte, wie er nach dem Tod seines Sohnes zum Schreiben zurückfand, wie er erfuhr: „Es gibt Situationen, in denen die einzige Freiheit, die einem bleibt, die des Beschreibens ist: Die Freiheit, mit eigenen Worten das Schicksal zu beschreiben, das über einen verhängt ist. Manchmal kann dies auch der Weg sein, aus seinem Opferdasein herauszukommen.

Das trifft auf den einzelnen Menschen zu, aber auch auf Gesellschaften und Völker. Ich wünsche mir, dass mein Land, Israel, die Kraft finden wird, seine Geschichte noch einmal neu zu schreiben. Dass es lernen wird, seiner Geschichte und seiner Tragödie auf eine neue Art und Weise zu begegnen und sich aus ihr heraus noch einmal neu zu erschaffen … Auf dass wir nicht mehr Opfer werden, nicht unserer Feinde und nicht unserer eigenen Ängste. Auf dass wir endlich nach Hause kommen. Shalom“, schloss David Grossman eindrucksvoll.

JF

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