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Marianne Zeller (60)

Marianne Zeller

Marianne Zeller, die das Büro von Michael Krüger vom Hanser Verlag hütet, wird heute 60 Jahre alt. Sie wird nicht nur von vielen Autoren geschätzt, sondern auch vom Verleger, der sich nach seinen Worten „hier an einem kleinen Porträt seiner Mitarbeiterin versucht, die mehr über ihn weiß als er selbst“:

Man sollte den Wert eines Menschen nicht unbedingt daran messen, ob er gerne Romane liest und wie viele er davon in einem bestimmten Zeitraum vertragen kann. Aber wenn auch die Literatur sich einem solchen Contest unterwerfen sollte, hätte Frau Zeller gute Chancen eine Runde weiter zu kommen. Sie liest tatsächlich alle Romane, die in unserem internationalen Konzern erscheinen – und zwar, weil sie offenbar eine gute Kinderstube genossen hat, ausschließlich auf Papier.

Diese eigentümliche Sucht ist noch gar nicht richtig gewürdigt worden, denn Frau Zeller liest überdies noch Romane anderer Verlage. Dass sie an den Büchern nicht nur riecht – wie es dem alten Rowohlt nachgesagt wurde –, sondern sie tatsächlich lesend gewissermaßen zu sich nimmt, als Abendspeise, ersehe ich aus den meist grimmigen, gelegentlich brummenden und manchmal sogar lobenden Kommentaren, die sie bei nächstbester Gelegenheit auf Lager hat.

Die grimmigen sprengen den Anstand eines Geburtstagsartikels; von den brummenden sei auf das Prädikat „Schlaftablette“ hingewiesen, das häufig verabreicht wird, gern auch in bayerischer Mundart. Wenn ich dann schüchtern einzuwenden versuche, der Autor habe eine schwierige Zeit hinter sich … aber lassen wir das. Findet Frau Zeller dagegen ein Buch gut, dann fallen ihr zu allen seinen Teilen die schönsten Dinge ein. Sollten die Autoren solcher Bücher dann zufällig anrufen, wie es manche Autoren zu tun pflegen, dann kommen sie in den Genuss dieses Lobs, das sie für alle Mühe des Schreibens entschädigt. Ich kann – da bei uns die Tür selten geschlossen ist – nach langer Mithör-Praxis bezeugen, dass Frau Zellers Sympathien sich nie nach der Höhe der Vorauszahlungen richten – sonst wäre ihr Verhältnis zu Autoren wie z.B. Karl Heinz Bohrer oder Günter Kunert nicht so herzlich.

Manche Autoren reden so gerne mit ihr, dass sie darüber ganz vergessen, dass sie eigentlich mich etwas fragen wollten. Da Frau Zeller ohnehin alles weiß, bin ich oft überflüssig.

Was sie zur bayerischen Weißglut bringen kann, sind ungenaue Telefonate, z.B. von Menschen, die ein Manuskript anbieten wollen, sich aber nicht trauen und erst mal wissen wollen, ob in einem Verlag überhaupt gelesen wird. Wenn sie milde gestimmt ist, lautet die barsche Antwort: „Ich kann Sie leider ganz schlecht verstehen, bitte schicken Sie eine Mail.“ Die andere Variante lässt sich leicht aus dem Umstand rekonstruieren, dass sie nach Auflegen des Hörers laut ruft: „Volldepp!“ oder einmal sogar: „Ein Pädagoge!“

Prinzipiell aber telefoniert sie lieber als ich.

Und bei den großen Tragödien – leider hat wieder ein anderer den Preis erhalten; leider ist wieder ein hinterhältiger Druckfehler aufgetaucht; leider gab es bei der Lesung wieder keine Bücher; leider hat einer statt Philip Roth den Eugen Roth erhalten – findet sie immer die richtigen Worte, was mich sprachlos macht.

Das heißt, sie verfügt über eine erstaunliche Sicherheit. Wahrscheinlich ist sie der Ansicht, eine solche Sicherheit lasse sich zum Beispiel mit Sport erzielen, und zwar in Disziplinen, die ich dem Extremsport zuschlagen würde: Tennis, Joggen usw. Im Sommer lässt sie sich vor ihrem Haus in den reißenden Eisbach, parallel zur Isar, gleiten und durch die halbe Stadt schwemmen. Sie bezwingt gelegentlich auch den Berg, zu Fuß und mit Skiern.

Um dafür genügend Luft zu haben, hat sie vor Jahren das Rauchen aufgegeben – und aus Solidarität habe ich mitgemacht. Leider gibt es immer wieder rauchende Besucher, so dass sie gezwungen ist, die Geheimverstecke zu öffnen und lange verloren geglaubte Rauchwaren freizugeben, die wir dann wegrauchen müssen. Die zahllosen Schnapsflaschen dagegen, die besonders Vertreter osteuropäischer Literaturen gerne beisteuern, bleiben unberührt. Wein wird, wenn er auftaucht, getrunken.

Manchmal frage ich mich, wie es kommt, dass wir uns in all den Jahren, die wir nun Tag für Tag zusammensitzen, nicht einmal wirklich gefetzt haben. Das kann nicht nur an mir liegen, an meiner Harmoniebedürftigkeit, an meinem kleinbürgerlichen Willen, bis zum Abend den Schreibtisch leer zu haben, an meinem hohen Alter, an meiner Hinfälligkeit, an den vielen Verrückten, mit denen wir es auch zu tun haben und die uns zwingen, nach innen den Versuch einer Ordnung aufrecht zu erhalten.

Es muss also auch an Frau Zeller liegen, an ihrem Charakter.

Natürlich kann keiner von mir verlangen, darüber öffentlich nachzudenken.
Ihr 60. Geburtstag ist nun eine gute Gelegenheit, ihr zu danken, dass sie es so viele Jahre mit dem Verlag, mit seinen Autoren und mit mir ausgehalten hat. Über mangelnde Beschäftigung hat sie noch nie geklagt, über zu viel auch nicht, obwohl sie manchmal allen Grund gehabt hätte. Klage ist nicht ihr Fach, sondern meines. Wie sie damit umgeht, bleibt ihr größtes Geheimnis.

Kontakt: zeller@hanser.de

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