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Kursabschluss mit Harry Rowohlt

Harry Rowohlt erzählt

Die 70 Teilnehmerinnen und Teilnehmer der drei Kurse, die gestern auf dem mediacampus frankfurt | Die Schulen des deutschen Buchhandels ihren Abschluss feierten, hatten dazu einen ganz besonderen Gast: Harry Rowohl.

Eine zwölfköpfige AG arbeitete in Kooperation mit dem Sauerländer Verlag (Patmos Verlagsgruppe) an einem Projekt, dessen Höhepunkt die Buchpremiere von Sie sind ein schlechter Mensch, Mr Gum! war, soeben bei Sauerländer erschienen. Das Original von Andy Stanton hatte Harry Rowohlt, mehrfach preisgekrönter Übersetzer, aus dem Englischen ins Deutsche übertragen.

„Eigentlich bin ich todsterbenskrank und halte mich nur mit Medikamenten auf den Beinen“, verkündete Harry Rowohlt zu Beginn des Werkstattgesprächs. Die schlimme Erkältung vergaßen seine Zuhörer schnell, als sie ihm lauschten.

Zunächst begrüßte Susanne Türcke, die gerade ihre Ausbildung zur Medienkauffrau beendet hatte, die Gäste und erläuterte das Projekt. Die AG hatte vier Gruppen – Presse, Organisation, Autoren und Werbung – gebildet und die Buchpremiere vorbereitet und dabei eine Menge praktische Erfahrungen gesammelt.

Aus dem Sauerländer Verlag waren Katja Straub (Presse) und Silvio Rohr-Schaaff (Vertrieb, seit 1.7. im Campus Verlag) angereist, später kam Geschäftsführerin Marion Winkenbach dazu.

Harry Rowohlt erzählte zunächst von frühen Begegnungen mit Seckbach, die er während seiner Ausbildung im Suhrkamp Verlag hatte und die eher privater als beruflicher Natur waren, denn Siegfried Unseld war der Meinung, dass ein Lehrling, den er in seinem Haus anstellte, bereits alles wissen müsse, was man in der Buchhändlerschule lernen könne.

Anlässlich der Frankfurter Buchmesse 1996 mit dem Ehrengast Irland besuchte er die Seckbacher Schule als Referent, auch diese Erinnerung war mit einer Anekdote verbunden.

Zurück zum Thema kommend, holte Harry Rowohlt zunächst das Buch im Original aus einem Stoffbeutel: Damit fing seine Arbeit an. Er lese etwa zweieinhalb Seiten und wisse dann, ob das Buch etwas tauge und ihm die Übersetzung Spaß machen würde. Sei das nicht der Fall, lehne er ab. Dann – er zog einen A4-Hefter aus der Tasche – sei seine Übersetzung fertig, man müsse sich noch mit Lektoren herumschlagen, ehe die Arbeit in Druck geht. Schließlich – ein kleiner Karton kommt zum Vorschein – erhalten die Buchhändler ein hübsches Angebinde mit Buch, CD und einem in diesem Fall lustigen und zum Lesen bzw. Hören verlockenden Anschreiben. Schön wäre es, wenn das Buch auch gleichzeitig bei allen Buchhändlern vorrätig wäre.

Für seine Übersetzungen hat Harry Rowohlt eine Faustregel: so wörtlich wie möglich, so frei wie nötig. Schwierig sind Reime. Sollen sich die Zeilen auch im Deutschen reimen? Da komme es schon einmal zu Brandbriefen des Autors, doch das sei die Ausnahme. Mit einigen Autoren war und ist Harry Rowohlt befreundet; gleich wurde das am Beispiel einer gemeinsamen Lesereise mit Kurt Vonnegut verdeutlicht.

Für jede Sprache, die Harry Rowohlt übersetzt, hat er eine eigene Farbe. So finden sich auf seinem Jahres-Wandkalender rote, blaue und schwarze Kringel für bewältigte Pensa in der jeweiligen Sprache.

Der Übersetzer, der eigentlich fünf Jobs mit Hobby-Charakter bewältig – neben seinen meisterhaften Übertragungen ist er als Autor, Schauspieler in der Lindenstraße, Kolumnist und Sprecher tätig – vertritt die Meinung, dass CDs eher von Autoren und Übersetzern gelesen werden sollten; die kennen die Texte schließlich besser als die Schauspieler.

Nach einer Pause folgte die Lesung in der Mensa. Wie gewohnt hielt sich Harry Rowohlt nicht ausschließlich an den Text, sondern nahm seine Zuhörer mit auf Episoden seines Lebens, hüpfte gewandt von Anekdote zu Anekdote, die das Publikum immer wieder zum Lachen brachten und vollführte stets gekonnt die Punktlandung zurück im Text.

Ein grandioser Kursabschluss auf dem mediacampus, an den sich die Ausgebildeten und die Gäste wohl noch lange und gern erinnern werden.

JF

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