Seit heute morgen ist Apples iPad nun auch in Deutschland erhältlich. Nachdem der Verkaufsstart des mindestens 500 Euro teuren Tablet-Computers verschoben worden war, warteten Hunderte vor den Geschäften. Mit einem Erstverkaufstag eines Harry Potter lässt sich in Deutschland der Run aber wohl nicht vergleichen.
Wie Medien berichten haben sich in Frankfurt und Hamburg einige Hundert iPad-Fans in den frühen Morgenstunden versammelten und auf die Öffnung der Apple-Läden gewartet. In Frankfurt kamen nach Angaben der Polizei einige Käufer bereits sechs Stunden vor Verkaufstart, um einen der Tablet-Computer zu bekommen, die zu Preisen ab 500 Euro angeboten werden, heißt es in einer Agentur-Meldung.
Mit dem Gerät verbindet vor allem die Zeitungsbranche große Hoffnungen auf neue Impulse für ihr digitales Geschäft, siehe auch das aktuelle BuchMarkt-Heft 5/2010 („iHype und BuchHaptik“). Dabei fallen die Prognosen für den Verkauf sehr unterschiedlich aus. „iPad wird in Deutschland neuen Millionen-Markt schaffen“, sagt die Statistik-Seite statista.com. Der Branchenverband Bitkom rechnet damit, dass Apple bis zum Jahresende in Deutschland 500.000 Exemplare des Minicomputers verkauft. „Das iPad ist bislang nur eine Spielerei“, ist dagegen Michael Ringier überzeugt, obwohl auch sein Unternehmen zusammen mit der Buchhandlung Orell Füssli vor dem Verkaufsstart einen E-Kiosk eingerichtet hat.
Tests wurden in den letzten Tagen in vielen Blättern abgedruckt, zum Beispiel in der WELT. Die WELT macht heute morgen (wie im BuchMarkt angekündigt) auf der Titelseite mit der Werbung für ihr neues WELT-App auf. BILD muss dagegen auf Grund der Moralvorstellungen von Apple-Chef Steve Jobs seine Blickfänge für Männer zensieren und hat auch gleich noch aus der Aldi-Werbung die Angebote für Unterwäsche mit herausgenommen.
Die autokratischen Tendenzen von Jobs über sein Gerät gibt Anlass zu zahlreichen Kommentaren bis hin zum Spott: „Alles, was man aus den USA hört, klingt weniger nach der Entwicklung und Vermarktung eines Gerätes, als vielmehr nach Schaffung und Gründung eines Staates“, sagt FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher, der laut Rolling Stone befürchte, dass Apple mit dem geschlossenen iPad-System eine autoritäre Herrschaft anstrebt. Aus dem alten Claim „Think different“ sei nun „Think like us“ geworden, kommentierte das Auslandsjournal des ZDF kürzlich. „Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Apple und Gott?“, beginnt ein zeitgenössischer Scherz. „Gott hält sich nicht für Apple.“, wird auf nt-v.de gewitzelt.
Der Spiegel kostet im App-Store gleich einmal 19 Cent mehr als gedruckt, außerdem bringt das Nachrichtenmagazin zahlreiche Filme in den App-Store. Diese hat das Hamburger Magazin extra umbauen müssen, weil Apple die Standarddarstellung via Flash-Player nicht zulässt. Damit unterstütze der Spiegel Jobs bei seinem Feldzug gegen Adobe hieß es heute morgen in Kommentaren. „Wir wollen den Spiegel zu einem Teil neu erfinden“, ist dagegen aus Hamburg zu hören, wie kress berichtet. Der Focus dagegen beharrt darauf, seine Inhalte weiter zu verschenken, um größere Reichweite für Anzeigenkunden zu gewinnen.
Als einer der ersten hat Carsten Scheibe in seinem Blog auf stern.de explizit das Bücherlesen auf dem iPad getestet und kommt zu einem durchweg positivem Ergebnis, wenn nur nicht die Inhalte fehlten, hier nachzulesen.
Der Preis für das Apple-Tablet liegt in Europa zwischen 499 und 799 Euro. In den USA wurden in den ersten vier Wochen seit der Markteinführung Anfang April mehr als eine Million Geräte verkauft. Der internationale Start habe sich um rund einen Monat verschoben – weil die Nachfrage in den USA so hoch war, wie Apple behauptet. Auch in Australien, Kanada, Frankreich, Italien, Japan, Spanien, der Schweiz und Großbritannien hat der Verkaufsstart heute begonnen.
Derweil steht auch die Konkurrenz mit neuen Technologien in den Startlöscher. Acer wirft mit LumiRead ein eigenes Tablet auf den E-Reader-Markt. Zum Start teilte Acer mit, man habe eine Vereinbarung mit Barnes & Nobles sowie libri.de getroffen, die das Tablet mit Inhalten versorgen sollen.
Außerdem wird heute eine neue Display-Technologie vorgestellt. Die niederländische Firma Liquavista hat auf der Displaymesse der Society for Information Displays (SID) in Seattle ein 8,5-Zoll-Display vorgestellt, das auf Öltröpfchen-Basis funktioniere und damit für E-Ink-Displays macht. Die New York Times berichtet über das OLED-Display von Sony, das sich während des Abspielens eines Video-Clips auf einen Bleistift aufrollen lässt.
Derweil holt Jobs die Ethik aus einer ganz anderen Richtung ein. Der wie auch andere Hersteller dürften zunehmend nervös werden, weil die Serie von Selbstmorden beim weltgrößten Elektronik-Hersteller Foxconn nicht abreißt, in dem auch das iPad zusammengebaut wird. Am Mittwochabend sprang ein weiterer Mann aus einem Wohnheim im südchinesischen Shenzhen in den Tod – es war der zwölfte Sprung und der zehnte erfolgreiche Selbstmord seit Jahresanfang, berichtet die WELT heute. Kurz zuvor war eine Journalistengruppe durch das Werk geführt worden. Ein weiterer Arbeiter, der sich die Pulsadern aufschneiden wollte, konnte daran gehindert werden. Dabei hat die Firma 70 Psychiater im Einsatz und ein Rundschreiben herausgegeben, das Selbstmord verbietet. In der Fabrik in Shenzhen arbeiten mehr als 300 000 Beschäftigte – wohl zum Teil unter schlechten Bedingungen.