
„Dieses Fest wird nicht für das Fachpublikum organisiert, sondern steht jedem Leser offen“, betonte Stadträtin Erika Pfreundschuh in ihrer Begrüßung zum Langen Tag der Bücher gestern im Chagall-Saal im Schauspiel Frankfurt. Sie wies außerdem darauf hin, dass die Stadt Frankfurt jährlich 200 Millionen Euro für Kultur ausgibt: „Jeder Cent ist gut angelegt“.
Anlass zur Sorge gebe allerdings das Verhalten junger Menschen, die immer weniger lesen und auch weniger miteinander redeten. Zusehends mache sich das unsägliche „Denglisch“ breit, es stellt sich die Frage: Welche Sprache sprechen wir Deutschen eigentlich? Und welche Sprache lernen Migranten, wenn sie Deutsch lernen?
Auf das umfangreiche Programm des Tages wies Organisator Florian Koch hin und machte auf die Glücksbox am Büchertisch aufmerksam. Hier konnten die Leser eine Karte mit dem Titel des Buches, das sie an diesem Tag glücklich machte, einwerfen und an einer Buchverlosung, die am Ende des Langen Tags der Bücher stattfand, teilnehmen. Verlost wurden drei Pakete mit den elf vorgestellten Büchern des Tages.
Ohne das große Engagement der Frankfurter Literaturveranstalter Hessisches Literaturforum, Romanfabrik, Literaturbetrieb e.V., Kulturamt der Stadt Frankfurt sowie hr2-kultur, die alle Lesungen mit Moderatoren unterstützten, hätte der siebente lange Tag nicht so durchgeführt werden können.
Der Stroemfeld Verlag begann den Lesereigen mit seiner Autorin Roswitha Quadflieg, die Moderator Harry Oberländer, Hessisches Literaturforum vorstellte. Die Herausgeberin, Grafikerin und Schriftstellerin Roswitha Quadflieg erzählt in ihrem Buch Der Glückliche die Biographie des Stadtarztes Dr. L. W., „eine Lebensgeschichte, die in die Geschichte fiel wie ein Stein ins Wasser und noch heute Ringe verursacht“. Der Roman zu zehn Stimmen beruht auf wahren Erlebnissen.
Der Verlag der Autoren folgte mit einer theatralischen Lesung von Tom Lanoye aus Atropa. Die Rache des Friedens. Verlagsmitarbeiterin Annette Reschke stellte den belgischen Dramatiker, Romancier und Performer vor, übersetzt wurde das Werk von Rainer Kersten.
„Wie sind Sie eigentlich vom bestbezahlten zum mit am schlechtesten bezahlten Gewerbe gekommen?“, fragte Moderator Michael Hohmann, Romanfabrik, seinen Gesprächspartner Willi Zurbrüggen und spielte damit auf die ehemalige Tätigkeit des heutigen Autors im Investmentgeschäft an. „Ich bin lieber frei und unsicher als abhängig in einem Acht-Stunden-Job und sicher“, antwortete der mehrfach ausgezeichnete Übersetzer und jetzt auch Schriftsteller. Mit Nordlich, erschienen in der Edition Büchergilde, legte er sein Debüt vor, in dem sich die Geschichten von drei Familien in der Zeit von 1915 bis 1963 kreuzen.
Kein Ersatzverlag für Suhrkamp, sondern die Arbeit einer Literaturagentur stand auf dem nächsten Programmplatz. Alf Mentzer, hr2-kultur, präsentierte den Agenten Georg Simader von Copywrite. Die 1999 in Frankfurt gegründete Literaturagentur hat 25 Autoren unter Vertrag, darunter Alina Bronsky, Jan Costin Wagner und Stephan Thome. „Ich muss schauen, dass Autoren und Verlage zusammenpassen. Es geht um Geld, natürlich, aber auch um Charakter“, beschrieb Georg Simader seine Tätigkeit. „Wir sind nicht nur Hebamme für das erste Buch, sondern begleiten die Autoren in einer sich ständig wechselnden Verlagslandschaft“, setzte er hinzu. Seit etwa 150 Jahren gibt es in Deutschland Literaturagenturen, in der NS-Zeit waren sie verboten.
Die „Entdeckung“ Rita Falk hatte er mitgebracht, sie las mit ihrem äußerst passenden oberbayrischen Akzent aus ihrem Kriminalroman Winterkartoffelknödel, der am 15. September als Spitzentitel bei dtv erscheinen wird. Das Manuskript hatte sie selbst mehrmals an Verlage geschickt, es war immer abgelehnt worden. „Wenn man selbst seine Bücher anbietet, hat man kaum Chancen“, ist folgerichtig ihre Erfahrung. Georg Simader, auf dessen Schreibtisch täglich fünf Manuskripte landen, fand Rita Falks Geschichte sehr authentisch und lobte ihr Naturtalent. Mit dem Buch ist ein Coup geglückt; das Hörbuch und der Nachfolgeroman sind bereits fertig, das dritte Buch ist in Arbeit.
Für Autoren auf der Suche nach einer Agentur hatte der erfolgreiche Vermittler einen wichtigen Hinweis: „Wenn ein Agent sofort Cash will – Finger weg!“ Er weiß, es gibt auch schwarze Schafe unter den Literaturagenturen.
Verlagsleiter Axel Dielmann war anschließend mit seinem Autor Charles Ofaire und dessen Schweiz-Roman Berns verlorene Kindheit zu Gast, ihnen zur Seite stand und las Michael Goldberg, Ensemblemitglied des Schauspiel Frankfurt.
Lyrik folgte: Arezu Weitholz hatte ihr Buch Mein lieber Fisch. Vierundvierzig Fischgedichte, erschienen bei Weissbooks, mitgebracht. Vorgestellt wurde die Autorin von Werner Söllner, Hessisches Literaturforum.
Heiner Boehncke, Literaturbetrieb, machte das Publikum mit der Schriftstellerin Ulrike Almut Sandig bekannt, die aus ihrem ersten Erzählungsband Flamingos, erschienen bei Schöffling & Co. vortrug.
Lektor Karsten Kredel, Eichborn Verlag, stellte die Dramaturgin und Autorin Katja Oskamp vor, die aus ihrer Geschichte Hellersdorfer Perle las.
Fortgesetzt wurde der Lesereigen mit Anne Weber und ihrem Roman Luft und Liebe, erschienen bei S. Fischer. Sonja Vandenrath, Kulturamt der Stadt Frankfurt, sprach auf dem Podium mit der Autorin.
Erlebnisreisen durch das Literaturland Hessen – ein Lesebuch lautet der Titel des Sammelbandes mit Geschichten von dreizehn hessischen Autoren, erschienen im Societäts-Verlag. Die Lesung des Schauspielers Michael Quast wurde von Hans Sarkowicz, hr2-kultur, begleitet.
Zu später Stunde führten Autor Peter Zingler und Moderatorin Sibylle Nicolai in die Gefilde käuflicher Liebe und präsentierten Rotlicht im Kopf, erschienen im B3 Verlag.
Selbstverständlich gab es wieder einen Büchertisch, diesmal betreut vom Literaturbetrieb e.V. Hier befand sich auch die Glücksbox zum Einwerfen der Karten.
Bis 18 Uhr hatten unter den Arkaden des Schauspiels acht Antiquare ihre Stände aufgebaut und hielten trotz kühler Witterung tapfer zum 2. Frankfurter Bücherflohmarkt aus, der bei Zuhörern und Passanten auf Interesse stieß.
Begleitet wurde der Lange Tag der Bücher von einer Verlags-Collage, Projektionen zum Thema des Tages, “Neues Glück“, waren auf einer Leinwand im kleinen Kino im Erdgeschoss zu sehen.
JF